«Der Altar von Brienz ist ein gutes Omen»

Bis Sonntagmittag muss das Bündner Bergdorf evakuiert werden wegen des drohenden Schuttstroms. Der Flügelaltar der Pfarrkirche wird bis Freitagabend abgebaut und wegtransportiert. Kirchgemeindepräsident Thomas Kollegger hofft auf eine Rückkehr des wertvollen Kulturgutes – auch nach der zweiten Evakuierung.

Barbara Ludwig

Bereits am Samstagabend wurde die Bevölkerung von Brienz aufgefordert, sich umgehend auf eine Evakuierung vorzubereiten. Nun muss es ganz schnell gehen, seit gestern steht der Termin: Bis Sonntagmittag um 13 Uhr müssen alle Menschen und Tiere das Dorf verlassen haben, entschied die zuständige Behörde.

Zerstörung des Dorfes durch Schuttstrom möglich

Denn der Gemeinde im Albulatal, die bereits im vergangenen Jahr evakuiert werden musste, droht erneut Ungemach von oben. In der Schutthalde hoch über Brienz/Brinzauls bewegen sich seit der zweiten Septemberhälfte rund 1,2 Millionen Kubikmeter Felsschutt mit 20 bis 35 Zentimetern pro Tag talwärts, hiess es in einer Mitteilung der Gemeinde von Albula/Alvra. Es bestehe die Gefahr, dass er sich löse und dann als schneller Schuttstrom in Richtung des Dorfes abgleite.

Nach Einschätzung der Geologen und Naturgefahrenexperten sei es am wahrscheinlichsten, dass sich die Schutthalde wieder beruhigt. Ein Schuttstrom bis in das Dorf ist gemäss Mitteilung aber nicht auszuschliessen. «Eine solche Steinlawine könnte Geschwindigkeiten von 80 oder mehr Stundenkilometern erreichen.» Eine teilweise oder sogar die gesamte Zerstörung des Dorfes könnte die Folge sein.

Zeitaufwendiger Abbau des Flügelaltars

Auch der Altar der Pfarrkirche St. Calixtus wird nun umgehend aus der Gefahrenzone gebracht, auch er zum zweiten Mal. Es handelt sich um einen wertvollen spätgotischen Flügelaltar, der vor dem Abbau in seine Einzelteile zerlegt werden muss, eine aufwendige Arbeit.

«Die Vorbereitungen des Abbaus, der Abbau selber und der Abtransport nehmen zirka drei Tage in Anspruch und werden bis Freitagabend abgeschlossen sein», teilt Thomas Kollegger auf Anfrage mit. Kolleger ist Präsident der Kirchgemeinde Albula, die auch für Brienz/Brinzauls zuständig ist.

Die Arbeiten würden in enger Koordination mit der Denkmalpflege des Kantons Graubünden unter Leitung von Karolina Soppa durch ausgewiesene Fachkräfte vorgenommen. Die Professorin und Fachfrau für Konservierung und Restaurierung arbeitet an der Hochschule der Künste Bern. Abbau und Transport übernehmen laut Kollegger Kulturgüterspezialisten des Zivilschutzes.

Kostenfrage im Moment zweitrangig

Der Altar werde wiederum im Albulatal an einem geeigneten Ort sicher zwischengelagert, teilt der Kirchgemeindepräsident mit, ohne den Ort zu nennen. Als einen positiven Aspekt der ersten Evakuierung bezeichnet er die Erfahrungen, die im Umgang mit diesem Kulturgut gemacht werden konnten.

Wie viel die Operation kostet, sei zum jetzigen Zeitpunkt schwer abschätzbar – und derzeit zweitrangig. «Die Frage nach den Kosten ist für uns angesichts der Betroffenheit der Bewohnerschaft momentan von untergeordneter Bedeutung.»

Zurzeit sei auch nicht «restlos klar», wer die Sicherung des Altars finanziere. Jedoch sei bereits bei der ersten Evakuierung im vergangenen Jahr die Solidarität mit Brienz gross gewesen, was sich in Spenden von öffentlichen und privaten Institutionen sowie von Einzelpersonen gezeigt habe.

Bald wieder Eucharistie feiern in St. Calixtus?

Der Flügelaltar aus dem 16. Jahrhundert hat laut Kollegger eine wesentliche emotionale Bedeutung für die Einwohnerinnen und Einwohner des Bergdorfes. Er sei in einer Zeit eigens für Brienz/Brinzauls geschaffen worden, als sich das Selbstbewusstsein der Brienzerinnen und Brienzer besonders manifestierte.

«Damit ist der Altar doch ein gutes Omen für den Selbstbehauptungswillen der Gemeinschaft vor Ort», findet der Kirchgemeindepräsident. Er hoffe deshalb sehr, dass «wir in Bälde den Altar wieder in der schönen Kirche des heiligen Calixtus von Brienz/Brinzauls sehen und wieder gemeinsam Eucharistie feiern können». Wie bald dies möglich sein wird, hängt jedoch von Verhalten des Gesteins ab. Die Gemeinde Albula geht davon aus, dass das Dorf mehrere Monate nicht betreten werden kann.


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