Vor genau einem Jahr wurde die Pilotstudie zu sexuellem Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche veröffentlicht. Die Resultate haben aufgerüttelt, nicht nur in kirchlichen Kreisen. Was sagt die frühere Seelsorgerin Monika Schmid dazu – sie, die das Thema Missbrauch vor gut 15 Jahren erstmals bei einer Fernsehpredigt zur Sprache brachte?
Wolfgang Holz
Frau Schmid, heute jährt sich der Tag der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie in der Schweiz. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Monika Schmid: Ich frage mich, wo wir heute stehen. Es wurde so viel versprochen, und kaum etwas ist erreicht. Die unabhängige Meldestelle wird jetzt auf 2025 angekündigt, etwas das es längst vor der Pilotstudie hätte geben müssen. Die Archive in der Nuntiatur in Bern und in Rom sind für die Verantwortlichen der Studie weiterhin verschlossen. Und die Bischöfe machen keinen Druck, man lässt es einfach mal so passieren.
Bischof Felix Gmür und Bischof Josef Bonnemain müssten mindestens einmal pro Monat in Rom vorsprechen. Fünf Mitgliedern der Schweizer Bischofkonferenz wurde zudem Vertuschung vorgeworfen, aus Rom hört man nichts dazu. Auch hier könnten die Bischöfe mehr Druck aufsetzen, wenn sie denn wollten.
«Das lässt jegliches Feingefühl gegenüber Missbrauchsopfern vermissen.»
Das hört sich nicht sehr positiv an…
Schmid: …zudem wird der ehemalige Offizial des Bistums Basel, dem Fehlverhalten in einem Missbrauchsfall nachgewiesen werden konnte, zum Ehrendomherr ernannt, einfach weil es im Bistum Basel so Usus ist. Das lässt jegliches Feingefühl gegenüber Missbrauchsopfern vermissen.
Ich sage noch einmal: Die Bischöfe und Verantwortlichen haben noch immer nicht verstanden, was es für ein Kind, für einen Menschen heisst, sexueller Gewalt ausgesetzt zu sein. Beim Vorfall Sanija Ameti am vergangenen Wochenende haben die Bischöfe sofort eine Medienmitteilung herausgegeben, weil sie sich verletzt fühlen. Haben sie das jemals bei einem Missbrauchstäter getan?
«Die RKZ verhält sich viel zu zahm, sie ist kein Motor für Veränderung.»
Und was ist mit der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ) in Sachen Missbrauchsbekämpfung?
Schmid: Die RKZ hat im SRF-Club vor einem Jahr Transparenz auf allen Ebenen angekündigt. Auch hier grosse Worte und wenig Konkretes. Die RKZ verhält sich viel zu zahm, sie ist kein Motor für Veränderung. Die prophetischen Stimmen fehlen. Gute Leute, wie Karin Iten oder Stefan Loppacher**, die Transparenz schaffen wollen und nicht lockerlassen, gehen.
«Die Frage nach der Frauenweihe wird von der Synode ausgeklammert und auf den St. Nimmerleinstag vertagt.»
Waren Sie schockiert durch das Ausmass der Fälle?
Schmid: Nein, nicht wirklich, und es ist ja nur die Spitze des Eisberges.
Was hat sich Ihrer Meinung in diesem Jahr geändert in der katholischen Kirche?
Schmid: Die Kirche hat es verpasst, in Sachen Missbrauch und Aufarbeitung weltweit Massstäbe zu setzen. Die Kirche dümpelt dahin. Die grossen Fragen zur Gleichstellung aller Menschen bleiben liegen. Die Frage nach der Frauenweihe wird von der Synode ausgeklammert und auf den St. Nimmerleinstag vertagt. Das neue Bonmot der Priesterklasse lautet Erneuerung von Innen. Wie kann wirkliche Erneuerung geschehen, wenn ein Unrechtssystem weiter aufrechterhalten wird und nicht daran gerüttelt werden darf?
«Ich sehe Hauskirchen entstehen, kleine Gruppen, die ihren Glauben miteinander teilen.»
Gibt es aus Ihrer Sicht nur Kirchenaustritte und Kirchensteuereinbussen zu beklagen oder sehen Sie auch positive Entwicklungen?
Schmid: Die positiven Entwicklungen geschehen an der Basis und oft auch ausserhalb der Kirche. Die Menschen, die von der Kirche enttäuscht sind, suchen andere Formen, ihre Spiritualität zu leben. Ich sehe Hauskirchen entstehen, kleine Gruppen, die ihren Glauben miteinander teilen.
Es gibt einzelne Vorstösse aus der Basis, ich denke an eine Synodalin im Kanton Zürich, die den Bischof mit der Frauenfrage herausgefordert hat. Sie wurde regelrecht mundtot gemacht. So sind auch die Kantonalkirchen keine mutigen Instrumente, die Druck aufsetzen, so dass sich in der Kirche Grundlegendes verändern könnte.
«Sich zu sehr mit den Fragen rund um den Missbrauch auseinander zu setzen, würde heissen, sich als Katholikin und Katholik auch in einem gewissen Mass in Frage zu stellen.»
Sie sind zwar nicht mehr aktive Seelsorgerin, aber Sie besuchen ja regelmässig Gottesdienste in Ihrer Gemeinde und befinden sich im Austausch mit anderen Gläubigen. Wie stark ist das Thema Missbrauch an der Kirchenbasis angekommen? Wird darüber öfters diskutiert?
Schmid: Ich fürchte eher nein. Vielen Menschen ist es schlicht peinlich, dass ihre Kirche so in den Negativschlagzeilen steht. Sich zu sehr mit den Fragen rund um den Missbrauch auseinander zu setzen, würde heissen, sich als Katholikin und Katholik auch in einem gewissen Mass in Frage zu stellen. Das ist unbequem. Für viele Gläubige ist die Kirche die eigene Pfarrei, im Sinn: Wir haben es doch gut hier. Sie schätzen die Gemeinschaft.
Was braucht es jetzt, um die Aufarbeitung ernsthaft voranzutreiben und die Prävention zu stärken?
Schmid: Mutige klare Taten, das Umsetzen des Versprochenen. Keine leeren Worte mehr.
Ist die Missbrauchskrise Ihrer Meinung auch eine Chance für Seelsorgende, Gläubige und Kirchenoffizielle, im offenen Dialog aufeinander zuzugehen und neues Vertrauen aufzubauen?
Schmid: Da bin ich irgendwie überfragt. Ich denke eher nein.
*Monika Schmid (67) hat 38 Jahre für die römisch-katholische Kirche gearbeitet. Sie ist Theologin und war Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Martin in Illnau-Effretikon (ZH). Vor zwei Jahren wurde sie in den Ruhestand verabschiedet.
** Stefan Loppacher ist der neue Leiter der nationalen Dienststelle «Missbrauch im kirchlichen Kontext»
***Das Interview wurde schriftlich geführt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/monika-schmid-aeussert-sich-kritisch-zur-missbrauchsbekaempfung/