Drohende Steinlawine: Brienzer Flügelaltar muss wieder evakuiert werden

Die Bevölkerung von Brienz muss sich auf eine erneute Evakuierung vorbereiten. Demnächst könnte ein Steinlawine das Bündner Bergdorf verschütten. Auch der Flügelaltar der Pfarrkirche St. Calixtus muss wieder in Schutz gebracht werden. Don Federico Pelicon hofft auf den Beistand des Heiligen Calixtus.

Barbara Ludwig/Regula Pfeifer

Die zuständige Behörde hat am Samstagabend die Bevölkerung von Brienz gebeten, sich umgehend auf eine Evakuierung vorzubereiten. Möglicherweise können die Bewohnerinnen und Bewohner mehrere Monate nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren. Grund für die Aufforderung: Es droht der Absturz von 1,2 Millionen Kubikmeter feuchten Gesteins oberhalb des Dorfes.

Ohnmacht und Ratlosigkeit

Für das Dorf im Albulatal ist es die zweite Evakuierung innerhalb von zwei Jahren. Am 16. Juni 2023 blieb Brienz allerdings vom Schlimmsten verschont: Damals kam der Fels als trockener Schuttstrom und stoppte kurz vor dem Dorf. Nun müsse davon ausgegangen werden, dass die Gesteinsmassen schneller abrutschen und weiter ins Dorf vordringen könnten, sagte der Leiter des Frühwarndienstes, Stefan Schneider, laut einer Meldung der Nachrichtagentur Keystone-SDA.

Don Federico Pelicon ist Pfarradministrator der katholischen Kirchgemeinde Albula, die auch das Gebiet von Brienz umfasst. «Die Reaktionen der Bevölkerung waren von einem Gefühl der Ohnmacht und Ratlosigkeit geprägt, was aufgrund des Umstandes, dass eine erneute Evakuierung droht, mit der Ungewissheit, ob man je wieder in das geliebte Zuhause zurückkehren kann, durchaus verständlich ist», teilt der Priester auf Anfrage von kath.ch mit.

Gebet um Kraft für «aussergewöhnliche Prüfung»

Die Behörden und die involvierten Fachleute täten alles in ihrer Macht stehende, um die Bevölkerung in dieser sehr schwierigen Situation zu unterstützen und zu schützen. Er wünsche allen Beteiligten, dass sie die dafür erforderliche Kraft und Energie erneut aufbringen können und sich die Situation wieder entspannen wird, so Pelicon.

Er unterstütze die Dorfbewohner durch seine «Gegenwart, mit Zuhören und mit dem Gebet, dass unser Herrgott allen die nötige Kraft verleihen möge, diese aussergewöhnliche Prüfung zu bestehen».

Vorbereitungen für Dislozierung des Flügelaltars

Auch der wertvolle Flügelaltar der Pfarrkirche St. Calixtus muss erneut in Schutz gebracht werden. Vorbereitungen dazu hätten begonnen, weiss Pelicon. «Seitens der Kirchgemeinde, der Pfarrei und der Denkmalpflege wurden unverzüglich die Vorbereitungen für die Dislozierung des Altars an einen geeigneten Ort aufgenommen.»

Er sei zuversichtlich, dass sich dafür eine gute Lösung finden werde. Und hoffe, dass der Flügelaltar dereinst wieder an seinen angestammten Platz in der Pfarrkirche von Brienz zurückgeführt werden könne.

Der spätgotische Altar aus dem 16. Jahrhundert war im vergangenen Jahr wegen des drohenden Bergsturzes Mitte Mai – in Einzelteile zerlegt – wegtransportiert und anschliessend restauriert worden. Seit Ende August 2023 steht er wieder in der Kirche St. Calixtus.

Kirchenpatron als Fürsprecher

In der Wahrnehmung von Pelicon hat sich das Leben in Brienz nach der letzten Evakuierung wieder normalisiert. «Umso mehr sitzt der Schock angesichts der aktuellen Entwicklung tief».

Er wünsche sich, dass die derzeit grosse Ungewissheit möglichst bald eine Ende finde und die Bevölkerung mit ihrem Hab und Gut verschont bleibe. «Der Heilige Calixtus, der Kirchenpatron von Brienz/Brinzauls, möge dafür auch in dieser ausserordentlichen Situation als Fürsprecher dienen», schreibt Pelicon.

Angerufen wird Calixtus, Bischof von Rom und Märtyrer der Antike, seit jeher auf einer Inschrift, die die grosse Glocke im Kirchturm von Brienz ziert: «Lubrica saxa manu retine caliste potenti! Atque tuere tuum sancte patrone locum.» Auf Deutsch heisst das: «Durch deine mächtige Hand, Calixtus, halte zurück die schlüpfrigen Felsen und beschütze, heiliger Patron, diesen Ort.»


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