Michel Steinmetz: «Liturgie darf nicht instrumentalisiert werden»

Afrikanische Gottesdienste sind bunt und lebendig. Gäbe es Möglichkeiten, afrikanische Elemente in unsere Liturgie zu integrieren? Ein Liturgiewissenschaftler winkt ab – und fordert vielmehr, daran zu arbeiten, das Beste unserer Kultur in der Liturgie zum Ausdruck zu bringen.

Wolfgang Holz

Herr Steinmetz, haben Sie auch schon mal einen afrikanischen Gottesdienst miterlebt?

Michel Steinmetz*: Ich habe nie an einer Liturgie in Afrika teilgenommen, die für und von Menschen aus diesem Kontinent gefeiert wurde. Ich hatte die Gelegenheit, an Gottesdiensten teilzunehmen, in denen das eine oder andere Element der afrikanischen liturgischen Kultur integriert wurde, wie es wahrscheinlich jüngst im Kloster Einsiedeln der Fall war.

«Es sollen nicht Elemente aus anderen Kulturen dazu benutzt werden, die Liturgie lebendiger zu machen.»

Solche Gottesdienste sind nicht nur durch Tänze und viel Gesang geprägt, sondern auch durch Zusatzmomente. Beispielsweise brachten bei der Gabenbereitung Kinder dem Geistlichen Zeichnungen, andere brachten Brot und Lebensmittel an den Altar. Wäre so etwas auch in unseren Gottesdiensten denkbar, um die Gemeinde stärker zu beteiligen?

Steinmetz: Die Integration von Elementen aus anderen Kulturen in eine bestimmte Kultur ist immer eine heikle Angelegenheit. Die Liturgie darf nicht instrumentalisiert werden, indem Elemente aus anderen Kulturen dazu benutzt werden, die Liturgie lebendiger zu machen – weil dabei die Gefahr besteht, dass diese Elemente zu einem folkloristischen Accessoire werden. Inkulturation ist, wie man sagt, eine Sache, die Zeit braucht, manchmal Generationen.

Wie meinen Sie das?

Steinmetz: Papst Benedikt XV. gab in seinem apostolischen Brief «Maximum illud» vom 30. November 1919, in dem er Mk 16,15 zitierte, bereits Empfehlungen an die Missionare, nicht Europa in ihre Missionen zu bringen, sondern das Evangelium. Das Zweite Vatikanische Konzil wird diese Überlegungen weiterführen und ausbauen. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte «zairische» Missale.

Nach dem Konzil begannen die Bischöfe von Zaire, alle Dokumente des Konzils wie «Lumen Gentium», «Gaudium et Spes», «Sacrosanctum Concilium» erneut zu lesen, um die Möglichkeit ihrer Anwendung und Anpassung an den Kontext des Landes zu prüfen. Die Bischofskonferenz von Zaire legte bereits 1969 den Entwurf eines neuen Messbuchs vor, das für die Feier der Messe nach kongolesischem Vorbild angepasst wurde.

«Unsere westlichen Gesellschaften sind von Leistung und Effizienz geprägt – zwangsläufig auch unsere Liturgien.»

Und wie sah dieser Entwurf aus?

Steinmetz: Der Entwurf wurde der Kongregation für den Gottesdienst und die Disziplin der Sakramente vorgelegt. Nach fast 20 Jahren des Dialogs, Austauschs und Studiums wurde aus dem «Missel ad experimentum» mit Momenten der Evaluierung das endgültige Missel, das von Rom akzeptiert wurde – ein Dokument, das nicht nur die Afrikanität, sondern auch die Romanität widerspiegeln sollte. Daher wird es als «Römisches Messbuch für die Diözesen von Zaire» bezeichnet . Papst Franziskus zelebrierte nach diesem Ritus sowohl in Rom als auch während seiner Reise in die Demokratische Republik Kongo.

Menschen aus Afrika haben ein anderes Naturell und ein anderes Temperament. Ist es deshalb unmöglich, unsere Gottesdienste durch afrikanische Elemente zu beleben? Wie sehen Sie das?

Steinmetz: Da alle eingeladen sind, aktiv an der Feier teilzunehmen und nicht nur als Zuschauer, ist es verständlich, dass die Liturgie sich mit der Kultur verbinden muss, um Ausdrucksformen für das zu finden, was gefeiert werden soll. In vielen afrikanischen Traditionen wurden die Ereignisse von Musik begleitet, die viele Facetten hat: Fest, Trauer, Geburt. Der musikalische Rhythmus begleitet die Liturgie. Auch der Tanz ist ein Teil des tiefsten Wesens des Menschen. Europa und der Westen haben eine andere Beziehung zur Musik oder zum Tanz… Auch bei der Feier der Messe nach dem zairischen Ritus gibt es einige Besonderheiten.

Welche?

Steinmetz: Etwa die Prozession zum Einzug mit Gesang und Händeklatschen im Rhythmus der Gesänge. Die Anrufung der Ahnen. Der Gloria-Gesang mit Tanz um den Altar, um Christus auszudrücken, der durch den Altar repräsentiert wird – den lebendigen Stein, der das Gleichgewicht in unserem Leben und in unserer Gesellschaft aufrechterhält. Und die Akklamation des Evangeliums mit Prozession, um den sprechenden Christus zu empfangen.

«Das Evangelium wird im Sitzen gehört, als Zeichen des Respekts.»

Und wie ist das mit dem Evangelium?

Steinmetz: Das Evangelium wird im Sitzen gehört, als Zeichen des Respekts und der Verehrung für den sprechenden Christus. Auch hier wird deutlich, dass sowohl die Ahnenverehrung als auch das Zuhören im Sitzen als Zeichen des Respekts Elemente der afrikanischen Kultur sind, ganz zu schweigen von der Beziehung zur Zeit. Unsere westlichen Gesellschaften messen die Zeit auf die Sekunde genau und sind von Leistung und Effizienz geprägt. Unsere Liturgien sind davon zwangsläufig geprägt. Wir akzeptieren eine Liturgie von mehr als zwei Stunden für einen aussergewöhnlichen Anlass: Ich bin nicht sicher, ob wir das jeden Sonntag tun würden.

Welche liturgischen Elemente gibt es aus Ihrer Sicht, um die Routine-Liturgie in unseren Eucharistiefeiern zu beleben?

Steinmetz: Die grosse Herausforderung, die sich an vielen Orten stellt, wie zum Beispiel in grossen Metropolen, wo die Gemeinden durch die Anwesenheit zahlreicher Gemeinschaften ausländischer Herkunft geprägt sind, ist die Möglichkeit, Platz für jeden zu schaffen, ohne den anderen zu einem Objekt der Folklore zu machen. Das Evangelium reinigt die Kultur, und die Kultur manifestiert sich im Evangelium. Aber die Kultur ist nur ein Sieb, durch das sich die Menschheit ausdrückt. Was wichtig ist, ist unsere Menschlichkeit, die der Herr zu retten und aufzuwerten gekommen ist. Das Problem bleibt die Interpretation der Gesten, die von einer Kultur zur anderen variieren können.

«Es wird darum gehen, das Beste und Relevanteste aus den Kulturen zu übernehmen.»

Und was bedeutet das konkret?

Steinmetz: Wir müssen daran arbeiten, dass unsere eigenen Kulturen in der Liturgie zum Ausdruck kommen können, nicht um dort einen Spiegel zu finden. Es wird darum gehen, das Beste und Relevanteste aus ihnen zu übernehmen, damit wir die Begegnung mit Christus, der uns rettet, am besten und intensivsten erleben können.

*Michel Steinmetz ist Professor am Institut für Liturgiewissenschaft an der Universität Fribourg. Vor kurzem fand der Gottesdienst zur Afrika-Wallfahrt im Kloster Einsiedeln statt. Das Interview wurde schriftlich geführt.


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