Seelsorge im Rotlichtmilieu: «Für viele ist Glaube existenziell»

Susanne-Andrea Birke vom Team Spezialseelsorge begleitet Frauen, die im Rotlichtmilieu arbeiten. Das katholische Kirchenparlament in Basel hat das Projekt um weitere drei Jahre verlängert. Worum es dabei geht, erklärt die Theologin im Interview.

Christian Maurer

Wie muss man sich Seelsorge für Sexarbeiterinnen vorstellen, was ist da anders als sonst?

Susanne-Andrea Birke: In der «SiTa – Seelsorge im Tabubereich» gibt es ganz viele Parallelen zur Seelsorge sonst. Die spezifische Seelsorge für Sexarbeiterinnen erlaubt ihnen aber, sich ganz zu zeigen, ohne Sorge haben zu müssen, für ihre Arbeit verurteilt oder in eine Opferposition gedrängt zu werden. Wenn die Klientinnen zu mir ins Büro kommen, dann ist das nicht so anders, als wenn andere Frauen in Krisensituationen die Seelsorge aufsuchen. Einige Themen haben jedoch mit ihrem Leben als Migrantinnen zu tun.

«Ich begleite viele Frauen, die unter finanziellem Druck stehen.»

Ich begleite viele Frauen, die unter finanziellem Druck stehen. Sie nutzen ihren Aufenthalt in der Schweiz dazu, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Anders als sonst ist es, wenn ich sie an ihren Arbeitsorten aufsuche: in der Toleranzzone, den Bars, Studios und Etablissements im Rotlichtmilieu. Ich treffe sie auch beim Mittagstisch der NGO Aliena oder dem Abendcafé von Rahab, ein Angebot der Heilsarmee. Ausserdem lade ich mit Rahab auch zu Segensfeiern ein, einem Ausflug oder einer Weihnachtsfeier mit Aliena.

Was war die Motivation, die SiTa zu starten?

Birke: Der Römisch-Katholischen Kirche in Basel-Stadt war und ist es wichtig, an den Rändern der Gesellschaft präsent zu sein, zu den Menschen zu gehen und im Tabubereich konkrete Seelsorge anzubieten.

«Für viele Frauen ist ihr Glaube existentiell.»

Wie zugänglich sind Frauen im Sex-Milieu für katholische Seelsorge?

Birke: Mir begegnet die ganze Spannbreite von Klientinnen: Sie haben verschiedene Religionen und Konfessionen, sind Esoterikerin, Agnostikerin oder Atheistin. Bei den meisten Frauen erlebe ich eine grundsätzliche Offenheit und für viele ist ihr Glaube existentiell. Ich knüpfe da an, wo sie stehen. Wenn zum Beispiel eine Muslima mir sagt, dass sie Halt in ihrem Glauben findet, freut mich das. Die meisten Frauen, die ich begleite, sind Christinnen. Die schwarze Madonna, die ich ihnen als «Bildli» mitbringe, wird fast immer dankbar angenommen.

Werden Sie angesichts der rigiden Sexualmoral der katholischen Kirche von Sexworkerinnen überhaupt ernst genommen?

Birke: Frauen, die ablehnend reagieren, sind in der Minderheit. Das längste Seelsorgegespräch bisher habe ich mit einer Schweizerin geführt, die aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten war. Sie hatte sehr deutliche Worte zu Kirche, Doppelmoral, Sexualitäts- und Körperfeindlichkeit der Lehre und Missbrauch. Meist ist es anders.

«Leider nehmen sich viele Sexarbeiterinnen die verurteilende Sexualmoral sehr zu Herzen.»

Leider – finde ich – nehmen sich viele Sexarbeiterinnen (nicht alle) die verurteilende Sexualmoral, nicht nur des katholischen Lehramts, sehr zu Herzen. Sie machen sich selbst Vorwürfe. Ich möchte ihnen andere Perspektiven eröffnen und ihnen Gottes bedingungslose Liebe zusprechen. Das endet dann auch einmal in vielen Tränen. Zu hören, dass sie weder von Gott noch von mir als Seelsorgerin verurteilt werden für die Arbeit, ist sehr wichtig.

Mit welchen Themen, Sorgen und Nöten kommen die Sexarbeiterinnen zu Ihnen?

Birke: Es beschäftigt sie das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod. In meinem ersten Jahr als Seelsorgerin im Tabubereich habe ich zum Beispiel eine schwangere und eine todkranke Frau begleitet. Oft geht es um Existenzsorgen in Verbindung mit einer prekären Lebenssituation. Aber es gibt auch alles andere: die Sorge um die Kinder und die Sehnsucht nach ihnen; Krankheit und Trauer um verlorene Angehörige; Beziehungsglück und Leid; erlebte Diskriminierungen als Sexarbeiterin, als Migrantin oder als Person of Color; der Stolz auf eine bestandene Prüfung, die Angst, abgelehnt zu werden – und immer wieder auch die Vergangenheit, sei das eine Kindheit voller Entbehrungen oder die Notwendigkeit zu fliehen.

«Es gab auch schon Momente, in denen ich mich fragte, ob Zwang im Spiel ist.»

Es gab auch schon Momente, in denen ich mich fragte, ob Zwang im Spiel ist. Aber ich traf auch Frauen, die als Escort arbeiten und einen Lohn haben, über dessen Höhe ich nur staunen kann. Die Themen der SiTa-Seelsorge sind so vielfältig wie die Frauen. In all dem ist den meisten ihr Glaube sehr wichtig, der sie manchmal trägt und mit dem sie manchmal auch ringen.

Was konkret ist spezifisch «katholisch» an dieser Seelsorge?

Birke: Ich bin Katholikin und mache diese Arbeit im Auftrag der katholischen Kirchen in Basel-Stadt und Baselland. Die Seelsorge selbst ist, wie gesagt, offen für alle Sexarbeiterinnen, die sie in Anspruch nehmen möchten.

Bieten Sie Beichte und Absolution an?

Birke: Nein. Warum Beichte? Gehen Sie davon aus, dass die Sexarbeiterinnen sie mehr als andere nötig haben?

Sind auch männliche Sexarbeiter angesprochen?

Birke: Die Stelle richtet sich explizit an Frauen, cis sowie trans, und nicht an männliche Sexarbeiter. In diesem Sommer haben wir ein Pilotprojekt gestartet, das sich an Freier richtet.

«Auch ich hatte meine Vorurteile.»

Sie sind seit einem Jahr bei der SiTa tätig. Was hat Sie am meisten überrascht?

Birke: Auch ich hatte meine Vorurteile. So habe ich mir die Sexarbeiterinnen jung vorgestellt. Das musste ich revidieren. Mir sind Grossmütter begegnet, die in die Schweiz kommen, um für die Tochter und die Enkel zu sorgen.

Und was hat Sie gefreut?

Birke: Da gibt es Vieles. Es gibt immer wieder Gespräche mit Klientinnen, in denen wir auch herzhaft zusammen lachen können. Bei der Weihnachtsfeier bei Aliena gab es neben Kaffee, Kuchen, Gebeten und Gesprächen auch spontanen Tanz. Immer wieder sind es Freuden im Alltag: Wenn ein Besuch der jüngsten Tochter möglich wird, wenn das Geld für eine bessere Wohnung reicht. Oder wenn Frauen zu mir kommen, um gemeinsam ein Dankgebet zu sprechen, weil ein grosser Wunsch für sie in Erfüllung ging oder eine schwere Sorge endlich gelöst ist.

Wie ist das Echo – sind Sie ausgelastet oder schon überlastet?

Birke: Inzwischen bin ich gut ausgelastet. Manchmal gibt es turbulente Tage, wenn mehrere Notfälle oder Krisen zusammenkommen. So wie kürzlich, als eine Frau mir auf die Begrüssungsfrage, ob sie etwas zu trinken möchte, antwortete: «Nein, ich will sterben.» Aber das sind Ausnahmen. In der Regel geht es gut. Das liegt auch daran, dass die SiTa, wie erwähnt, nicht die einzige Stelle in Basel mit einem Angebot für Sexarbeiterinnen ist. Mit Aliena ist eine sehr kompetente NGO (gemeinnützige Organisation, d. Red.) vor Ort und auch Rahab leistet viel essenzielle Unterstützung.

Wie viele Seelsorgende haben Sie, und wie viele bräuchten Sie?

Birke: Ich habe ein 40-Prozent-Pensum bei der SiTa. Ausserdem unterstützt mich ein Freiwilliger, mit dem ich die Kontaktbars aufsuche, um im erwähnten Pilotprojekt auch Seelsorgegespräche für Freier anzubieten. Aktuell passt das gut. Aber wenn ich wünschen dürfte, dann hätte ich gerne noch Stellenprozente für Übersetzerinnen. Denn die Sexarbeiterinnen kommen von überall her nach Basel.


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