Die Schiessaktion der Zürcher Politikerin Sanija Ameti bewegt auch in St. Gallen. Das wird vor allem im Publikum spürbar. Einige äussern Ärger oder Verletztheit. Zur Diskussion geladen hatte am Donnerstagabend die Katholische Kirche im Lebensraum St. Gallen.
Regula Pfeifer
«Das ist doch Gotteslästerung, verletzt die religiösen Gefühle und beleidigt Gott», sagt ein Mann aus dem Publikum empört. Ein anderer spricht von «Christianophobie» und meint damit wohl Hass auf das Christentum. Die stärksten Worte, die an der Diskussion am Donnerstagabend im Hofkeller mitten im St. Galler Klosterbezirk fallen, kommen von den rund 40 anwesenden Besuchenden.
Thema des Abends sind religiöse Provokationen – ausgehend von der Schiessaktion der Zürcher Politikerin Sanija Ameti. Auf dem Podium diskutieren die Journalisten Raphael Rauch (Blick) und Jürg Ackermann (St. Galler Tagblatt), aus der Politik Karin Winter-Dubs (SVP) und Vica Mitrovic (SP) sowie die katholische Theologin Ann-Katrin Gässlein.
Der Sprecher der Katholische Kirche im Lebensraum St. Gallen, Sebastian Schneider, erläutert als Moderator die Ausgangslage. Die GLP-Politikerin und Co-Präsidentin von Operation Libero, Sanija Ameti, postete am 7. September auf Instagram Fotos, die sie bei einer Schiessaktion mit einer Pistole zeigten.
Zielscheibe war ein Gemälde der Gottesmutter Maria mit Jesuskind in einem Katalog. Als die Aktion viral ging, löschte sie den Post und entschuldigte sich. Die Junge SVP Schweiz reichte Strafanzeige wegen Verletzung der Glaubens- und Kultusfreiheit ein.
Dem Vorwurf «Christianophobie» stimmt SP-Politiker Vica Mitrovic an diesem Abend indirekt zu. Sein Parteikollege, ein Italiener, der sonst kaum über Religion spreche, habe gesagt: «Das ist eine direkte Attacke auf das Christentum».
Mitrovic ist als höchster St. Galler Stadtpolitiker auf dem Podium. Er ist aber auch langjähriger Präsident des örtlichen Runden Tisches der Religionen. Er spricht von vielen Bemühungen um einen interreligiösen Dialog. Mitrovic ist der dezidierteste Kritiker von Ametis Schiessaktion in der Podiumsrunde – und sagt mehrmals: «Ich war sehr tief verletzt.»
Der orthodoxe Christ erklärt: «Ikonen spielen im orthodoxen Glauben eine grosse Rolle. Die Ikone ist ein Fenster, durch das wir einen kontemplativen Bezug zum Göttlichen zu schaffen versuchen.»
Deshalb sei er – nach dem ersten Schock über die Tat – auch darüber geschockt gewesen, dass sich erst kein Bischof dazu äusserte. «Auch nicht die drei orthodoxen Bischöfe, die wir in der Schweiz haben», so Mitrovic. Auch Bischof Joseph Maria Bonnemain hätte die Schiessaktion schärfer kritisieren sollen, findet er. Und die Linke, für die er politisiert, habe Ametis Aktion verharmlost.
«Das war eine Dummheit.»
Ann-Kathrin Gässlein
«Auch meine Gefühle waren verletzt», gibt Ann-Katrin Gässlein zu. Dies, obwohl sie keinen vergleichbaren Bezug zu religiösen Bildern habe. Gässlein arbeitet in der St. Galler Cityseelsorge und ist für Kultur und Bildung zuständig – und Podiumsteilnehmerin.
Ihre erste Reaktion war: «Das ist eine Provokation aus der Ecke der liberalen Religionskritik.» Diese stütze sich auf die Meinungsfreiheit und wolle Religion als etwas für Ewiggestrige darstellen. Inzwischen findet sie: «Das war eine Dummheit.»
«Ich glaube, dass wir religiöse Gefühle nicht verletzen sollten», sagt Raphael Rauch. Der Bundeshausredaktor auf dem Podium hat im «Blick» als erster über den Schiessaktion-Post von Sanija Ameti berichtet. Er habe erst den Post gespeichert, dann mehrmals mit ihr telefoniert, erzählt er.
Der ehemalige Leitende Redaktor von kath.ch bekennt sich als Katholik. In seinen Gefühlen verletzt fühle er sich aber nicht, denn: «Mein Gottesbild ist grösser.» Rauch plädiert für eine gute religiöse Bildung. Denn: «Religion kann friedensstiftend sein – und Kraft spendend.»
«Das Vorgehen des Blick war absolut richtig», sagt Mitrovic, «sofort veröffentlichen, einen Raum schaffen, in dem das diskutiert wird.» Unter den Teppich kehren dürfe man so etwas nicht.
«Maria ist die Mutter unserer Religion. Ich glaube nicht, dass man auf ihr Bild schiessen darf.»
Besucherin
Eine Besucherin, die sich als gläubige, praktizierende Katholikin beschreibt, sagt: «Die Muttergottes Maria ist die Mutter unserer Religion. Ich glaube nicht, dass man auf ihr Bild schiessen darf.» Sie plädiert für einen Strafzettel zuhanden Ameti. Und für mehr Moral in der Gesellschaft.
Cityseelsorgerin Gässlein hat sich viel mit Blasphemie beschäftigt, wie sie sagt. Und gemerkt: Der Tatbestand «Verletzung religiöser Gefühle» werde in jedem Land anders verstanden. «Natürlich wäre es schön, mehr auf religiöse Gefühle zu achten», sagt sie.
Aber: «Mit einem Blasphemie-Gesetz wäre ich sehr vorsichtig.» Denn was Menschen verletze, ändere sich im Verlauf der Zeit. Ein Papst in Windeln – was vor Jahren für Empörung sorgte, bringe die Leute heute zum Lachen. «Gelassenheit ist die bessere Medizin», so Gässlein.
Die Grenze sieht sie da, wo es um Gewalt geht. Wenn Schusswaffen im Spiel sind, eine Hinrichtung inszeniert wird und Gewalt symbolisch dargestellt wird. So wie bei Ametis Schiessaktion, die Gewalt gegen Maria symbolisch zeigt.
Allerdings sei hier niemand umgekommen, erinnert sie. Auch der stellvertretende Chefredaktor des St. Galler Tagblatts, Jürg Ackermann, sagt: «Niemand kam zu Schaden. Aber die Tat hat eine gewaltige Symbolik.»
In Sachen Toleranz sieht eine zuhörende Theologin ein Ungleichgewicht. Toleranz gegenüber anderen, das gebe es. «Aber nicht für mich als Christin», sagt die kirchliche Mitarbeiterin. «Spricht man von christlichen Werten, wird das abgetan», ist ihre Erfahrung. «Das Christentum wird im eigenen Land an die Wand gefahren.»
Eine Besucherin, die «für Recht und Ordnung» einsteht, erinnert an eine Aktion des St. Galler Juso-Politikers Robin Eichmann. In seinem Einsatz für Sans-Papiers umgab er den Gallusbrunnen mit Stacheldraht. Und er habe darauf hingewiesen: Auch Jesus war ein Migrant. Dass der Jungpolitiker dafür nicht bestraft wurde, versteht die Zuhörerin nicht. Gässlein hingegen bezeichnet die Brunnenaktion als «interessant». Diese zeige auf: «Da ist etwas, wo ihr blinde Flecken habt.»
Eichmann habe der Feuerwehr die Stacheldraht-Entfernung bezahlen müssen, weiss die SVP-Politikerin auf dem Podium, Karin Winter-Dubs. Sie argumentiert im Fall Ameti ansonsten nicht religiös – obwohl die Junge SVP Strafanzeige wegen Verletzung der Glaubens- und Kultusfreiheit einreichte.
«So etwas kann man nicht machen.»
Ann-Katrin Gässlein
Vielmehr spricht sie als Hobbyschützin: «Als langjährige Schützin» könne sie Ametis Schiessaktion nicht verstehen. «Der Schiesssport hat Regeln, die sollen eingehalten werden.» Sie selbst wäre «nie auf die Idee gekommen auf Menschen zu schiessen» – womit sie wohl meinte: auf ein Menschenbild. Winter plädiert für Bestrafung: «Das sollte Konsequenzen haben.»
In der zweistündigen Diskussionsrunde geht es auch um Vergebung, um die Sozialen Medien und die Rolle der klassischen Medien. Eine Anwesende ruft – jenseits der Thematik – zur Hilfe für Misshandelte im Gesundheitswesen auf – zu denen sie gehöre.
Mitten in der Diskussion äussert Theologin Ann-Katrin Gässlein eine Art Fazit: «Ein Teil von mir ist froh, dass es nun klar ist: So etwas kann man nicht machen.»
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