Nazar Zatorskyy: Das Kirchenverbot in der Ukraine kommt zu spät

Das ukrainische Parlament hat am Dienstag grünes Licht für ein Verbot von Gliederungen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) gegeben, die mit dem Moskauer Patriarchat verbunden sein soll. Nazar Zatorskyy, Priester der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, kritisiert den Zeitpunkt des Verbots.

Barbara Ludwig

In der Ukraine steht die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK), der eine Nähe zu Moskau vorgeworfen wird, in Konkurrenz zur Ende 2018 gegründeten Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU), die von der Regierung unterstützt wird. Am Dienstag hat das ukrainische Parlament einen Gesetzesentwurf angenommen, der ein Verbot von Kirchengliederungen vorsieht, wenn deren Machtzentrum in einem Land liegt, das die Ukraine militärisch angegriffen hat. Das meldete die Katholische Nachrichten-Agentur KNA.

265 Abgeordnete sagten demnach Ja, 29 Parlamentarier lehnten den Entwurf ab. Für eine Annahme waren 226 Stimmen notwendig. Damit das Gesetz in Kraft treten kann, muss es noch von Präsident Wolodymyr Selenskyj unterzeichnet werden.

«Kirche hat zu viele Priester und Gläubige»

Nazar Zatorskyy ist Priester der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche und lebt in der Schweiz. Seine Kirche ist mit Rom uniert, feiert ihre Gottesdienste jedoch im byzantinischen Ritus. Zatorskyy findet, das Verbot komme viel zu spät.

Man hätte bereits vor über 30 Jahren, gleich nach der Auflösung der Sowjetunion, Massnahmen zugunsten der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats ergreifen sollen, um die Ausbreitung der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats zu verhindern, sagt der Priester auf Anfrage von kath.ch. Geschehen sei das Gegenteil, die moskautreue Kirche sei von der ukrainischen Regierung lange Zeit begünstigt worden. «Nun ist es zu spät. Man kann die Kirche nicht von heute auf morgen verbieten, sie hat zu viele Priester und zu viele Gläubige.»

Bindung zu Moskau nicht gekappt

Viele Ukrainer seien in der moskautreuen Kirche aufgewachsen, besuchten sie weiter – und dies trotz des Angriffskriegs auf ihre Heimat, auch weil es in vielen Dörfern schlicht keine Alternative gebe. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK) hatte sich laut der Nachrichten-Agentur KNA im Mai 2022 vom Moskauer Patriarchat losgesagt. Zatorskyy geht hingegen davon aus, dass sie sich bis heute nicht von Moskau getrennt habe, dies zeige die offizielle Internetseite des Moskauer Patriarchates. Eine Meinung, die er mit ukrainischen Regierung teil.

Diese warf der Kirche unter dem Kiewer Metropoliten Onufrij vor, ihre Bindung an die russisch-orthodoxe Kirche nicht aufgelöst und in Russlands Angriffskrieg ein Einflussinstrument Moskaus in der Ukraine zu sein.

Religionsfreiheit nicht verletzt

Im Gegensatz zu westlichen Beobachtern sieht der Priester im Verbot keine Verletzung der Religionsfreiheit. Niemand werde die Gemeinden daran hindern, ihre Gottesdienste zu feiern, ist Zatorskyy überzeugt. Man werde das Gesetz nämlich gar nicht umsetzen können, weil die einzelnen Kirchgemeinden Eigentümerinnen ihres Kirchengebäudes seien. Man müsste jede einzelne Kirchgemeinde verbieten, was unmöglich sei. «Das Gesetz wird toter Buchstabe bleiben», prophezeit Zatorskyy.

In der Tat sieht das angenommene Gesetz kein Verbot der UOK als Ganzes vor, wie die Nachrichten-Agentur KNA schreibt. Gerichte müssten auf Antrag der für Religionsgemeinschaften zuständigen Behörde jede der knapp 10’000 Kirchgemeinden und anderen Strukturen der UOK einzeln prüfen und jeweils separat über ein Verbot entscheiden.

Symbolische Bedeutung

Der Priester misst dem Gesetz allerdings symbolische Bedeutung zu. «Die Annahme des Gesetzes bedeutet, dass die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats lediglich ihre privilegierte Stellung verliert und künftig nicht mehr sozusagen Staatskirche ist.» Bis 2014, als die Krim durch Russland annektiert wurde, sei sie das gewesen und mit dem neuen Gesetz sei damit offiziell Schluss.

Zatorskyy leitet die Ukrainische Kirchgemeinde von Zürich. Zudem arbeitet er als Priester in den römisch-katholischen Pfarreien Heilig Geist und Guthirt in Zürich.


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