Radiopredigerin Regula Knecht-Rüst erkennt in der biblischen Erzählung von der Stillung des Seesturmes, «Jesus selber ist nicht der Experte. Eigentlich brauchen sie ihn nicht, um über den See zu kommen. Er legt sich hin und schläft ein.» Sie fragt, ist das mangelnde Führungskompetenz oder gar Verantwortungslosigkeit. Ein zweiter Blick auf die Erzählung klärt auf.
Regula Knecht-Rüst*
In meinem Leben stürmt es immer wieder mal. Manchmal in mir drin in Form von Gedanken- oder Emotionsstürmen. Manchmal auch um mich herum: Im Arbeitsleben oder in den Lebensgeschichten von Menschen, mit denen ich zu tun habe. Und: Auch in der Bibel stürmt es. Die Jünger sitzen mit Jesus in einem Boot. Sie haben zusammen viel erlebt, ein langer Tag neigt sich dem Ende zu. Jesus möchte mit ihnen auf die andere Seite des Sees fahren. Sie rudern los. Für die Jünger ist das Routine. Sie sind Fischer. Jesus selber ist nicht der Experte. Eigentlich brauchen sie ihn nicht, um über den See zu kommen. Er legt sich hin und schläft ein.
Aber – so idyllisch bleibt es nicht. Ein heftiger Sturm überrascht die Gruppe. Die Jünger sind sofort in höchster Alarmbereitschaft. Jeder tut, was er kann. Gewaltige Wellen brechen über sie herein. Sie versuchen, das Boot zu stabilisieren und das Wasser aus dem Rumpf zu schöpfen. Aber das Schiff füllt sich immer mehr. Der Sturmwind peitscht ihnen gnadenlos den Regen ins Gesicht. Die Männer sind zu langsam. Ihre Muskelkraft reicht nicht mehr. Es ist keine Rettung in Sicht. Und Jesus, der jetzt helfen könnte, schläft!
Diese Gruppe von Männern ringt um ihr nacktes Überleben – und der Chef schläft! Das ist doch eine Provokation – mangelnde Führungsstärke! Was ist denn das für ein Vorbild? Das geht doch nicht!? Das soll der menschgewordene Gott sein, der sich kümmert? Unser Retter? Ist ihm das Leben seiner Freunde völlig egal? Ist ihm unsere Not egal? Wir wissen nicht, wie lange die Jünger um ihr Überleben gekämpft haben. Aus dem biblischen Text entnehmen wir: Sie kommen definitiv an ihre Grenzen. Ihre menschlichen Möglichkeiten sind ausgeschöpft, sie sind erschöpft. Sie stehen im eiskalten Wasser und das steigt und steigt. Erst dann rütteln sie Jesus wach: «Herr, Meister, wir kommen um! Rette uns! Wir sinken!» Panisch schreien sie ihm in die Ohren. Jesus wacht auf und schaut seine Freunde an: «Warum habt ihr solche Angst? Ihr habt ja überhaupt kein Vertrauen.»
Ich versuche mir vorzustellen, wie diese Frage bei den Jüngern ankommt. Ich würde mich wohl verletzt und nicht ernst genommen fühlen, wenn er sagt: «Ihr habt ja überhaupt kein Vertrauen.» Ich würde dreimal leer schlucken und ihm am liebsten erwidern: «Siehst du denn nicht, dass ich überfordert bin? Ich kämpfe da allein gegen diesen Sturm, komme nicht vom Fleck, das Boot – meine Leben – füllt sich immer mehr mit Wasser und du liegst da herum, schläfst und wirfst mir vor, ich hätte kein Vertrauen! Warum hast du so Angst? Wo ist dein Glaube?! Hilf mir lieber, Jesus, statt mir Fragen zu stellen. Ich habe jetzt keine Zeit deine schwierigen Fragen zu beantworten!»
Jesus wollte die Jünger damals sicher nicht blossstellen. Aber er wollte sie vielleicht an den Punkt bringen, wo sie sich Fragen stellen anstatt, dass sie ihn in Frage stellen. Dasselbe gilt mir heute: Inmitten der Stürme, will mich Jesus an den Punkt bringen, wo ich mir Fragen stelle, anstatt ihnin Frage zu stellen. Habe ich Jesus einschlafen lassen in meinem Leben, weil es gerade rund läuft bei mir? Habe ich Jesus schlicht vergessen, weil ich ihn nicht nötig habe? Oder läuft so viel, bin ich so fokussiert auf den Beruf, die Familie, die Gesundheit, dass ich wirklich nicht auch noch Zeit habe für Jesus? Die Frage lautet nicht: Wo ist Jesus – das wäre eigentlich klar: Er ist im Boot. Und zwar mit mir im Boot. Mit dir. Er ist Teil meines Lebens. Er ist Teil deines Lebens. Aber ich merke es nicht. Nicht mehr, oder ich habe es noch nie wahrhaben wollen. Ich bin zu abgelenkt. Und vielleicht ist es im Moment auch gerade einfacher, die Verantwortung abzuschieben und ihm die Schuld am Sturm zu geben, statt seine Fragen zu beantworten. Ich bin überzeugt: Jesus erkannte damals, hinter dem verzweifelten Weckruf der Jünger stand eine viel grundlegendere Frage: die Frage nach dem Glauben: Ist Jesus wirklich Gott? Ist er unser Retter? Mein Retter?
Wenn wir diese lebensbedrohliche Situation von damals nämlich konsequent zu Ende denken, merken wir, dass die Jünger im Sturm gezweifelt haben, ob Jesus der Sohn Gottes ist. Kann er sie wirklich retten? War es die richtige Entscheidung den Beruf aufzugeben und ihm nachzufolgen? Alles auf eine Karte zu setzen? Ist er der verheissene Messias oder haben sie sich getäuscht in ihm? Sind das ihre letzten Stunden und werden sie alle zusammen mit Jesus in diesem schrecklichen Sturm ums Leben kommen? In dem Moment als die Jünger Jesus weckten, stand er auf und beruhigt den Sturm. Er drohte dem Wind und den Wellen, und augenblicklich war alles wieder ruhig.
Mir drängt sich die Frage auf: Gibt es einen Zusammenhang, dass Jesus den Sturm erst dann stillte, nachdem die Jünger ihn geweckt hatten? Hat er bewusst gewartet auf den Moment, wo sie ihn um Hilfe baten? Möchte er zuerst mein Vertrauen, mein Wunsch, dass er wirken soll, bevor er in Aktion tritt? Ist sein Schlaf nur ein Warten darauf, dass er geweckt wird? Was für mich mit dieser Geschichte klar wird: Es heisst nirgends, dass ich verschont bleibe vor Stürmen. Aber Jesus erinnert mich inmitten der Stürme an seine Gegenwart. Er ist mit im Boot. Er möchte, dass ich ihm vertraue, dass ich mich an ihn wende. Von Anfang an. Nicht erst, wenn alle Stricke gerissen sind. Von dieser Geschichte bleibt mir eine seiner Aussage besonders hängen: «Ist dein Vertrauen denn so klein…?» Nicht die Stürme in meinem Leben sollen mein Handeln und Fühlen bestimmen, sondern Gottes Gegenwart inmitten des Sturmes. Er sitzt mit mir im Boot. Liebe Hörerin, lieber Hörer – er sitzt auch mit Ihnen im Boot – das lässt das Vertrauen wachsen.
*Regula Knecht-Rüst ist Majorin bei der Heilsarmee und arbeitet in Winterthur.
Bibelstelle: Matthäus 8,23-26
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