Worte, Worte, Worte: «Das Erotische scheint aus den Gottesdiensten verbannt zu sein»

Langweilen Sie sich auch ab und zu am Sonntag in der Eucharistiefeier? Dabei hätte die katholische Liturgie so viel Sinnlichkeit zu bieten. Theologe Johannes Röser fordert im Interview mehr Sakramentalität.

Wolfgang Holz

Katholische Gottesdienste unterscheiden sich von reformierten Gottesdiensten klar durch liturgisch-rituelle Komponenten. Stichwort: Wandlung, Brot und Wein, Hostien, Weihrauch, viel Musik. Trotzdem hat man den Eindruck, dass katholische Gottesdienste nur noch vom Wort beherrscht werden. Sehen Sie das auch so?

Johannes Röser: Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und den folgenden liturgischen Reformen wurde der Tisch des Wortes neben dem Tisch des Brotes reichlich gedeckt. Auch das biblische Wort ist Sakrament und soll der Gemeinschaft der Gläubigen besser zu Gehör gebracht, erschlossen werden.

Während zuvor die «eigentliche» Eucharistie im volkstümlichen Bewusstsein erst mit der «Opferung», also Gabenbereitung, begann und alles Einleitende als nicht so wichtige «Vormesse» betrachtet wurde, erhielten nun die Schriftlesungen und deren Auslegung ein eigenes Gewicht im Gesamt der gottesdienstlichen Versammlung. Eine Art religiöse Inklusion also. Dieser Mehrwert war der dem Konzil vorausgehenden Bibelbewegung wesentlich mit zu verdanken. Eine Korrektur früherer Zeiten, in denen dem Volk der Reichtum der Heiligen Schrift vorenthalten blieb.

«Wortbeiträge aufgebläht»

Und heute?

Röser: Heutzutage kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es Phasen und Regionen gab, in denen den Katholiken die persönliche Bibellesung geradezu als gefährlich für den Glauben verboten war. Das letzte Konzil hat sich damit der reformatorischen Erkenntnis, der Besinnung auf die Schrift als alleingültiges Wort Gottes, geöffnet.

Mit der Aufwertung des biblischen Wortes in den katholischen Gottesdiensten und der Hinwendung zur Volkssprache in der Liturgie haben sich auch die sonstigen Wortbeiträge – von der Begrüssung über die Predigt bis zu persönlichen Bemerkungen und Wünschen bei der Entlassung – aufgebläht.

«Maximalismus des Redens und Zerredens»

Hinzu kommt die Versuchung, Texte und Handlungen der Eucharistie den Anwesenden eigens zu erklären. Dies umso mehr in dem Masse, in dem der Gottesdienstbesuch schwindet, die Liturgie den seltenen «Gästen» fremdartig erscheint. An die Stelle des rhetorischen Minimalismus, der allein auf die Kraft der Riten, der Symbole sowie Zeichenhandlungen, damit aber ebenso auf ein magisches Verständnis des Sakramentalen setzte, ist inzwischen ein Maximalismus des Redens und Zerredens getreten.

Es gibt katholische Theologen, die räumen ein, katholische Gottesdienste in der Schweiz hätten sich im Lauf der Zeit eben dem wortpuristischen Stil reformierter Gottesdienste angepasst. Was sagen Sie dazu?

Röser: Überall, wo es nicht mehr Priester gibt, um der Eucharistie vorzustehen, werden selbst sonntags Wortgottesdienste – oft mit Kommunionausteilung – von Nicht-Ordinierten geleitet. Da das kirchliche Lehramt eine Verwechslung dieser Form mit der Eucharistie ausschliessen möchte, hat sich der Begriff Wort-Gottes-Feier eingebürgert.

Da vielerorts mangels Organisten oder sonstiger musikalisch Gebildeter oftmals ein Gebet an das andere gereiht wird, um ähnlich der Eucharistiefeier eine ganze Stunde zu füllen, verschärft sich die Wortinflation. Nicht selten werden Texte ausgesucht, die an Banalität kaum zu überbieten sind.

Die Sache mit den Fürbitten: Infantile Wünsche

Können Sie ein Beispiel nennen?

Röser: Das gilt besonders für die Fürbitten, die krampfhaft tagesaktuelle Geschehnisse aufgreifen, was stets in infantilen Wünschen endet: «Lieber Gott, mach, wir bitten dich, erhöre uns.» Und so beten wir «für alle, die Verantwortung tragen…» Und so weiter. Wenn derart Sonntag für Sonntag über Wochen, Monate oder Jahre hinweg darum gebetet wird, dass der Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten, im Sudan oder sonst wo enden möge – was für ein zweifelhaftes Gottesbild steckt dahinter?

Ist Gott etwa taub, wie Elija spöttisch über die Götter der wild tanzenden Baalspriester beim zeternden Beten auf dem Berg Karmel bemerkte? Hat er sich etwa schlafen gelegt? Warum greift er nicht ein? Warum bleibt sein guter Geist aus? Warum formulieren die Autoren der Fürbitt-Vorlagen nicht konkret, dass ein Kriegstreiber und Massenmörder wie Putin in die Hölle geschickt werden möge? Das wäre ehrliches, radikales, wahres biblisches Beten. Aber es verstösst gegen die politisch und religiös korrekte Diplomatie, wonach es harmonisch zugehen solle, erst recht im Gottesdienst.

Ökumene-Liturgie: «Kleinster, gemeinsamer Nenner»

Apropos: Warum müssen eigentlich immer Katholiken bei ökumenischen Gottesdiensten in Sachen Liturgie zurückstecken?

Röser: Da lehramtlich noch keine gemeinsame Feier von Eucharistie und Abendmahl möglich ist, zieht man sich möglichst anspruchslos auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurück: gefällige Worte. Oder man weicht gern auf Moral, in erster Linie Sozialmoral, aus. Aber es geht auch anders. Sehr berührend können ökumenische Tauferinnerungsfeiern sein, die ernst machen damit, dass wir miteinander existentiell hart auf Christi Tod getauft sind, damit wir mit ihm leben und auferstehen.

«Das Sinnliche des Sehens ist in den Gottesdiensten jedoch verkümmert, vom Sinnlichen des Riechens oder gar Tastens ganz zu schweigen.»

Wie sinnlich darf und sollte katholische Liturgie aus heutiger Sicht sein? Seelsorgende predigen ja oft statisch und einschläfernd vom Blatt am Ambo. Es werden oft Lieder gesungen, die vielen nichts sagen…

Röser: Der Mensch ist nicht nur ein Hörer des Wortes, sondern mindestens ebenso ein Seher des – bewegten wie unbewegten – Bildes. Mit dem Internet und den sozialen Netzwerken hat sich der sogenannte «iconic turn» der Neuzeit, die Hinwendung zum Bild und die Macht der Bilder, nochmals beschleunigt. Die Kinowelten begeistern Massen.

Das Sinnliche des Sehens ist in den Gottesdiensten jedoch verkümmert, vom Sinnlichen des Riechens oder gar Tastens ganz zu schweigen. Berührungen sind heutzutage tabu, erst recht infolge der massiven sexuellen Missbrauchsverbrechen und sonstigen übergriffigen Verhaltens, wozu unter anderem die «Me-too»-Bewegung aufklärerisch das Bewusstsein geschärft hat.

«Das Erotische scheint aus Gottesdiensten verbannt»

«Gott ist die Liebe»: Mit der gleichnamigen Enzyklika hatte Papst Benedikt XVI. sein Pontifikat eröffnet. Dabei sprach er die erotische Seite menschlicher Wahrnehmung als Freude an Gott und seiner Schöpfung an. Das Erotische scheint jedoch aus den Gottesdiensten verbannt zu sein, wenn man nur einmal die triste Alltags-Werktags-Kleiderwahl selbst am festlichen Sonntag bedenkt.

Was kann das Auge noch – abgelenkt und umherschweifend – leiblich Sinnliches im Gottesdienst entdecken, wenn nur noch überwiegend die ältere und älteste Generation teilnimmt? Gott ist angeblich ein jugendlicher Gott, ein Freund des Lebens, der den einzelnen erfreut von Jugend auf. Wo denn in unseren Gottesdiensten?

Welche liturgischen Elemente könnte man Ihrer Meinung nach einführen in Gottesdiensten, um sie lebendiger zu gestalten?

Röser: Man sollte aus Gottesdiensten nicht gekünstelte Events machen. Aber man kann sehr wohl Anteil nehmen an dem, was sich künstlerisch, musikalisch, literarisch, medial an Möglichkeiten zum Beispiel audiovisuell eröffnet. Selbst in Städten mit bedeutenden Musikhochschulen finden kaum mehr moderne Kompositionen – selbst kleinste Stücke, welche die Hörgewohnheiten «disruptiv» brechen – Einlass in die feierlichen «Hochämter». Wir feiern überwiegend mit dem Gewohnten, Gefälligen. Dabei ist Unterbrechung doch die kürzeste Definition von Religion, also insbesondere im Kult.

«Der religiöse Kult, die Liturgie, verarmt»

Wie meinen Sie das?

Röser: Während vieles im Weltlichen als «kultig» gilt, verarmt der religiöse Kult Liturgie, weil weder Klerus noch Laien weitergehende liturgische Reformen über das Zweite Vatikanische Konzil hinauswagen. Das hängt vor allem mit dem Gottesverständnis zusammen, das kaum noch die wahre Gottesnot bis in die Abgründe der Abwesenheit, des Todes, der Nacht Gottes in die Liturgie hineinnimmt.

Dabei feiern wir in der Eucharistie angeblich die ganze, oft verstörende Bandbreite von Leben, Leiden, Tod und Auferweckung Jesu Christi und darin unsere eigene Todesnot und Sehnsucht. Unsere Liturgien mitsamt der üblichen Gebetssprache sind auf einen engen Zeithorizont begrenzt, als ob diese Gegenwart ewig so bliebe, noch dazu eng geführt auf die Menschenwelt, wie sie jetzt ist, in wenigen Jahrhunderten, geschweige denn Jahrzehntausenden so aber nicht mehr sein wird. Der französische Philosoph Jean-Luc Marion verlangt, Gott ohne Sein, ohne Existenz zu denken.

«Staunen? Staunen!»

Will heissen?

Röser: Die Mystiker sind an die Grenze der Vorstellungskraft geraten und haben zu Paradoxien Zuflucht gesucht, die ins Absurde stossen, ähnlich den Verstehensmodellen von Naturwissenschaften, die sich jenseits konventioneller logischer Anschauung bewegen. Wo findet solche Mystik einer negativen Theologie, die nach der entmythologisierenden Entzauberung von Welt und Gott sich vom neuen Zauber des Mysteriums Dasein bewegen lässt, Platz in unseren Gottesdiensten? Staunen? Staunen! Mehr Sinnlichkeit wagen heisst dann: Mehr Gott wagen, den unverständlichen, mysteriösen Gott nicht bloss des Seins, sondern ebenso des Werdens in einer andauernden Werdewelt.

Frömmigkeit mit Sinnlichkeit und Emotionalität

Würde denn konkret mehr katholischer «Glamour» aus Ihrer Sicht wieder für mehr Kirchenbesucher sorgen? Schliesslich sind gerade festliche Gottesdienste in Klöstern beliebt. Und sakrale Riten an Wallfahrtsorten wie in Medjugorje und Taizé ziehen Tausende in ihren Bann.

Röser: Es gibt in jeder Religion verschiedene Formen der Frömmigkeit, sei es mehr volkstümlicher oder mehr hochreligiöser, intellektueller Art. Jede hat ihre Sinnlichkeit und Emotionalität. Theologisch wie liturgisch scheint der geistige Anschluss an den technologisch-wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt trotz allen Beschwörens von Interdisziplinarität nicht wirklich zu gelingen.

Doch hier entscheidet sich die Gottesfrage, weil die einst so selbstverständlichen magischen Welten des volkstümlichen Gottesverständnisses zusehends zerbrechen. Gott ist für grosse Teile der Bevölkerung unplausibel, daher obsolet geworden. Mehr «Glamour» hilft angesichts dieser tiefgreifenden gesamtgesellschaftlichen Gotteskrise nicht. Liturgische Events bleiben fruchtlos an der Oberfläche, wenn sie nicht von einer neuen Gottesnachdenklichkeit genährt werden, inwendig. Das lässt sich nicht doktrinär anerziehen, auch nicht durch noch mehr Katechismuswissen.

«Hineinhorchen ins Mysterium der Welt»

Aber durch was denn dann?

Röser: Es braucht vielmehr einen langwierigen Prozess der Aufmerksamkeit, ja Andächtigkeit von klein auf. Ein Hineinhorchen ins Mysterium der Welt. Der verstorbene Psychoanalytiker Tilmann Moser, der einst ein aufwühlendes Buch über die «Gottesvergiftung» geschrieben hatte, dass Angst machende Gottesbilder und eine entsprechende religiöse Erziehung den Menschen krankmachen, schrieb später: «Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott». Moser wies darauf hin, dass alle Seinserfahrung auf Andächtigkeit gründet, bereits vorgeburtlich.

Wie sieht ein lebendiger katholischer Gottesdienst heutzutage aus Ihrer Sicht aus? Lautet das Zauberwort heute eher Partizipation statt Sinnlichkeit?

Röser: Mit Staunen und im Staunen beginnt alles: Kunst als Ausdruck frühester Menschen angesichts des Mysteriums von Geburt und Tod, Wissenschaft als Neugier und ständiges Überschreiten ins Unbekannte, Gottesglaube als Transzendieren mit Transzendenz, Gottesverehrung als Sehnsucht nach dem Ewigen. Die Erfahrung des Heiligen, dass es mehr gibt als das, was unsere Sinne wahrnehmen, kommt bevorzugt aus der Stille, dem Schweigen, einer Anschauung ohne Anschaulichkeit. 

«Das Zauberwort heisst also Sakramentalität.»

Aus dem Nicht-Wort erst entwickelt sich das Wort jenseits von Worthülsen, Gerede und Geplappere. Angesichts des kirchlich ausgeprägten Kultes ums Wort sollte das schweigsame Sakramentale als Durchscheinen der Materie, etwa von Brot und Wein, auf das Jenseitige, Geistige hin wieder an Bedeutung gewinnen.

Das Zauberwort heisst also Sakramentalität. Gerade ein politischer Theologe, der Befreiungstheologe Leonardo Boff, hat auf diese Universalität des Sakramentalen als Überschreiten von Raum und Zeit inmitten von Raum und Zeit aufmerksam gemacht. «Gott kommt früher als der Missionar.» Gott kommt früher auch als das, was wir feiern. Einem Gott in Bewegung wird sich eine redliche Liturgie nicht entziehen.

*Johannes Röser, geboren 1956, war langjähriger Chefredakteur der Wochenzeitschrift «Christ in der Gegenwart». Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Tübingen ist er seit 1981 Journalist. Er ist Autor und Herausgeber verschiedener Bücher zur religiösen Frage. Zuletzt: «Auf der Spur des unbekannten Gottes – Christsein in moderner Welt» (Verlag Herder, Freiburg 2021).


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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