Philipp Roth: Caring community

Rücksichtslosigkeit im Kleinen, Grausamkeit im Grossen zeigen sich den Menschen Tag für Tag. Radioprediger Philipp Roth ist deshalb auf der Suche nach Menschlichkeit in unserer Welt. Er stellt fest, es gibt sie «nicht so wuchtig und laut. Meist ganz leise und zärtlich.» Was die Tänzerin aus Jaffa und die Träger des Gelähmten im Markusevangelium gemeinsam haben, erzählt er in seiner Radiopredigt.

Philipp Roth*

Es ist zum Heulen. Zum Heulen schön. Zuerst denke ich, es seien zwei Liebende, die sich nach langer Trennung in die Arme fallen. Das Gesicht an der Schulter des anderen vergraben, die Augen geschlossen, umarmen und drücken sie sich, als wollten sie miteinander verschmelzen und einander nie mehr loslassen. Ich glaube, es ist eine jüngere Frau und ein älterer Mann. Kein Blatt passt dazwischen. Kein Streit. Nicht mal ein paar Worte. Das reine Miteinander.

Ein Bild inniger Verbundenheit

Dann fährt das Bild zurück und man sieht, es ist ein Tanzstück. Um das Paar sitzen weitere Menschen im Kreis. Es sind viele, ganz verschiedene. Sie folgen ihnen mit den Augen, konzentriert und fasziniert. Als sähen sie ein Wunder. Und wollten sie die beiden dabei unterstützen, führen und ermutigen. Nun hört man auch ihre Stimmen. Sie summen und singen rhythmisch zum Tanz. Wie ein Beschwörungsritual. Erst jetzt fällt auf, dass die Umarmung der beiden nicht gegenseitig ist. Während die jüngere Frau immer mehr Kraft einsetzt, um auf den Beinen zu bleiben und den älteren Mann zu halten, erschlafft dieser und verliert allen Halt wie eine Gliederpuppe, aus der die Spannung weicht. Sein Kopf fällt nach hinten. Seine Arme gleiten hinunter. Knie und Füsse knicken ein. Schliesslich hängt er ganz an ihr. Nur noch von ihrer Kraft davor bewahrt, auf den harten Boden zu stürzen, schleift sie ihn nun ebenso entschlossen wie sanft ganz in die Mitte des Menschenkreises, fasst nochmals nach, um ihn ja nicht zu verlieren, und legt ihn dann langsam und sacht auf den Boden, sich immer tiefer beugend und seinen Kopf stützend. Es sieht aus, als wollte sie ihn ins Bett bringen und ja nicht wecken. Ein Bild innigster Verbundenheit. Dasein miteinander als Füreinander.

Das offene Menschsein

Es erinnert mich daran, wie wir damals, am Ende der Ferien, nach langer Heimfahrt versuchten, die schlafenden Kinder aus dem Auto ins Bett zu bringen, ohne sie zu wecken. Wir drückten die heissen kleinen Kostbarkeiten an uns und hoben sie aus dem Kindersitz, hatten ihre verschwitzten Haare im Gesicht und ihren nassen Atem am Hals, und wir schlugen lieber den eigenen Kopf an den Türrahmen als ihren Kopf zu riskieren. Das ganze Menschsein war offen in diesem Moment. Das Menschsein im besten Sinn. Und vielleicht auch der Himmel. Ein Moment innigster Verbundenheit und Hingabe. Wenn ich es bis dahin noch nicht gewusst hätte, dass ein Mensch so sehr für einen anderen da sein kann, dass es nichts Wichtigeres gibt, dann hätte ich es spätestens da begriffen.

Zum Heulen

Menschen können unglaublich grausam sein. Atemberaubend hart und kalt, selbstbezogen, rücksichtslos. Das muss man niemandem erklären. Es zeigt sich jeden Tag. Gegenwärtig sowieso. Tiere können nicht un-tierisch sein. Menschen jedoch un-menschlich. Es ist zum Heulen. Zum Heulen schlimm. Doch Menschen können auch unglaublich menschlich sein, fürsorglich, selbstlos und liebevoll. Das muss man gegenwärtig wieder erklären. Gegen den Strom. Jedenfalls mir. Dann ist es auch zum Heulen. Doch zum Heulen schön.

Menschen sind gut

Und das ist es, was ich im Moment sammle, liebe Hörerin, lieber Hörer. Erlebnisse, Bilder, Geschichten, Eindrücke, die mir sagen: Menschen sind gut. Schau, wie sie sich kümmern, Anteil nehmen, einander helfen, miteinander leben. Nicht alles ist so, wie es mir die Nachrichten rüberbringen, wo Kriege sogenannt ,ausbrechen› wie eine Krankheit, für die wir selber nichts können, und Macht, Hass, Rücksichtslosigkeit und Dummheit ihre Siege einfahren als wäre das nun die Ernte im Herbst der Zeit. Da ist auch anderes. Nicht so wuchtig und laut. Meist ganz leise und zärtlich. Und doch ebenso wirklich und wahr. Wie Luft in einem langen Tauchgang ist das. Wie ein Farbkasten für einen langen, grauen Winter. Schön und gut.

In die Mitte kommen, was in die Mitte gehört

In der Bibel gibt es sowas wie ein Urbild für dieses gemeinsame füreinander Sorgen. Jesus ist in einem Haus in Kafarnaum. Er tut dort, was er tun muss: Gutes. Er erzählt, wie es kommen könnte, wenn Güte und Gerechtigkeit in der Welt das Sagen hätten – ,Reich Gottes› nennt er das. Und er zeigt, wie es kommen könnte, wenn Güte und Gerechtigkeit in der Welt das Sagen hätten: Er heilt, vergibt, verbindet, macht leere Gemüter satt. Die Leute stehen bis weit vor die Tür. Ein Mensch wäre auch gerne dabei. Doch er hat keine Chance. Er ist gelähmt. Selbst schafft er es nicht. Da tun sich vier Männer zusammen. Sie packen die Trage oder das Tuch, auf dem der Beeinträchtigte liegt, und schleppen ihn herbei. Und als sie sehen, dass sie unmöglich durch die Menge kommen, hieven sie ihn kurzerhand die Aussentreppe hoch aufs Hausdach, schlagen ein Loch hinein und lassen ihn hinunter, gleich vor Jesu Füsse. Soll in die Mitte kommen, was in die Mitte gehört, Dachschaden hin oder her. Man muss Prioritäten setzen! Und vor Jesu Augen, was er sehen muss. Ein Mensch kann schwere Lasten tragen – wenn er nur nicht allein ist.

Hauptsachen geschehen still

Irgendwie finde ich es bezeichnend, dass die vier Helfer in der Geschichte namenlos bleiben. Das ist auch heute meist so. Trotz ihres entschlossenen Einsatzes für ihren Mitmenschen sind sie seltsam am Rand. Doch die Hauptsache ist nicht immer die, die am meisten Lärm und Worte macht. Viele Hauptsachen geschehen still und leise gleich nebenan. Jesus könnte seine gute Sache nicht tun, wenn er nicht diese Menschen hätte. Sie sind die Zuträgerinnen und Zuträger zu diesem Reich von Gott.

Tatsachen der Menschlichkeit

Seit einiger Zeit gibt es dafür einen neuen Begriff. «Caring community.»«Gemeinschaft, die füreinander sorgt.» Ein guter Begriff. Die Sache aber ist alt. Das Quartett in dieser biblischen Geschichte ist eine Urzelle davon. Und viele machen es ihnen nach. Ich schau mich um und entdecke immer mehr. Da werden Mahlzeiten verteilt, Kranke besucht, Kinder betreut, Kleider organisiert, Spenden gesammelt, Jugendliche trainiert, Geflüchtete integriert. Da wird gepflegt, begleitet, umsorgt und gelehrt; wird weitergegeben, geholfen und geteilt. Oft freiwillig und aus lauter Freude. Oder eben: lauter Güte. Starke stille Zeichen gegen die Härte und Rücksichtslosigkeit sind das. Tatsachen der Menschlichkeit gegen die Flut von Unmenschlichkeit. Menschen vergessen sich im besten Sinn – und finden sich im Miteinander reich beschenkt wieder. ,Caring community.› Zum Heulen schön.

Auf Menschlichkeit angewiesen

Die Szene vom Anfang stammt aus einem Tanzstück von Yasmeen Godder. Die Mitglieder der Company laden Zuschauerinnen und Zuschauer ein, sich halten, tragen und in die Mitte des Kreises legen zu lassen. Es ist berührend zu sehen. Wildfremde werden sich zu Allernächsten. Der ältere Herr, der sich wohl nur noch mühsam auf den nackten Boden hätte setzen können, kann bei der jungen Tänzerin loslassen. Es wird gesorgt. Und eine übergewichtige Frau, die vielleicht Mühe hat, ihren Körper anzunehmen, wird von einem strahlenden Tänzer umarmt und ins Herz der Gemeinschaft gebracht. Das Stück heisst Simple Action – «einfaches Tun». Yasmeen Godder erzählt, das Stabat Mater habe sie dazu inspiriert Am Ende sind wir alle Menschen. Auf Menschlichkeit angewiesen und zur Menschlichkeit fähig. Das ist keine grosse Kunst. Es ist alles da. Wir können einander Mutter, Vater, Freundin, Nachbar sein, Zutragende von Gottes Reich. Und doch ist es grosse Kunst. Das Tanzstück zeigt sie. «Caring community» elementar. Die Starke ist stark für den Schwachen. Und der Mächtige setzt seine Macht für die Ohnmächtigen ein. Die Yasmeen Godder Company ist in Jaffa zuhause. Sie arbeitet mit Israelis und Arabern. Ich denke, die haltende Frau könnte eine Palästinenserin sein und der ältere Mann ein Israeli. Oder umgekehrt. Bestimmt kam das bei den Aufführungen der Truppe auch vor. Sie sind so nah. Sie können sich gut riechen. Zwei Verschiedene, verbunden nicht im Hass, sondern in Menschlichkeit und Fürsorge. Simple Action. Nicht schwer. Ich weiss: Naiv. Ich weiss auch: Das kommt vor. Dann ist es zum Heulen schön.

*Philipp Roth ist evangelisch-reformierter Pfarrer und arbeitet in Binningen und Bottmingen.

Bibelstelle: Markus 2, 1-12

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