Jean-Marie Lovey (74) deutet Konflikte innerhalb der Kirche als Aufruf zu einer ständigen Bekehrung. Der Walliser bekennt, er sei sehr ratlos gewesen damals, als ihn der Papst für das Amt des Bischofs auswählte. Vor zehn Jahren wurde Lovey zum Bischof von Sitten geweiht.
Barbara Ludwig
Jean-Marie Lovey ruft die Gläubigen auf, Christus in den Mittelpunkt zu stellen. Er sei «traurig» über die Spannungen, die sich zu Spaltungen entwickelten – innerhalb der Kirche und den Gemeinden, sagt der Bischof von Sitten. Er sehe darin einen Aufruf zu einer ständigen Bekehrung, zuerst für sich, aber auch für alle.
«Andernfalls werden wir weiterhin viel mehr Kraft darauf verwenden, auf Positionen zu verharren und Konflikte beschwichtigen zu müssen, als das Evangelium zu verkünden, indem wir es mehr leben», befürchtet Lovey. Der Walliser Chorherr vom Grossen Sankt Bernard, am 28. September 2014 zum Bischof geweiht, äussert sich in einem Interview, das am Samstag im «Walliser Boten» und auf der Newsseite «pomona.ch» publiziert wurde. Autor ist Paul Martone, Mediensprecher des deutschsprachigen Teils des Bistums Sitten.
Lovey äussert sich auch zum Thema Missbrauch. Lange Zeit sei der Priester eine «unangefochtene Autorität» gewesen. Die Missbrauchskrise habe ihm einen «grossen Teil dieser Macht» genommen, findet der Bischof – und dies sei gut so. Dies genüge aber nicht. Lovey sieht Grund für die Hoffnung, dass die Missbrauchskrise zu einer echten Läuterung für Personen und Strukturen führt. «Dann könnte eine gute Frucht der Bekehrung als positiven Ausweg erkannt werden, als ein Weg, den man gehen kann, um aus dieser Krise herauszukommen.»
Lovey ist der Meinung, Veränderungen in der Kirche müssten nicht in erster Linie auf struktureller Ebene stattfinden, wie man manchmal höre. «Die Strukturen dienen dem Leben.»
Und er wiederholt seine Aufforderung, Christus in den Mittelpunkt von allem zu stellen. Dies sei eine der wichtigsten Veränderungen. «An jedem Ort, an dem Entscheidungen getroffen werden, muss sich die Zentralität Christi zwingend stellen. Christsein bedeutet, in einer lebendigen Verbindung mit Christus zu stehen und nicht, eine eingerichtete Struktur zu betreiben.»
«Zunächst sah ich nur Hindernisse und Unmögliches.»
In dem Interview bekennt Lovey, er sei «sehr ratlos» gewesen, als ihn Papst Franziskus vor zehn Jahren anfragte, ob er bereit sei, Bischof von Sitten zu werden. Die Überraschung sei gross gewesen. «Ich wusste nicht, wie ich das Amt eines Bischofs ausüben sollte! Wie hätte ich wie meine Vorgänger oder wie andere Bischöfe, die ich kannte, sein können?» Auch die Tatsache, dass er seine Ordensgemeinschaft nach 44 Jahren des gemeinsamen Lebens verlassen sollte, war offenbar belastend. «Zunächst sah ich nur Hindernisse und Unmögliches», sagt Lovey.
Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) hat Lovey auf ihrer Webseite zum zehnjährigen Weihejubiläum gratuliert. Innerhalb der Konferenz ist der Bischof von Sitten für das Resort Migration und die Dienststelle Migratio verantwortlich. Diese widmet sich der Seelsorge an Migrantinnen und Migranten sowie Menschen unterwegs. Lovey leitete von 2009 bis zu seiner Ernennung zum Bischof 2014 als Probst die Kongregation vom Grossen Sankt Bernhard.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant