Archiv zeigt: Bischöfe wussten von Abbé Pierres Missbrauch

Das Archiv der Kirche von Frankreich (CNAEF) über Abbé Pierre bestätigt, dass seine Verfehlungen mehreren Bischöfen des Landes schon in den 1950er Jahren bekannt waren. Wegen der Popularität des Armenpriesters taten sie nichts.

Nach Ansicht der französischen Nachrichtenagentur AFP, die die 216 Aktenstücke aus dem kirchlichen Archiv durchforstet hat, ist es schwierig, sich ein genaues Bild zu machen. Klar sei, dass manche die den Abbé gerne losgeworden wären, weil er zu medienwirksam und und sein Verhalten zweifelhaft war.

Angesichts der Schwere der Enthüllungen über den Missbrauch durch den Emmaus-Gründer, die seit Juli 2024 immer wieder auftauchen, hat die Französische Bischofskonferenz (CEF) Mitte September den Zugang zu den Archivdokumenten der Kirche über Abbé Pierre freigegeben, ohne die Frist von 75 Jahren nach seinem Tod im Jahr 2007 abzuwarten.

Die 216 Dokumente, die sowohl maschinengeschriebene als auch handgeschriebene Briefen umfassen, verleihen den Worten des Präsidenten der CEF, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort, Gewicht, die er in Le Monde vom 16. September 2024 äusserte und die später auf der Website der Französischen Bischofskonferenz (CEF) wiedergegeben wurden: «Es steht nun fest, dass seit 1955-1957 mindestens einige Bischöfe wussten, dass Abbé Pierre ein schwerwiegendes Verhalten gegenüber Frauen an den Tag gelegt hatte.» Den archivierten Dokumenten zufolge handelte es sich dabei insbesondere um Bischof Jean-Marie Villot (1950-1960), Bischof Julien Gouet (1960-1966) und Bischof André-Jacques Fougerat, Bischof von Grenoble, dem Abbé Pierre unterstand.

In den eingesehenen Unterlagen ist von «Unfällen», «moralischem Elend», «verwerflichen Taten» und einem «anormalen Zustand» die Rede, ohne dass dies jedoch näher erläutert wird. Am deutlichsten ist ein Schreiben vom 13. November 1964, das möglicherweise vom Generalsekretär des Episkopats stammt.

Darin ist von einem «Verlust jeglicher Selbstkontrolle, insbesondere nach erfolgreichen Büchern» die Rede und es wird versichert, dass «junge Mädchen für ihr Leben gezeichnet wurden». In diesem «fotokopierten und fast unleserlichen» Dokument, so die Nachrichtenagentur, heisst es, Henri Grouès habe «ohne die Möglichkeit, ihn auf frischer Tat zu ertappen» gehandelt.

Angst vor einem Medienskandal

Die Medienreichweite von Abbé Pierre, der während des Krieges Widerstandskämpfer war, bei der Befreiung Abgeordneter wurde und den Heiligenschein seines Einsatzes für die Obdachlosen im Winter 1954 trug, lässt einen Skandal befürchten. Villot schrieb im Januar 1958 an den Erzbischof von Lyon, Kardinal Pierre Gerlier: «Man darf nicht verhehlen, dass all dies irgendwann bekannt werden könnte und dass die Öffentlichkeit dann sehr überrascht wäre, wenn sie sehen würde, dass die katholische Hierarchie ihr Vertrauen in Abbé Pierre aufrechterhalten hat.»

Die Versammlung der Kardinäle und Erzbischöfe (ACA) äusserte «ihre Besorgnis darüber, dass so viele Journalisten sich ihm nähern». «Der Bischof von Besançon fragte 1959: «Ist es angebracht, dass seine Person so zur Schau gestellt und vergrößert wird?»

Ein Verwalter der Emmaus-Vereinigung, Pierre Join-Lambert, äusserte im Juni 1959 seine «Besorgnis» darüber, dass der Abbé von General de Gaulle empfangen wurde. «Alle möglichen Erpressungen sind zu erwarten», erklärte er und berichtete von einer Generalversammlung von Emmaus, bei der «einige gegen seine Anwesenheit protestierten›, eine Versammlung, die von ‹sehr schmerzhaften Vorfällen mit Weinen» geprägt war.

Weitere Dokumente sind in der Diözese Grenoble vorhanden, die ebenfalls ihre Archive geöffnet hat. In zwei Briefen wird auch von einem «Dossier» in den Händen der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) gesprochen, die ihrerseits sagt, dass sie die Briefe nicht mehr finden kann. (kath.ch/cath.ch)


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