Bistum Lugano: Anfang gemacht, aber es gibt Luft nach oben

Im Bistum Lugano könnte mit der Publikation der Missbrauchs-Pilotstudie eine Wende passiert sein. Erstmals gibt es etwas mehr Meldungen zu mutmasslichen Übergriffen – was bedeutet, dass nun mehr Betroffene diesen Schritt wagen. Im Bereich Prävention wurde vor allem die Laienorganisation «Azione cattolica» aktiv. Ein Beitrag zur Serie «Ein Jahr nach der Missbrauchs-Pilotstudie».

Barbara Ludwig

Zwischen 10 und 15 Meldungen sind seit der Publikation der Pilotstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche beim Bistum Lugano eingegangen, teilt Nicola Zanini auf Anfrage mit. Zanini ist Delegierter des Apostolischen Administrators Alain de Raemy.

Das ist gewissermassen ein Fortschritt im Vergleich zum den lediglich vier Personen, die sich im Zeitraum von 2016 und September 2023 beim diözesanen Fachgremium «Sexuelle Übergriffe» gemeldet hatten. Zuvor, seit der Gründung des Fachgremiums 2009, wurden dem Gremium gar keine Fälle gemeldet.

Keine Opferorganisationen im Tessin

Aus Sicht der Autorinnen und Autoren der Pilotstudie deutete die niedrige Zahl von Fällen auf eine starke Zurückhaltung von Betroffenen hin, die sich auch im Fehlen von Betroffenenorganisationen zeige. Solche gibt es bislang nur in der Romandie und der Deutschschweiz.

Die Anzahl Meldungen könnte heute noch höher sein. Denn es könnten auch welche bei den kantonalen Opferhilfe-Beratungsstellungen eingegangen sein. Wie viele dies sind, weiss das Bistum Lugano gemäss Zanini nicht.

Alain de Raemy tauschte sich mit Gläubigen aus

In den Monaten nach der Präsentation der Pilotstudie hatten die Gläubigen im Tessin die Gelegenheit, sich mit Alain de Raemy zum Thema auszutauschen. Das Bistum organisierte im Oktober und November sechs Treffen in verschiedenen Ortschaften.

Im März 2024 sagte er in einem Interview mit dem Newsportal catt.ch, «der 12. September stellt einen Wendepunkt dar». Auch im Tessin hätten Missbrauchsbetroffene lange Zeit im Stillen gelitten, nun wählten sie den Weg der Anklage. Er wolle weitere Betroffene ermutigen, sich zu melden, so der Administrator.

«Azione cattolica» organisiert Sensibilisierungskurs

Ebenfalls im vergangenen März kündigte die katholische Laienorganisation «Azione cattolica ticinese» mehrere Anlässe zum Thema Missbrauch an. Dabei handelt es sich um einen Sensibilisierungskurs für Gruppenleitende der «Azione», aber auch für Priester und Ehrenamtliche, die in den Pfarreien tätig sind. Alain der Raemy hat das Projekt gutgeheissen. Ein letztes solches Treffen ist im November vorgesehen.

Bereits seit 2017 arbeitet die Diözese mit der Kinderschutz-Stiftung Aspi zusammen. Aspi steht für «Aiuto, sostegno e protezione dell’infanzia», auf Deutsch wörtlich «Hilfe, Unterstützung und Schutz der Kindheit». Die Stiftung bekam den Auftrag, obligatorische Kurse für Priester, Diakone, Seminaristen, Religionslehrer an Schulen und Katecheten durchzuführen. Nach Angaben von Nicola Zanini hat die Stiftung zwei Schulungstage für diese Personengruppen durchzuführen. Ab diesem September gebe es eine Fortsetzung des Kurses.

Im Juni warf das Tessiner Fernsehen RSI in der Sendung «Falò» ein Schlaglicht auf den Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauch im Bistum Lugano. In der Sendung berichteten drei Opfer, zwei Frauen und ein Mann, über sexuelle Übergriffe durch Priester. Thema war auch die Vernichtung von Akten, die auch die Pilotstudie vermutet.

Priester in Untersuchungshaft

Und im August kam der Fall D.L. (Name der Redaktion bekannt) ans Licht der Öffentlichkeit. Am Tag nach seiner Rückkehr von einer Pilgerreise mit Jugendlichen, also am 7. August, wurde der Priester verhaftet. Unterdessen befindet sich der Geistliche in Untersuchungshaft. Die Beschuldigung lautet auf sexuelle Handlungen mit Kindern, sexuelle Nötigung, sexuelle Handlungen mit urteilsunfähigen oder widerstandsunfähigen Personen sowie Pornographie.

D.L. war verantwortlich für den schulischen Religionsunterricht beim Bistum Lugano. Unmittelbar nach der Verhaftung wurde er von dieser Funktion suspendiert. Die Aufgabe wurde einem anderen Priester übertragen. D.L. war zudem Lehrer am Collegio Papio in Ascona und ebenfalls Kaplan dieses Instituts.

Bistum rechtfertigt sich

Wenige Tage nach der Verhaftung informierte das Bistum, dass es bereits im Februar Kenntnis von Vorwürfen gegenüber dem Priester hatte. Die Anzeige durch die betroffene Person sei im April erfolgt. «Um sich nicht in die Wahrheitsfindung einzumischen und die Verunreinigung von Beweisen zu riskieren, wurden in der Zeit zwischen der Anzeige und der Verhaftung keine Massnahmen gegen den Priester ergriffen», rechtfertigte sich das Bistum. Der aktuelle Fall zeigt: Der Umgang mit Missbrauch bleibt eine Herausforderung.

Im Bereich Prävention gibt es im Bistum Lugano noch Luft nach oben, verglichen mit anderen Bistümern. Man denke nur an den Verhaltenskodex in den Bistümern Chur sowie Lausanne, Genf und Freiburg oder an die externe Untersuchung im Bistum Sitten oder die Tatsache, dass im Bistum Basel Anwaltskanzleien als Anlaufstelle für Meldungen oder mit den kirchenrechtlichen Voruntersuchungen und der Prüfung von Antragsgesuchen auf Genugtuung beauftragt wurden.


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https://www.kath.ch/newsd/bistum-lugano-anfang-gemacht-aber-es-gibt-luft-nach-oben/