Sowohl im Libanon als auch im Gaza-Streifen ist die Lage dramatisch. Einblick hat Daria Jenni, Mediensprecherin von Caritas Schweiz. Im Interview berichtet sie, wie es den Menschen in den vom Krieg betroffenen Gebieten geht, wie Caritas Schweiz helfen kann und ob nun das Engagement in der Ukraine zurückgefahren werden muss.
Barbara Ludwig
Israel hat seine Bodenoffensive im Libanon ausgeweitet. Wie geht es den Menschen in den Regionen, in denen sich Caritas Schweiz engagiert?
Daria Jenni: Die Zivilbevölkerung im Libanon ist von den anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen stark betroffen. Viele verlassen ihr Zuhause, weil sie dazu aufgefordert werden oder weil es zu gefährlich ist. Wer kann, kommt bei Familienmitgliedern in anderen Regionen des Landes unter. Die Stimmung ist im ganzen Land sehr bedrückt und von Angst geprägt. Die angespannte Situation und die anhaltende Unsicherheit belasten die betroffenen Menschen psychisch.
«Alle unserer lokalen Mitarbeitenden sind auch selbst betroffen.»
Alle unserer lokalen Mitarbeitenden sind auch selbst betroffen. Einige haben ihr Zuhause verlassen, andere haben Verwandte aus stärker betroffenen Gebieten bei sich aufgenommen. Trotzdem leisten sie unermüdlich Hilfe für andere Menschen, die ebenfalls aus ihren Häusern vertrieben wurden.
Die Bombardierungen treffen eine Bevölkerung, die seit Jahren mit immer neuen Krisen konfrontiert ist. Dazu zählen der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien, die Hafenexplosion in Beirut oder die seit fünf Jahren anhaltende Wirtschaftskrise. Schätzungsweise 80 Prozent der libanesischen Bevölkerung lebt in Armut, mehr als ein Drittel ist von extremer Armut betroffen.
Caritas Schweiz hat ihre humanitäre Hilfe im Libanon bereits ausgeweitet. Was heisst das konkret?
Jenni: Wir haben ein Nothilfeprojekt gestartet. Die vom Konflikt betroffene Zivilbevölkerung wird zum einen mit Bargeldbeträgen unterstützt. Damit können sich die Menschen das kaufen, was sie am dringendsten benötigen, seien es Nahrungsmittel, Kleidung oder eine vorübergehende Unterkunft. Weiter erhalten Betroffene einfache medizinische und psychosoziale Betreuung. Bei dem Projekt arbeiten wir mit Caritas Libanon und der Non-Profit-Organisation Amel zusammen.
«Wir zählen auf unsere starken Partnerschaften mit kirchlichen Institutionen und Firmen.»
Für einen weiteren Ausbau der dringenden Nothilfe, sind wir auf Spenden angewiesen. Hierzu zählen wir auf unsere starken Partnerschaften mit kirchlichen Institutionen, Stiftungen und Firmen. Gleichzeitig führen wir unsere anderen laufenden Projekte so gut es geht fort. Wir passen dabei die Aktivitäten an, um für die Projektteilnehmenden stets diejenige Unterstützung leisten zu können, die gerade am dringendsten benötigt wird.
Wie ist die Situation im Gaza-Streifen?
Jenni: Die Berichte, die wir von den Kolleginnen und Kollegen erhalten, sind erschütternd – es gibt für die Menschen keinen sicheren Zufluchtsort mehr. Ein Jahr nach Kriegsbeginn ist die Situation der Zivilbevölkerung im Gazastreifen dramatisch. Es herrscht eine schwere Nahrungsmittelknappheit und die Zivilbevölkerung leidet unter dem erschwerten Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen sowie der fehlenden Gesundheitsversorgung. Beinahe die ganze Bevölkerung im Gaza-Streifen ist mehrfach vertrieben worden und lebt unter sehr prekären Umständen in Notunterkünften und Zeltlagern.
Ist Caritas dort noch in der Lage, Hilfe zu leisten?
Jenni: Trotz der schwierigen und unsicheren Situation im Gazastreifen leisten wir weiterhin Hilfe über unsere beiden Partnerorganisationen Caritas Jerusalem und Catholic Relief Services (CRS). Die Mitarbeitenden der beiden Organisationen stehen tatkräftig im Einsatz. Dies, obwohl viele von ihnen selbst betroffen sind – sie mussten selbst fliehen und leben in Notunterkünften oder trauern um Familienmitglieder. Auch sie werden unterstützt.
Caritas Jerusalem leistet medizinische Hilfe und verteilt Wasser, Nahrungsmittel sowie Bargeld an die betroffene Zivilbevölkerung. CRS engagiert sich mit Notunterkünften und psychosozialer Hilfe und gibt neben Bargeld auch Lebensmittelpakete, Bettzeug, Kleidung, Hygieneartikel und andere Güter an die Betroffenen ab.
Und was wäre nötig, lässt sich aber nicht realisieren?
Jenni: Am wichtigsten sind eine sofortige, beidseitige Waffenruhe und sichere Schutzzonen, in denen die geflüchtete Zivilbevölkerung Zuflucht finden kann.
«Die Lieferung von Hilfsgütern wird behindert.»
Der immense Bedarf an Trinkwasser, Lebensmitteln, Medikamenten und Hygieneartikeln kann mit den zugelassenen Hilfslieferungen nur sehr unzureichend gedeckt werden. Die Lieferung von Hilfsgütern wird behindert. Im September sind so wenige Lastwagen in den Küstenstreifen gelangt wie noch nie seit Kriegsbeginn.
Zudem geraten auch humanitäre Organisationen immer wieder unter Beschuss und Mitarbeitenden wird die Einreise verwehrt. Für die Versorgung der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen müssen dringend sichere Hilfskorridore eingerichtet werden, damit die humanitären Organisationen vor Ort ihre Arbeit leisten können.
Der Fokus liegt derzeit auf dem Konflikt im Nahen Osten, der dramatisch eskaliert ist. Dabei gibt es immer noch den Krieg in der Ukraine. Ist Caritas Schweiz – angesichts der Not im Nahen Osten – gezwungen, ihr Engagement zugunsten der Kriegsopfer in der Ukraine einzuschränken?
Jenni: Trotz der kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten läuft unser Engagement in der Ukraine fort. Wir haben vor Ort ein Landesbüro mit lokalen Mitarbeitenden und verschiedene aktive Projekte. Der Fokus liegt dabei bei längerfristigen Massnahmen, konkret beim Wiederaufbau von Einkommensmöglichkeiten und der Stärkung der Resilienz der Menschen. Als ergänzende Komponente wird auch weiterhin Bargeldhilfe geleistet.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant