Er war kein akademischer Theologe im universitären Elfenbeinturm. Vielmehr ist er immer ein Seelsorger geblieben, der auf «den Schrei des Volkes» hörte. Das Vermächtnis seiner Theologie definierte Gustavo Gutiérrez als «Spiritualität der Nachfolge Jesu in der Option für die Armen».
Mariano Delgado*
Gustavo Gutiérrez (1928-2024) war ein peruanischer katholischer Priester, Dominikaner und Theologe. Mit seinem Werk «Teología de la liberación» (Lima 1971), das in 20 Sprachen übersetzt wurde, gilt er als Hauptvater der «Theologie der Befreiung». Er studierte zunächst einige Jahre Medizin und Literaturwissenschaft an der Universität San Marcos (Lima), während er in der Katholischen Aktion und in der internationalen katholischen Akademikerorganisation Pax Romana seine geistige Heimat fand.
Dies führte ihn auch zur Theologie, die er unter anderem in Löwen (Belgien) und Lyon (Frankreich) studierte. Dort wurde er vom theologischen Aufbruch der Konzilszeit geprägt, etwa von der Theologie der Arbeit des Dominikaners Marie-Dominique Chenu und der Theologie der Hoffnung Jürgen Moltmanns – ebenso von der sozialen Analyse (des Marxismus und anderer Philosophien) und der Dreischritt-Methode Sehen-Urteilen-Handeln der vom späteren Kardinal Joseph Léon Cardijn gegründeten katholischen Arbeiterjugend.
Im Humus der ersten Jahre der Konzilsrezeption in Lateinamerika im Umfeld der Bischofsversammlung von Medellín (1968), für die «Gaudium et spes» das entscheidende Konzilsdokument war, entstanden seine ersten Überlegungen zu einer «Theologie der Befreiung». Aus den verschiedenen Aufsätzen und Vorträgen dazu macht er dann 1971 sein gleichnamiges Lebenswerk, das zu einem theologischen «Klassiker» geworden ist.
Während er dafür weltweit mit Ehrendoktoraten und anderen Auszeichnungen (französische Ehrenlegion, spanischer Preis Príncipe de Asturias) gefeiert wurde (darunter auch 1998 ein Ehrendoktorat von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg Schweiz), wurden einige Aspekte der breiten und heterogenen theologischen Bewegung, die unterdessen als «Theologie der Befreiung» bekannt war, in einer Instruktion der Glaubenskongregation 1984 scharf kritisiert.
Der Grundvorwurf lautete auf «Immanentismus» oder politischen Messianismus. Auch wenn Gustavo Gutiérrez nicht der Hauptadressat dieser Vorwürfe war, musste er sich in der Folge immer wieder rechtfertigen und seine Position klarstellen. Das tat er «demütig» und konsequent. Nach einigen Jahrzehnten als Weltpriester trat er 2001 in den Predigerorden ein – genauso wie es 1522 Bartolomé de Las Casas getan hatte, dem Gutiérrez um 1990 einige seiner besten Studien widmete (und ein befreiungstheologisches Institut mit seinem Namen in Lima gründete). Dabei lernte er, dass es bereits im 16. Jahrhundert so etwas wie eine Theologie der Befreiung «avant la lettre» gab.
Gustavo Gutiérrez war kein akademischer Theologe im universitären Elfenbeinturm. Vielmehr ist er immer ein Seelsorger geblieben, der auf «den Schrei des Volkes» hörte, und die messianische Verkündigung der Frohbotschaft vom Reiche Gottes für die Armen nach der Antrittsrede Jesu in der Synagoge von Nazareth (Lk 4,16–19) und nach seiner Gerichtsrede (Mt 25,31–46) stets im Blick hatte.
In seiner Theologie lassen sich verschiedene Ansätze unterscheiden: den befreiungstheologischen Diskurs der ersten Stunde mit dessen Klärung ab Ende der 1980er Jahre angesichts der erhaltenen Kritik; eine poetisch-narrative Christologie, geprägt von der Spiritualität der Nachfolge Jesu in der Option für die Armen; und schliesslich die Bemühung, das Recht der Armen auf ihre Gottesrede zu verteidigen.
Bis in die 1980er Jahre hinein hat er sich einer für die Zeit typischen sozialwissenschaftlich gefärbten Sprache bedient, die in manchen Ohren befremdlich klang. Seine «neue Art» von Theologie definierte er als «kritische Reflexion auf die historische Praxis», nämlich auf eine befreiende Praxis der Nachfolge Jesu zur wirksamen Veränderung der Welt im Lichte seiner Ankündigung des nahen Reiches Gottes.
«Zwar ist das entscheidende Los noch nicht gefallen; aber schon ist das Geräusch der Würfel im Becher der Geschichte zu hören.»
Dieses Theologieverständnis trägt die Signatur der Zeit und ist nicht immer frei von einer unkritischen Rezeption des utopischen Diskurses der Moderne. So etwa, wenn er 1979 pathetisch sagt: «Zwar ist das entscheidende Los noch nicht gefallen; aber schon ist das Geräusch der Würfel im Becher der Geschichte zu hören». Oder wenn er in seinem Hauptwerk für Lateinamerika anmahnt, man brauche «die gesellschaftliche Revolution und nicht bloss Reformmassnahmen, die die Lage nur lindern könnten, Befreiung und nicht Entwicklungsideologie, Sozialismus und nicht Modernisierung des geltenden Systems».
Oder wenn er darin von einer permanenten Kulturrevolution «zur Schaffung eines neuen Menschen und in Richtung einer qualitativ anderen Gesellschaft» spricht. Das Projekt des «neuen Menschen» wird dabei nicht nur im theologischen – paulinischen – Sinne, sondern auch «im politisch-philosophischen und geschichtlichen Sinne des Wortes» verstanden. In den europäischen Ohren des «Kalten Krieges» weckte dieses Projekt des «neuen Menschen» bestimmte Assoziationen. Selbst wohlwollende Leser der ersten Stunde merkten an, dass die Konturen des unterscheidend Christlichen darin nicht deutlich genug zur Geltung kamen.
Gutiérrez fühlte sich – nicht zu Unrecht – missverstanden, wenn ihm vorgehalten werde, er habe die christliche Erlösung nicht deutlich genug betont und sei in die Falle des utopischen Diskurses der Moderne gegangen. Denn mit seiner Rede von den drei Befreiungsebenen (politisch, kulturell und theologisch) möchte er der in Lateinamerika sehr realen Gefahr entgehen, «idealistischen oder spiritualistischen Positionen zu verfallen, die nichts anderes sind als Flucht vor einer rauen und Forderungen stellenden Wirklichkeit».
Aus diesem Grund hat er den Dialog mit dem utopischen Diskurs der Moderne und den Sozialwissenschaften gesucht. Tatsache ist, dass er von Rom und vielen Theologen im Sinne einer Verdunkelung der soteriologischen Dimension verstanden wurde. Daher hat er sich 1988 bereit erklärt, eine Sprache zu sprechen, «die sowohl der christlichen Botschaft in ihrer Gesamtheit gerecht wird als auch für die Wirklichkeit» Lateinamerikas «verständlich wird». Unter Beibehaltung der drei Befreiungsebenen hat er den Primat der soteriologischen Befreiung von der Sünde und dem Bösen, also die Bekehrung der Herzen, unmissverständlich betont und einen Schritt auf die ethische Erdung der Utopie hin vollzogen.
Am 26. Oktober 1995 hielt Gutiérrez einen denkwürdigen Vortrag bei der Aufnahme in die Peruanische Akademie der Sprache. Hier entfaltet er in literarischer Qualität die poetisch-narrative Christologie, die bereits in seinem Hauptwerk deutlich durchschimmerte, wenn man es ohne zensorische Brille las. So etwa, wenn er darin an seine peruanischen Lieblingsschriftsteller andockt, José María Arguedas und César Vallejo, deren Werke er als Anstösse für eine zeitgemässe Gottes-Rede verstand.
Sein Werk «Theologie der Befreiung» wird mit einem längeren Zitat aus Arguedas’ Roman «Todas las sangres» eröffnet. Es geht um einen Dialog zwischen einer armen, geschundenen Indianerin und einem Pfarrer. Sie sagt: «Der Gott der Herren ist nicht derselbe wie unserer», während der Pfarrer mehr oder weniger mit dem Katechismus antwortet, dass Gott überall sei und in jedem Menschen wohne, und der Sakristan, ein Mestize mit offenen Augen für die Leidensgeschichte der Welt, beginnt, sich ernsthaft zu fragen, ob Gott bei den Opfern und bei den Tätern gleichermassen sein kann. Darauf greift Gutiérrez dann im Kapitel über «Gotteserkenntnis und praktizierte Gerechtigkeit» zurück: «Den Gott der biblischen Offenbarung erkennt man, indem man zwischenmenschliche Gerechtigkeit praktiziert. Wo diese nicht existiert, dort kann Gott nicht sein.»
Im Vortrag von 1995 sind diese Grundintuitionen des Erstlingswerkes präsent. Das Tun des Theologen gewinnt für Gutiérrez keine Dichte, «wenn wir nicht in die Welt des alltäglichen Leidens, der verzehrenden Sorge, der immer aufs Neue entflammten Hoffnung hinunter- oder, besser: hinaufsteigen». Unter Bezug auf die Literatur Arguedas’ und die darin vorkommende Frage «Wie viele Christusse gibt es?», spricht Gutiérrez erneut von einem befreienden Gott, der da, wo die Ungerechtigkeit herrscht, nicht gegenwärtig sein kann.
Das Leiden der Unschuldigen ist die «stärkere Infragestellung» für das Sprechen von Gott. Dieses Thema ist auch ein roter Faden seiner Theologie. Im Akademievortrag betont er 1995 vor Nicht-Theologen die Sprachlosigkeit der Theologie angesichts der Frage, wie man einen Gott der Liebe angesichts von menschenunwürdiger Armut, Ungerechtigkeit, terroristischer Gewalt und Völkermord sowie Missachtung der elementarsten Menschenrechte verstehen kann. Denn diese Frage gehe «weit über das Antwortvermögen der Theologie» hinaus.
Aber mit dem Dichter Vallejo vermag Gutiérrez, poetisch von einem zärtlichen Krankenpfleger-Gott zu reden, auf den wir unsere Hoffnung richten können: «Und Gott, erschrocken, fühlt uns den Puls, ernst, stumm, wie ein Vater seinem Töchterchen, ein wenig, aber nur ein wenig lüftet er den blutigen Verband und nimmt in die Finger die Hoffnung».
Das Christentum ist für Gutiérrez die messianische Religion des Hungers und Durstes nach Gerechtigkeit sowie des Tuns der Liebe. Daher endet sein Werk «Theologie der Befreiung» mit der Paraphrase eines bekannten Textes von Pascal, wonach eine echte Initiative der Solidarität mit den Armen bzw. ein ernsthafter Akt des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zugunsten der Befreiung des Menschen von dem, «was ihn entmenschlicht und daran hindert, nach dem Willen des Vaters zu leben», viel wichtiger als jede Theologie sind.
Im genannten Vortrag sagt Gutiérrez, Theologie treiben heisse für ihn, «einen Liebesbrief zu schreiben an den Gott, an den ich glaube, an das Volk, dem ich angehöre, und an die Kirche, deren Mitglied ich bin». Ein Merkmal seiner Theologie ist, dass Gott von der Sünde, aber auch von Ausbeutung und Ungerechtigkeit, die ihre Folgen sind, befreien möchte, ist er doch «der Gott des Lebens».
Durch diese Gottes-Rede gewinnt seine Theologie eine apologetische Dimension gegenüber dem Marxismus selbst. Das Christentum ist demnach nicht Opium für das Volk oder ein ins Leere zielendes Seufzen der bedrängten Kreatur, sondern eine messianische Praxis der Freiheit in dieser Welt und – mit den Worten des sterbenden César Vallejo ausgedrückt – eine begründete Hoffnung der Opfer der Geschichte auf einen Anwalt auch über den Tod hinaus: «Gott».
Gutiérrez’ Theo-Logie, seine «Gottes-Rede», ist letztlich eine Rechenschaft über seine eigene Hoffnung auf den gerechten und «zärtlichen» Gott Jesu Christi: Wer wie Ijob, Las Casas (und der Indio Guamán Poma), Johannes vom Kreuz, César Vallejo und auf seine Art auch Arguedas – um nur die Gestalten zu nennen, mit denen sich Gutiérrez besonders beschäftigt hat – inmitten von Unrecht, Leid und Elend, explizit oder implizit, auf diesen Gott hofft und nicht vergisst, seinen Beitrag zur Veränderung der Welt auf das Reich Gottes hin zu leisten wird nicht vergebens hoffen.
Weniger bekannt ist, dass es Gutiérrez von Anfang an um die Überwindung des theologischen Aristokratismus und Klerikalismus ging. Daher verteidigt er das elementare Recht der Armen, nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in Kirche und Theologie als Subjekte wahrgenommen zu werden.
Am Ende seines Hauptwerkes bemerkt Gutiérrez, wir würden «im Grunde nie zu einer echten Theologie der Befreiung kommen, wenn die Unterdrückten nicht selbst frei ihre Stimme erheben und sich unmittelbar und in schöpferischer Weise in Gesellschaft und Kirche äussern können. Sie selbst haben ‹Rechenschaft zu geben von der Hoffnung›, die in ihnen ist.» Später hat er hinzugefügt, er verstehe seine Theologie als «Ausdruck des Rechts der Armen, über ihren Glauben nachzudenken».
Diese Worte bezeichnen den Paradigmenwechsel, den die Theologie der Befreiung in der Theologiegeschichte darstellt; denn das damit verbundene Hören auf «die Weisheit des Volkes» gibt dem einfachen Christenmenschen seine Würde als Subjekt der Theologie zurück – hat sich doch der Sohn Gottes bei seiner Menschwerdung mit jedem Menschen vereinigt, wie das Konzil in «Gaudium et spes» 22 gesagt hat.
Dies bedeutet einen Abschied von theologischem Aristokratismus und pastoralem Klerikalismus und den Wandel von der nur lehrenden zu der auch hörenden Kirche. Im Werk Gutiérrez’ sind – und das darf man bei aller Kritik, die seine Theologie wie jede Theologie, letztlich ein «menschlicher Entwurf» in einem bestimmten historischen Kontext, verdient – Impulse für eine Umgestaltung oder Reform von katholischer Theologie und Kirche enthalten, die leider noch nicht in Erfüllung gegangen sind. Sonst müsste Papst Franziskus Theologen und Klerus nicht dauern ermahnen, auf «die Weisheit des Volkes» zu hören und den theologischen Aristokratismus bzw. den Klerikalismus zu überwinden.
Gustavo Gutiérrez, der kleine, infolge einer Kinderlähmung hinkende Peruaner mit dem indianisch anmutenden Gesicht und den funkelnden Augen ist am 22. Oktober im 97. Lebensjahr in Lima gestorben.
Ich durfte mich zu seinen Freunden zählen, nachdem wir bei verschiedenen Anlässen auch menschlich zueinander fanden. Zwei Begegnungen werde ich nie vergessen: als wir im Februar 2008 in Sevilla die Kirche gemeinsam besuchten, in der Bartolomé de Las Casas 1544 zum Bischof geweiht wurde; und das Gespräch während der Zugfahrt zum Genfer Flughafen 1998, nachdem er die Ehrendoktorwürde meiner Fakultät erhalten hatte. Auf meine Frage hin, was denn das bleibende Vermächtnis seiner Theologie sei, antwortete er, ohne zu zögern: «Die Spiritualität der Nachfolge Jesu in der Option für die Armen».
*Mariano Delgado ist Professor für Kirchengeschichte sowie Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog an der Theologischen Fakultät Freiburg und Dekan der Klasse VII (Religionen) an der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Salzburg.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/das-recht-der-armen-auf-ihre-gottes-rede-gustavo-gutierrez-in-memoriam/