Das vierte Lehrschreiben von Papst Franziskus, die Enzyklika «Dilexit nos», widmet sich dem Herz Jesu. Hier wird Franziskus als Theologe spürbar.
Francesco Papagni
Donnerstag 24. Oktober, ist die neue Enzyklika «Dilexit nos» vorgestellt worden – über das heiligste Herz Jesu. Dies gibt zunächst zu Staunen Anlass: Ausgerechtet der Papst, der mit «Laudato sì» und «Fratelli tutti» ein ökosoziales sowie ein weltbrüderliches Lehrschreiben veröffentlicht hat, wendet sich nun einem Thema der traditionellen Frömmigkeit zu. Es gibt jedoch einen inneren Zusammenhang dieser Texte. In «Dilexit nos» wird dieser Zusammenhang erkennbar.
Erläutert worden ist das Dokument im Rahmen einer Pressekonferenz in Rom von Erzbischof Bruno Forte und der Ordensfrau Antonella Fraccaro. Bruno Forte ist Erzbischof von Chieti-Vasto in den Abruzzen, aber auch ein eminenter Theologe, während Schwester Antonella Fraccaro zur Gemeinschaft der Jüngerinnen des Evangeliums gehört, die von der Spiritualität von Charles de Foucauld inspiriert ist.
Forte erklärte auch gleich die Verbindung zwischen «Dilexit nos» und den früheren Enzykliken. Das Herz ist der Mittelpunkt des Magisteriums von Papst Franziskus. Alles spielt sich im Herzen ab. Wenn eine Grossmutter den Tod eines Enkels beweint, zeugt das von einer Welt ohne Herz.
Die Herz-Jesu-Frömmigkeit steht im Ruf, eine sentimententale Sache zu sein. Klar geht es um Gefühle, aber eben nicht nur in der Innerlichkeit des Einzelnen. Es geht auch um die Welt oder besser: um eine andere Logik als diejenige, die die Welt beherrscht. Und es geht um das Verzeihen, auch politisch.
Keines, welches die Augen schliesst, vielmehr eines, welches dem Anderen Raum gibt. Inspiriert ist Franziskus vom Denken des früh verstorbenen argentinischen Mitbruders Diego Fares, der nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat. Auch nicht in der spanischsprachigen Version.
Die andere Inspirationsquelle ist Charles de Foucauld, Gottsucher, Eremit, der während des Ersten Weltkrieges in seiner Klause in Algerien ermordet wurde. Foucauld wählte das Kreuz im Herzen Jesu als sein Symbol. 2022 hat ihn Franziskus heiliggesprochen.
Diego Fares und Charles de Foucauld pflegten eine Spiritualität, die wenig mit unserem süsslichen Bild der Herz-Jesu-Verehrung des 19. Jahrhunderts zu tun hat. «Dilexit nos» geht aber noch weiter zurück: ins 17. Jahrhundert, wo der Nonne Margareta Marie Alcoque im Kloster Paray-Le-Monial im Burgund Jesu Herz in Flammen unter einer Dornenkrone erschien.
Der Jansenismus, eine rigoristische Bewegung innerhalb des Katholizismus, beherrschte geistig das Feld. Die Jesuiten bekämpften den Rationalismus der Jansenisten. Die Herz-Jesu-Frömmigkeit mit ihrer Betonung des Gefühls bildet ein Gegengewicht gegen jede Form von Kopflastigkeit, wie es die Jansenisten repräsentierten.
Dies scheint alles weit weg von den Fragen und Problemen der Gegenwart, aber nur auf den ersten Blick. Auf die Frage einer Journalistin, ob es denn etwas Neues in «Dilexit nos» gebe, antwortete Bruno Forte folgendermassen: Der Mensch ist nicht reduzierbar auf Materie, auf Funktionen oder aktuell auf Daten. Ein nicht-reduktionistisches Menschenbild, wie das Christentum es vertritt, stellt den ganzen Menschen ins Zentrum mit seiner Offenheit auf das Mysterium hin.
Oder im O-Ton der Enzyklika: «Wenn das Spezifische des Herzens nicht anerkannt wird, gehen uns die Antworten verloren, die der Verstand allein nicht geben kann, verlieren wir die Begegnung mit dem Anderen, verlieren wir die Poesie.»
Die Übel unseres Zeitalters, der Hyperindividualismus, der die Menschen vereinzelt, die Blindheit gegenüber der Transzendenz, die Logik des Stärkeren – all dies kann geheilt werden mit Blick auf die Liebe Jesu Christi. Antonella Fraccaro ergänzte, dass Liebe heute zu einem Allerweltswort geworden ist, zum Aufdruck auf T-Shirts entwertet. Deswegen ist es vordringlich, das christliche Verständnis von Liebe wieder zur Geltung zu bringen.
Die Heiligen Franz von Sales und Charles de Foucauld weisen den Weg. Es sind nicht unbedingt die grossen Werke, in denen sich die christliche Liebe zeigt, es sind oft die kleinen Gesten. Die aber beständig getan werden. Die Demut des Alltäglichen nach dem Vorbild von Jesus, darin offenbart sich die christlich verstandene Liebe.
Und das Herz Jesu ist just das Zeichen einer Liebe, die sich nicht spiritualistisch verflüchtigt, sondern die konkret, fleischlich verkörpert zum Nächsten hin ausgerichtet bleibt. Die Liebe ist der rote Faden, der sich durch die Schriften wie durch das Denken des argentinischen Papstes zieht. Die Liebe zum Nächsten, die Liebe zur Schöpfung gründen in der Liebe zu Christus.
Papst Franziskus wurden ja schon einige Etiketten angeheftet. Jetzt sehen wir, wie wenig wir diesen Menschen verstanden haben. Dies gilt auch für seine konservativen Kritiker, die sein Papsttum als eindimensional auf das Soziale verengt bemängeln. In «Dilexit nos» wird der Theologe Franziskus spürbar.
Bei alledem bleibt die Frage, «wieso gerade jetzt?», offen. Die von Franziskus gewollte Weltsynode steht unmittelbar vor dem Abschluss. Zudem wird in nicht mal zwei Monaten in Rom die Heilige Pforte aufgemacht und damit das Heilige Jahr eröffnet.
Die Enzyklika muss in diesem Horizont verstanden werden. Ein Interpretationsversuch: Mit «Dilexit nos» ruft Papst Franziskus in seiner Rolle als Lehrer des Glaubens die Sendung der ganzen Kirche in Erinnerung. Die Kirche ist nicht Selbstzweck.
Jorge Mario Bergoglio wird nicht müde, dies zu wiederholen. Die Kirche hat eine Sendung in der Welt zu erfüllen so wie jede und jeder einzelne Gläubige die Liebe Christi in die Welt tragen soll. Gerade jetzt, wo die vielen Kriege in der Welt unsere Gewissheiten und unsere Lebensweise erschüttern, ist die Erinnerung an die grundstürzende Logik der Liebe vonnöten.
So gesehen ist die Herz-Jesu-Verehrung kein Relikt aus anderen, unaufgeklärten Zeiten, vielmehr ein Gegenmittel gegen die Vereinseitigungen unserer Gegenwart. Prägnanter hat es der Literat Hugo Ball schon 1923 formuliert: «Des Übernatürlichen Kompass zeigt nach dem Herzen. Wir aber haben mit dem Herzen auch den Kopf verloren.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/eine-ueberraschende-enzyklika-von-papst-franziskus/