Joseph Chelamparambath: «Joseph Ratzinger verteidigte sakramentale Lehre überzeugend»

Joseph Chelamparambath hat eine Dissertation über Joseph Ratzingers Verhältnis von Kirche und Eucharistie geschrieben. Der indische Priester kritisiert, dass heute nur noch wenige in den Gottesdienst gehen und Priester zu «Immobilienverwaltern ohne ausreichend Zeit für Seelsorge» gemacht werden.

Jacqueline Straub 

Sie haben eine Dissertation über das «Verhältnis von Kirche und Eucharistie bei Joseph Ratzinger» geschrieben. Weswegen?

Joseph Chelamparambath*: Die Ekklesiologie Ratzingers hebt den Wert der Eucharistie für das Leben und das Verstehen der Kirche hervor. In seiner Ekklesiologie sieht man, dass Eucharistie und Kirche aufeinander bezogen sind. Die Eucharistie bildet den Mittelpunkt und den Höhepunkt sowohl des persönlichen Lebens des Christen als auch der ganzen kirchlichen Gemeinschaft.

«Die klare Position in Bezug auf die kirchliche Lehre hat mir besonders zugesagt.»

Welchen Bezug haben Sie zu Joseph Ratzinger?

Chelamparambath: Als Seminarist kam ich im Jahr 2003 nach Deutschland, um Theologie zu studieren. Nach der bestandenen Zulassungsprüfung zur Hochschule bin ich an der Katholischen Universität Eichstätt immatrikuliert worden. Am 19. April 2005 wurde erstmals nach rund 500 Jahren wieder ein Deutscher zum Papst gewählt. Beim ersten Besuch seines Heimatlandes zum Weltjugendtag in Köln im Jahr 2005 war ich dabei. Das zweite Mal, als der Papst in Altötting in 2006 war, war ich ebenfalls dabei. Die klare Position in Bezug auf die kirchliche Lehre hat mir besonders zugesagt. Er hat immer die sakramentale Lehre der Kirche überzeugend verteidigt.

Was war Joseph Ratzinger in der Eucharistie wichtig?

Chelamparambath: Im Zentrum seiner Auffassung über die Eucharistie steht für ihn das sakramentale Denken: Wenn man die Kirche als die von Christus Gegründete und Eine versteht, lebt und glaubt, wird diese Wahrheit in der Eucharistie verwirklicht. In diesem Kontext macht er den Schwerpunkt «Christus, die Kirche und ihre Identität» deutlich. Er beantwortet nämlich die folgenden zentralen Fragen: Warum muss die Kirche eine sichtbare Gemeinschaft sein, in der Christus präsent ist? Warum genügt nicht die individualistische Beziehung des einzelnen Menschen zu Christus ohne die gemeindliche Bindung und die Identifizierung mit dem eucharistischen Tun der Kirche?

«Kirche ist Eucharistie.»

Wie stehen Kirche und Eucharistie für ihn im Verhältnis zueinander?

Chelamparambath: Die Kirche ist eucharistisch definiert. Die Eucharistie ist nicht nur ein Sakrament, das die Kirche feiert. Vielmehr stellt sie die Kirche dar. Ratzinger drückt dies so aus: «Kirche ist geworden, als der Herr unter den Gestalten von Brot und Wein seinen Leib und sein Blut gegeben und dann gesagt hat: Tut dies zu meinem Gedächtnis.» Das Wesen der Kirche ist eucharistisch. Das heisst, dass die Kirche aus dem österlichen Gedächtnis entsteht und dass dieses Glaubensgut in der Eucharistie gefeiert wird. Die Feier der heiligen Eucharistie ist die Vergegenwärtigung der Hingabe und Liebe, des erlösenden Todes und der selig machenden Auferstehung Christi. Das schliesst ein, dass Kirche aus Tod und Auferstehung Christi hervorgegangen ist. Kirche versteht sich als Fortleben des Leibes Christi auf Erden.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die eucharistische Ekklesiologie betont und stark gemacht. Doch: An vielen Orten finden sonntags keine Eucharistiefeiern mehr statt. Was bedeutet das für die Kirche?

Chelamparambath: Genau das ist das Problem, dass an vielen Orten die Eucharistiefeier am Sonntag nicht gut besucht wird. In seiner Enzyklika «Ecclesia de Eucharistia» schreibt Papst Johannes Paul II.: «Kirche lebt von der Eucharistie.» In der Eucharistischen Ekklesiologie sagt Joseph Ratzinger folgendes: «Kirche ist Eucharistie.» Denn jeder Mensch katholischen Glaubens ist eigentlich dazu verpflichtet, am Sonntag an einer Messe teilzunehmen. Doch mehr als 94 Prozent der Katholiken setzen sich über dieses Gebot hinweg. Die Teilnahme an der Eucharistie kann niemals eine von aussen auferlegte Verpflichtung sein, sondern sie ist Selbstverpflichtung. Eine Sonntagspflicht kann es unter den Bedingungen der modernen Zeit nur als Selbstverpflichtung geben.

Wie kann der «eucharistische Hunger», von dem Papst Franziskus immer wieder spricht, gestillt werden?

Chelamparambath: Womit stillen wir unseren Lebenshunger? Jesus sagt im Johannesevangelium: «Wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern; und wer an mich glaubt, wird nicht mehr durstig sein.» Die Eucharistie ist die Quelle unserer geistlichen Nahrung. Jesus stillt unseren Lebenshunger. Durch den Empfang der Eucharistie erhalten wir Anteil am göttlichen Leben Jesu. Haben wir Hunger nach dieser Speise, die uns das ewige Leben verspricht? Oder sind wir so selbstzufrieden, dass wir diesen Hunger nicht mehr empfinden? Je besser wir verstehen, was die Heilige Messe ist und wie unendlich kostbar das Allerheiligste Sakrament des Altares, desto grösser wird unser eucharistischer Hunger sein.

Was muss getan werden, damit Menschen wieder einen «eucharistischen Hunger» spüren? Kann uns Joseph Ratzinger darauf eine Antwort geben?

Chelamparambath: Das Nur-das-irdische-Brot-Wollen ist die starke Versuchung für viele. Sie erkennen nur die Oberfläche dessen, was vor sich geht. Gott schenkt uns aber mehr: Er bietet uns in Jesus das göttliche Leben an. Jesus selber als Person ist gekommen, unseren Hunger zu stillen. «Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben». Der innenkirchliche Relativismus und der Individualismus müssen überwunden werden. Unsere Beziehung zu Christus ist eine Beziehung der Liebe, die durch den Empfang der Eucharistie aufrechterhalten wird. Denn durch ihn erkennen wir diese Erde als Gottes Schöpfung, unseren Nächsten als Geschenk und Auftrag, unser Leben als Gabe und Berufung.

«Die Fusionierung mehrerer Pfarreien bringen Probleme mit sich.»

Sie stammen aus Indien und haben Ihre Doktorarbeit in Deutschland verfasst. Wie nehmen Sie die Kirche im deutschsprachigen Raum wahr?

Chelamparambath: In der deutschen Kirche sieht man sehr oft nur die Treuen, die Alten, diejenigen, die von Kindheit an mit der Kirche sozialisiert sind. Aber auch welche, denen die Glaubenserfahrung im Leben geschenkt wurde. Der sakramentale Glaube der Christen ist vielerorts zurückgegangen. Wir gläubige Christen müssen einfach dagegenhalten und ganz fest an die Sakramente glauben. Wenn Gemeinden dies den Leuten näherzubringen versuchen, dass man durch die Sakramente die Stärke und die Kraft und Schutzmittel hat für alle Angriffe des Lebens, dann wird die Kirche wieder wachsen. Die Fusionierung mehrerer Pfarreien bringen Probleme mit sich: Im ungünstigen Fall degradieren sie Priester zu «Immobilienverwaltern» ohne ausreichend Zeit für Seelsorge.

Sie gehören der Syro-Malankanischen katholischen Kirche an. Was zeichnet diese Kirche aus?

Chelamparambath: Die Syro-Malankarische katholische Kirche ist eine der jüngsten Kirchen in der katholischen Familie, die im Jahr 1930 mit der römisch-katholischen Kirche unierte. Sie wurde von Papst Johannes Paul II. als eine der schnell wachsenden sui iuris Kirche bezeichnet. Die Syro-Malankarische Kirche gehört liturgisch zum antiochenischen westsyrischen Ritus, dessen Ursprung auf die ersten Jahrhunderte zurückgeht. Die Syro-Malankarische oder westsyrische Liturgie hat ihren Ursprung in Jerusalem und Antiochien. Sie ist eine der ältesten Liturgien und wird daher zu Recht als die Mutter anderer orientalischen Liturgien bezeichnet, etwa der ostsyrischen, byzantinischen und armenischen.

Die syrische Liturgie ist weit über ihr Ursprungsgebiet hinaus verbreitet.

Chelamparambath: Sie wird von allen Kirchen gefeiert, die sich auf die syro-antiochenische Überlieferung berufen. Dazu gehören zwei mit Rom unierte Kirchen: das syrisch-katholische Patriarchat von Antiochien mit Sitz in Beirut und die Syro-Malankarische Kirche in Indien. Die Liturgie ist voller Symbolik. Die Gewänder, die Ornamente, das ganze Ritual haben eine tiefe symbolische Bedeutung, alle Sinne werden angesprochen.    

«Der syrische Name für die eucharistische Liturgie heisst Qurbono.»

Welche Rolle spielt dort die Eucharistie?

Chelamparambath: Die Eucharistie ist der Urquell unseres geistlichen Lebens. Daher wird sie als der Mittelpunkt der sieben Sakramente angesehen. Es ist die wichtigste Aufgabe der Kirche, das Volk Gottes zu einer näheren und wirksameren Teilnahme an der Eucharistiefeier zu bringen. Der syrische Name für die eucharistische Liturgie heisst Qurbono. Das Wort bedeutet Opfer oder Opfergabe. Qurbono entspricht im Grunde dem griechischen Wort «Anaphora» – Darbringung oder Opfer. Dieser Name bezieht sich hier auf die ganze Messfeier, nicht nur auf den eucharistischen Teil der Messfeier. Die Entfaltung der vollen Bedeutung des Wortes Qurbono wird mit sechs Begriffen angedeutet: Versammlung, Vereinigung, Hinzutreten, Darbringung, Mysterien und schliesslich Vollendung der Vollendungen. Als Hauptteile erkennt man deutlich den Wortgottesdienst (Verkündigungsteil), die mit dem Hochgebet beginnende eucharistische Opferhandlung (im engeren Sinn Anaphora) und das eucharistische Opfermahl. Die Liturgie, wie sie in Kerala derzeit gefeiert wird, besteht aus acht Teilen.

Und die wären?

Chelamparambath: Vorbereitungsritus, Katechumenen-Messe, Wortgottesdienst, Darbringung des Weihrauchs und Vor-Anaphora, die eigentliche Anaphora, Interzessionen, Vorbereitung auf die Kommunion, Empfang der Kommunion und die Entlassung.

*Joseph Chelamparambath ist Priester und gehört der Syro-Malankanischen katholischen Kirche an. Er lebt in Deutschland und hat kürzlich seine Dissertation «Das Verhältnis von Kirche und Eucharistie. Eucharistische Ekklesiologie bei Joseph Ratzinger im Licht des Zweiten Vatikanischen Konzils» im Herder Verlag veröffentlicht. Das Interview wurde schriftlich geführt.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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