Hanspeter Schmitt zur Synode: Damit Reformen nicht am Zentralismus klerikaler Macht scheitern

Eine Kirche, die ihre konkrete Gestalt an demokratischen und menschengerechten Massstäben orientiert, wäre glaubwürdig und zukunftsfähig. Damit dies gelingt, müssten die Kompetenzen und Erfahrungen der Basis ein entscheidender Faktor institutioneller Praxis werden, schreibt der Theologe Hanspeter Schmitt in seinem Gastkommentar.

Hanspeter Schmitt*

Es gilt als hehres Prinzip und ist zugleich eine Binsenweisheit, dass das Volk die Basis und das handelnde Subjekt demokratischer Politikformen sei. Gleichwohl bleibt es spannend, wie genau diese Souveränität und Macht der Basis organisiert und politisch zur Wirkung gebracht werden – und auf welche Nebeneffekte und Unwägbarkeiten tunlichst zu achten ist.

Die Schweiz zum Beispiel wird bekanntlich weltweit wegen ihrer konsequenten Kultur direkter Demokratie beneidet: Während andernorts das Volk gerade einmal alle paar Jahre die Parlamente neu wählt, ansonsten aber dem Politikbetrieb und Parteiengezänk nahezu machtlos und distanziert zuschauen muss, sind Schweizerinnen und Schweizer engmaschig zu politischen Entscheiden aufgerufen und können diese auch initiativ in Gang bringen.

«Die Umsetzung dieses Privilegs hat jedoch auch seine Tücken.»

Dass die Umsetzung dieses Privilegs jedoch auch seine Tücken hat und nicht automatisch gelingt, zeigt die jüngst offengelegte systematische Manipulation von Unterschriften zugunsten diverser Petitionen. Der Skandal besteht nicht nur darin, dass es solche Betrügereien gibt, sondern dass man angesichts der handschriftlichen Sammelpraxis im öffentlichen Raum nicht schon viel früher misstrauisch wurde.

Hinzu kommen weitere handfeste Unsicherheitsfaktoren und Verzerrungen politischer Volksentscheide: Etwa die teils schwer zu verarbeitende Menge komplexer Informationen; der Versuch plakativer, mit Angst und Schreckensszenarien operierender Manipulation; die Häufigkeit der Urnengänge sowie die oft dramatisch geringe Beteiligung des Volkes an der praktischen Ausübung seiner besonderen Souveränität.

«Die direkte Demokratie muss aktiv gepflegt werden.»

Das alles spricht gewiss nicht gegen Formen direkter Demokratie. Es macht aber klar, dass diese aktiv gepflegt, effizient vorbereitet und diskursoffen gestaltet werden müssen: Besonders Parteien und Medien tragen die Verantwortung, dass die politische Willensbildung, die auf diese Weise glücken soll, nicht unter die Räder verdeckter Interessen, «informativer» Täuschung und gezielter Diffamierung kommt.

Ähnlich anspruchsvoll und essenziell sind basisbezogene Prozesse in den unterschiedlichen Institutionen, selbst wenn nicht immer alles von allen entschieden werden kann. Ob Mitgliederbefragungen, Bürgerforen, reguläre oder fallweise einberufene Generalversammlungen: Demokratisch geht es stets darum, «die» Stimme des Volkes beziehungsweise der betroffenen Personen nicht reflexartig «vorbeizuwinken», sondern sie differenziert wahrzunehmen und wohlwollend einzubeziehen. Darin greifbare legitime Anliegen sind in allfälligen Entscheidungen institutionell angemessen zur Geltung zu bringen.

«Die Institution Katholische Kirche scheint auf einem vielversprechenden Weg.»

Auch die Institution Katholische Kirche scheint hier – man glaubt es kaum – auf einem vielversprechenden Weg. Wenn derzeit in Rom die 16. Vollversammlung der sogenannten Weltsynode fortgesetzt wird, ist dem eine globale Sondierung vor Ort bewegender Themen vorausgegangen, die ihresgleichen sucht. Sämtliche Fragen, die dem Kirchenvolk auf den Nägeln brennen, liegen auf dem Tisch: Frauenweihe; Mitbestimmung und Transparenz; Macht und Missbrauch; Liturgiereform; Respekt für neue Formen des Liebens; Pluralität nach innen und Diakonie nach aussen etc. Sie sollen synodal, sprich vorbehaltlos und konstruktiv, aufgenommen und beraten werden. Begleitend vertiefen Studiengruppen jene Expertise, ohne die sachlich ausgereifte, regional angepasste und rechtlich abgestützte Reformen nicht denkbar sind.

Befürchtet wird allerdings, dass solche Reformen – wie schon oft – am Zentralismus klerikaler Macht scheitern könnten. Deshalb wird die subsidiäre Aufteilung und gremiale Einbettung kirchlicher Entscheidungsbefugnisse eines der Schlüsselthemen sein. Gerade in kirchlichen Räumen und Strukturen müssen die Kompetenzen und Erfahrungen der gern zitierten Basis ein entscheidender Faktor institutioneller Praxis werden. Theologisch gesprochen geht es um den Geist Gottes, der alle inspiriert, dabei neue Wege bahnt und sich nicht von den Herrschenden vereinnahmen lässt.

«Man stelle sich vor, die synodal angestossene Entwicklung dieser Kirche würde gelingen.»

Man stelle sich einmal vor, die synodal angestossene Entwicklung dieser Kirche würde gelingen: hin zu einer Kirche, die nicht hierarchisch blockiert ist, sondern ihre konkrete Gestalt an demokratischen und menschengerechten Massstäben orientiert. Sie wäre glaubwürdiger, zukunftsfähig und vielleicht sogar ein Hoffnungsort für jene, die in den politischen Routinen leicht überhört werden.

* Hanspeter Schmitt (Jahrgang 1959) ist Karmelit und lehrt an der Theologischen Hochschule Chur Theologische Ethik.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/hanspeter-schmitt-zur-synode-damit-reformen-nicht-am-zentralismus-klerikaler-macht-scheitern/