Bischof Gmür: «Diakoninnenweihe ist für manche eine Frage des Glaubens»

An der Weltsynode hat der Schweizer Delegierte, Bischof Felix Gmür, die Weltkirche in ihren Besonderheiten erlebt. Er stellt fest: Obwohl in der Minderheit «bleibt die ‹kirchlich-europäische› Kultur in der Welt klar dominant». Auch bei der Frauenweihe?

Lucienne Bittar, cath.ch, Rom

Der 24. Oktober war ein «Off-Tag» für die Teilnehmenden der Weltsynode, die auf die Präsentation des Schlussdokuments am 26. Oktober warten. Felix Gmür, Bischof von Basel und Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, war allerdings viel beschäftigt. Er beantwortete die Fragen von cath.ch zwischen verschiedenen Treffen – mit einem Mönch aus Taizé, der Arbeitsgruppe zum Priesteramt und jener zum Kirchenrecht.

Gibt es ein bestimmtes Dossier, das Sie als delegierter Bischof der Schweiz vor der Synodenversammlung vertreten haben?

Felix Gmür: Ihre Frage deutet auf ein häufiges Missverständnis der Synode bezüglich der Synodalität hin. Es gibt kein Dossier oder eine Position, die es zu verteidigen gilt. Es geht in erster Linie darum, einander zu begegnen, einander zuzuhören und auf den Heiligen Geist zu hören. Das ist der Grund für diese Synode.

«Das Thema Interkulturalität stand auf der Synodenversammlung 2024 an erster Stelle.»

Haben Sie während des synodalen Weges eine Veränderung festgestellt?

Gmür: Ich glaube, dass sich im Laufe dieses Prozesses ein echter Wandel vollzogen hat, der in der zweiten Synodenversammlung, die wir derzeit in Rom erleben, spürbar ist. Die Mitglieder der Synode hatten seit dem letzten Jahr die Gelegenheit, einander besser kennen zu lernen. Sie sprechen nun freier und ohne Angst vor Verurteilungen über ihre Freuden, aber auch über ihren Kummer, ihre Schwierigkeiten und Probleme. Von ihrem Wissen oder Nichtwissen und auch von ihren Sackgassen.

Diese Offenheit hat dazu geführt, dass das Thema Interkulturalität auf der Synodenversammlung 2024 an erster Stelle stand. Wir haben erkannt, dass die Kultur, der genaue Kontext einen entscheidenden Einfluss auf das Leben der Kirche hat.

«Hier erleben wir die Realität auf globaler Ebene.»

Auf das Leben der Ortskirche?

Gmür: Auf das Leben der Weltkirche und der Ortskirche. Die Art und Weise, wie die Gegenwart Gottes gefeiert wird, ist in Afrika anders als in England, in den USA oder in Lateinamerika. Wie man seine Verwurzelung in einer lokalen Gemeinschaft lebt, hängt davon ab, ob man in einer industrialisierten oder eher ländlichen Gegend lebt. Die meisten von uns haben dies in ihrem eigenen Land erfahren. Ich selbst kenne die Realität im Bistum Basel gut. Aber hier erleben wir die Realität auf globaler Ebene. Sie ist viel reicher – und viel komplizierter.

Hat die Synode ihren Mitgliedern die Gelegenheit geboten, sich mit der komplexen Spannung zwischen der Universalität der Kirche und den Partikularismen auseinanderzusetzen?

Gmür: Ja, wir haben dies wirklich erlebt. Ich selbst habe an den französischsprachigen Tischen teilgenommen, wo ich regelmässig Vertreter der Ostkirchen mit ihren ausgeprägten Traditionen antraf.

«Ob man in einem demokratischen Land lebt oder nicht, beeinflusst die Dynamik der Kirche.»

Mir ist auch bewusst geworden, wie sehr die Tatsache, ob man in einem demokratischen Land lebt oder nicht, die Dynamik der Kirche beeinflusst. Die Herausforderungen, denen sich eine Kirche, die unter einer Diktatur lebt, stellen muss, sind völlig anders als die einer Kirche, die in einer offenen Demokratie wie der unseren lebt, wo wir alles sagen können, ohne Gefahr zu laufen, vor Gericht zu landen. Nehmen Sie homosexuelle Paare. Ein Bischof hat mir erzählt, die Regierung seines Landes habe gewarnt, sie würde die Kirchen schliessen, wenn er anfinge, solche Paare zu segnen.

Es gibt also die innere Bereitschaft der Menschen, ihren Wunsch, dem anderen so zu begegnen, wie er ist, und ihn in seiner Not zu unterstützen, und die Realität des politischen Kontextes, die diesen Ansatz begünstigt oder nicht begünstigt. Dieser Umstand war während dieser Synodenversammlung viel stärker spürbar.

Bei der Generalaudienz am 18. September 2024 sagte der Papst, dass wir noch zu «eurozentrisch» seien. Bestätigen Ihre Erfahrungen mit der Synodalität diese Diagnose oder haben Sie den Eindruck, dass sich die Achse der Kirche verschiebt?

Gmür: Gemessen an der Zahl der Katholikinnen und Katholiken hat sich die Achse bereits deutlich nach Süden verschoben: Die Mehrheit von ihnen lebt nicht mehr in Europa. Die «kirchlich-europäische» Kultur bleibt jedoch in der Welt klar dominant. Sie hat sich mit dem Kolonialismus überall ausgebreitet, denn mit den Kolonisatoren kamen auch die christlichen Missionare.

«Heute weiss jeder, dass der Einbezug von Frauen in das Leben der Kirche notwendig ist.»

Auf dieser Synode wurde viel über die Stellung der Frau gesprochen, obwohl das Diakonat der Frau nicht auf der Tagesordnung stand. Die europäische Sichtweise unterscheidet sich in dieser Frage von der afrikanischen, auch wenn Kardinal Fridolin Ambongo, Erzbischof von Kinshasa, am 22. Oktober sagte, dass die Kirche in Afrika «keine besonderen Schwierigkeiten» bei der Untersuchung dieses Themas sieht. Nehmen Sie Veränderungen wahr?

Gmür: Es gibt zwei Fragen, die manchmal verwechselt oder vermischt werden. Heute weiss jeder, dass der Einbezug von Frauen in das Leben der Kirche und ihre Beteiligung an Entscheidungsprozessen notwendig ist. Denn die Mehrheit der Gläubigen sind Frauen, wie mir ein Afrikaner sagte, und diese sind offensichtlich stärker in der Kirche engagiert als die Männer. Dieses Engagement der Frauen muss sich auf der Ebene der Anerkennung ihrer Fähigkeiten und damit ihres Zugangs zu Führungspositionen niederschlagen.

Und dann ist da noch die Frage der Diakoninnenweihe von Frauen, die komplizierter anzugehen ist, da es sich hierbei für manche um eine Frage des Glaubens handelt, ehe es eine «organisatorische» Frage ist.

Die Präsenz von Frauen an allen Ausbildungsstätten der Kirche, einschliesslich der Seminare, scheint hingegen akzeptiert zu sein.

Gmür: Ja, sie wird mehr oder weniger einhellig befürwortet.

«Das ständige Diakonat der Frauen könnte nur in Diözesen eingeführt werden, das das wünschen.»

Allein die Existenz dieser Synode, die in ihrer Versammlung Bischöfe, Ordensleute, männliche und weibliche Laien vereint, verkörpert den Willen des Papstes, der Kultur des Klerikalismus ein Ende zu setzen. Konnten Sie das Schweizer Subsidiaritätsmodell mit seinem dualen System als mögliche Leitungsform vorstellen?

Gmür: Nicht wirklich. Das wäre in den drei Minuten Redezeit zu kompliziert. Aber der Begriff der Subsidiarität war während der Synode sehr präsent und wird nun mit dem verbunden, was der Papst «eine gesunde Dezentralisierung» nennt. Was nicht im Zentrum entschieden werden muss, kann auf der niedrigeren Ebenen, auf lokaler Ebene, entschieden werden. Dies trifft für mich auf die Frage des ständigen Diakonats der Frauen zu. Ich für meinen Teil denke, dass die Weltkirche dies in Betracht ziehen könnte, aber es würde nur in den Diözesen eingeführt werden, die das wünschen, ohne Verpflichtung.

Was antworten Sie jenen, die befürchten, dass eine stärkere dogmatische Anpassung der Kirche an kulturelle Besonderheiten ihrem Universalismus und ihrer evangelisierenden Mission schaden könnte? Mit dem Risiko, es den Protestanten gleich zu tun.

Gmür: Ich glaube nicht, dass wir Angst davor haben sollten, den Protestanten, Orthodoxen oder anderen näher zu sein. Unser Massstab, unsere Regel und unser Horizont ist immer das Evangelium. Wir müssen also evangelischer werden! Und damit auch missionarisch. Den Menschen das Evangelium zu bringen und sie einzuladen, ihm zu folgen, ist unser Auftrag. Aber das bedeutet nicht, dass wir ihnen vorschreiben müssen, wie sie es leben sollen. Das ist etwa das, was Synodalität ausmacht. Es geht darum, gemeinsam Wege zu erkunden, um das Evangelium in den Mittelpunkt unseres Alltags zu stellen.

Die Einheit in der Kirche ist kompliziert herzustellen, erst recht zwischen allen Konfessionen. War das ökumenische Anliegen während der Synode deutlich genug?

Gmür: Die Ökumene war, wie die Frauenfrage, eines der Querschnittsthemen der Synode. Es war in allen Diskussionen und an allen Tischen zu finden. Die geschwisterlichen Delegierten aus verschiedenen Kirchen haben ihre Wünsche geäussert und ihre Erfahrungen mitgeteilt. Ich glaube, dass es wirklich einen gemeinsamen Willen gibt, sich anzunähern und voneinander zu lernen. Um dies zu tun, muss man sich jedoch zunächst einmal kennenlernen. Daher ist es so wichtig, dass diese Delegierten bei der Synode anwesend sind.

«Ich glaube nicht, dass die Synode der richtige Ort ist, um über das Priesteramt zu entscheiden.»

Ist die Synodalität ein erster Schritt zu einem neuen Ansatz für das Priesteramt? Könnte eine nächste Synode zu diesem Thema in Betracht gezogen werden?

Gmür: Ist die Synode der richtige Ort, um über solch komplexe Fragen zu entscheiden? Ich glaube nicht, dass dies der Fall ist. Die Synode öffnet Wege, leitet Prozesse ein, und kleine Arbeitsgruppen arbeiten an den Wegen.

Für die Frage des Priesteramts wäre das Format eines Konzils vielleicht besser geeignet. Aber wie kann man ein Konzil mit 5000 Bischöfen abhalten? Ich weiss nicht…

Wie stellen Sie sich die Fortsetzung des synodalen Weges in der Schweiz vor?

Gmür: Wir haben bereits mit der Schaffung der Synodalitätskommission begonnen, die sich nun an die Arbeit macht. Wir müssen sehen, wie wir die Gläubigen einbeziehen können, zum Beispiel bei der Definition der pastoralen Ziele sowohl auf gesamtschweizerischer Ebene als auch auf der Ebene der Diözesen und der Seelsorgeeinheiten. (cath.ch/ Adapt. rp)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/bischof-gmuer-diakoninnenweihe-ist-eine-frage-des-glaubens/