Warum es Sonntagabendgottesdienste kaum mehr gibt – obwohl sie nicht unbeliebt sind

In vielen Pfarreien wird die Gottesdienstgemeinde immer kleiner. Hinzu kommen nicht selten personelle Engpässe. Wie also künftig genügend Eucharistie feiern? Als Alternative am Abend?

Wolfgang Holz

Nomen est omen? Eigentlich feierte Jesus Christus mit seinen Jüngern Abendmahl. Kein Frühstück. Warum also gibt es nicht mehr Abendgottesdienste – insbesondere am Sonntagabend? Zumal Abendgottesdienste auch atmosphärisch noch ganz andere Potentiale erzeugen können. Stichwort: Meditation. Stichwort: Stille und Ruhe.

«Stimmungsvolle Sonntagabendgottesdienste»

«Früher gab es noch viele stimmungsvolle Sonntagabendgottesdienste, daran kann ich mich gut erinnern», sagt Monika Schmid. Sie sei vor gut 50 Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern immer im Luzernischen am Sonntagabend in einem Nachbardorf von Rothenburg in die Messe gegangen. «Die Gottesdienste waren gut besucht, nicht zuletzt mit Familien und Jugendlichen», sagt die langjährige frühere Gemeindeleiterin von Effretikon ZH gegenüber kath.ch. Diese Zeiten seien aber vorbei.

Andererseits könnte sie es sich durchaus vorstellen, dass Kirchgemeinden sich regional zusammenschliessen, um auszuprobieren, ob Sonntagabendgottesdienste zu fixen Terminen von den Gläubigen angenommen würden: «Beispielsweise jeden Sonntag um 17 oder um 19 Uhr.» Als Eucharistie- oder als Kommunionfeier. Und dafür nur einen Sonntagmorgengottesdienst.»

Die Sache mit der Sonntagspflicht

Aber was ist mit den Vorabendmessen am Samstag? «Die wurden ja vor Jahren vor allem eingeführt in Zeiten, als es noch galt, die Sonntagspflicht zu erfüllen – aber das ist doch längst Vergangenheit», so Monika Schmid. So manche Kirchgemeinden hätten den Samstagabendgottesdienst mittlerweile abgeschafft.

So beispielsweise auch im sankt-gallischen Steinach, wo die Eucharistiefeier am Samstagabend gestrichen wurde. In einigen Pfarreien in St. Gallen, die räumlich nahe beieinander liegen, wurde die Gottesdienstordnung ebenfalls angepasst. Seit diesem Jahr finden pro Wochenende nur noch zwei statt drei klassische Sonntagsgottesdienste statt. Eine direkte Auswirkung des Priestermangels und der immer kleiner werdenden Festgemeinde.

Also warum nicht versuchen, Gottesdienstzeiten zu ändern und neue Formate wie Abendgottesdienste, an Sonntagen und Werktagen, auszuprobieren – selbst wenn klassische Kirchgänger darauf pochen, am Sonntagmorgen um 10 Uhr in den Gottesdienst zu gehen? Schliesslich gibt es auch Menschen, die zu normalen Gottesdienstzeiten arbeiten müssen – auch am Sonntag.

Langjähriger Sonntagabendgottesdienst abgeschafft

In Winterthur, in der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul, werden schon seit Jahren Sonntagabendgottesdienste angeboten. «Es gibt bei uns beispielsweise eine indische Community, welche diese Abendgottesdienste liebt. Und früher sind diese Gottesdienste gut besucht gewesen – auch durch Menschen, die in der Pflege arbeiten», berichtet Pfarrer Stefan Staubli gegenüber kath.ch.

Doch in der neuen Gottesdienstordnung, die ab nächstes Jahr gilt, tauchen diese Sonntagabendgottesdienste nicht mehr auf. Sie wurden im Rahmen einer gesamtstädtischen Reduktion und Koordination der Gottesdienste und  infolge mangelnder Frequenz gestrichen. Dabei attestiert Staubli solchen Abendgottesdiensten eine «schöne und besinnliche Atmosphäre».

Taizé-Gottesdienstfeier am Sonntagabend bleibt

Das sei auch der Grund, warum einmal im Monat noch der Taizé-Gottesdienst am Sonntagabend beibehalten werde. Gerade die Stille und die Taizé-Gesänge seien sehr gefragt bei Gläubigen. «Das Moment der Stille wird in normalen Gottesdiensten oft stiefmütterlich behandelt und zu wortlastig gefeiert», räumt Staubli ein.

Andererseits sei in Winterthur in St. Peter und Paul der Vorabendgottesdienst am Samstag gut besucht. Staubli sieht deshalb wenig Zukunft für das «Revival» eines regelmässigen Sonntagabendgottesdienstes.

Ostermorgen-Liturgie wichtig

Zur Frage, warum in der kath. Kirche das «Abendmahl Jesu» mehrheitlich am Morgen gefeiert wird, sieht Stefan Staubli gute biblisch-theologische Gründe, «indem wir in der Eucharistiefeier ja ganz zentral und gewichtig ein Ostermahl sehen, das uns mit der Realität vom Ostermorgen verbinden will.»

Szenenwechsel. In der katholischen Pfarrei Guthirt in Zug finden seit einiger Zeit Sonntagabendgottesdienste statt – für die grosse englischsprachige Expat-Community im Steuerparadies. Diese Gottesdienste sonntags um 18 Uhr sind laut Pfarrer Kurt Schaller gut besucht.

Sonntagabend gehört Familie und Wochenvorbereitung

«Ich habe auch schon beobachtet, dass einzelne Gläubige aus der Kirchgemeinde, die zweisprachig sind, diese «Good Shepherd»-Gottesdienste besuchen», sagt Schaller gegenüber kath.ch. Er selbst kennt Sonntagabendgottesdienste noch von früher her aus dem Luzernischen.

Allerdings räumt der Zuger Seelsorger Sonntagabendgottesdiensten generell heute keine grosse Anziehungskraft mehr ein. Er könnte sich zwar vorstellen, solche Formate einmal auszuprobieren. «In der Schweiz gehört der Sonntagabend aber aus meiner Sicht eher der Familie. Zudem bereiten sich viele schon wieder innerlich auf die neue Arbeitswoche vor – da ist eher Ruhe angesagt.»

Die Jugend und «Adoray»

Aber was ist mit der Jugend, die nach dem Ausgang am Samstag am Sonntagmorgen lieber ausschlafen will, anstatt den Gottesdienst zu besuchen? «Auch hier sehe ich kein grosses Potenzial, weil viele junge Leute zwischen 16 und 20 bereits häufig die spirituellen Angebote von «Adoray» wahrnehmen», ist Schaller überzeugt.

Adoray ist bekanntlich eine junge Bewegung in der katholischen Kirche, die durch die Grundhaltung der Anbetung (adore) und des Lobpreises (pray), eine lebendige Christusbeziehung zu pflegen sucht. Nebst regelmässigen Lobpreisabenden werden je nach Ort auch noch andere Aktivitäten wie zum Beispiel Sport, Filmabende, Nightfever oder Jugendgottesdienste organisiert.

Die spezielle Ruhe um 7 Uhr morgens

Dennoch ist auch Pfarrer Kurt Schaller innovativ in Sachen Gottesdienstzeiten in Guthirt. «Wir haben beispielsweise einen Freitagabendgottesdienst um 19.30 Uhr. Wir überlegen uns allerdings, die Zeit etwas vorzuverlegen, weil diese Zeit im Winter schon sehr spät ist.» Zu seinen persönlichen Favoriten zählt die 7 Uhr-Messe am Dienstag. «Die ist gut besucht, und es herrscht jeweils eine sehr spezielle Morgenatmosphäre mit stillen Momenten.»


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/warum-es-nicht-mehr-sonntagabendgottesdienste-gibt/