Im Thurgau wurde jüngst über das Thema Missbrauch im Kantonsrat diskutiert: Für die Mehrheit der Abgeordneten ist weder eine kantonale Anlaufstelle für Betroffene noch eine Missbrauchsstudie auf Kantonsebene nötig. Die Landeskirche Thurgau ist dennoch bemüht, wie Generalsekretärin Michaela Berger-Bühler versichert, das Vertrauen der Gläubigen zurückzugewinnen.
Wolfgang Holz
Sie war live mit dabei: Auf der Besuchertribüne verfolgte die Generalsekretärin der katholischen Landeskirche Thurgau, Michaela Berger-Bühler, neulich die Missbrauchs-Diskussion im Kantonsrat. «Ich habe die Diskussion als sehr sachlich wahrgenommen», berichtet die 53-jährige Kirchenfrau gegenüber kath.ch.
Es sei im Kantonsparlament betont worden, dass Missbrauch kein alleiniges Phänomen der katholischen Kirche sei. Bereits seit längerer Zeit sensibilisiere man in kirchlichen Kreisen die Menschen im Thurgau zum Thema Missbrauch. Der Kirchenrat der Landeskirche Thurgau unterstütze die Schutz- und Präventionskonzepte des Bistums Basel. Die Kirchgemeinden würden dabei aktiv mithelfen, diese Konzepte umzusetzen.
Dabei werden die Kirchgemeinden am jährlichen Weiterbildungstag zu diesem sensiblen Thema geschult und erhalten entsprechende Unterstützung. Der Kirchenrat hat eine Umsetzungshilfe zum Schutz- und Präventionskonzept des Bistums Basel verfasst und bietet regelmässig Schulungen an.
Der Registraturplan der Kirchgemeinden und der Landeskirche sehe seit vielen Jahren vor, dass Personalakten dauerhaft aufbewahrt werden müssen. Zusätzlich hat die Landeskirche die Selbstverpflichtungserklärung zum Verzicht von Aktenvernichtung unterzeichnet. «Missbrauch ist ein grosses Thema. Die zentrale Frage ist und bleibt: Wie kann er verhindert werden», fasst Berger-Bühler zusammen.
«Mit 2,7 Prozent liegt die Austrittsquote aktuell rund ein Prozent höher als im Vorjahr.»
Beunruhigend findet sie die Zunahme der Kirchenaustritte in der Landeskirche Thurgau. «Mit 2,7 Prozent liegt die Austrittsquote aktuell rund ein Prozent höher als im Vorjahr», bilanziert Berger-Bühler. «Würde sich diese Entwicklung so fortsetzen, hätten wir in zehn Jahren ein Drittel weniger Kirchenmitglieder.»
Zwar müsse die Landeskirche momentan noch keine Abstriche machen bei ihren finanziellen Leistungen – auch weil man noch auf Ertragsüberschüsse zurückgreifen könne. «Doch wir müssen damit rechnen, dass wir in Zukunft weniger finanzielle Mittel zur Verfügung haben werden. Daher ist der Kirchenrat bereits heute dabei, sich mit dem Thema aktiv und konstruktiv auseinander zu setzen.»
Dabei lassen sich die Kirchenaustritte laut Michaela Berger-Bühler nicht auf einen Nenner bringen. «Man kann die Kirchenaustritte nicht einfach über den Kamm der Missbrauchsproblematik scheren», ist sie überzeugt.
Jeder Kirchenaustritt sei ein persönlicher Entscheid und meist vielschichtig: Fragen der persönlichen Spiritualität spielten hierbei ebenso eine Rolle wie der eigene Bezug zum Glauben, respektive zur Kirche oder aber auch finanzielle Überlegungen.
Und trotzdem schmerzt die Kirchenfunktionärin jeder Kirchenaustritt. Insbesondere deshalb, da sie überzeugt ist, dass in den Pfarreien gute und engagierte Arbeit geleistet wird. Doch wie kann man das Vertrauen der Menschen in die Kirche zurückgewinnen? «Das ist eine schwierige Frage», räumt sie ein. Bei den Kirchenmitgliedern, die sich noch am Pfarreileben beteiligen, sei das Vertrauen in die Kirche mutmasslich noch vorhanden.
«Grundsätzlich versuchen wir im Kanton Thurgau, uns als moderne Kirche weiterzuentwickeln.»
«Wie viele andere sich dagegen schon innerlich von der Kirche distanziert haben, ist schwierig abzuschätzen. Grundsätzlich versuchen wir im Kanton Thurgau, uns als moderne Kirche weiterzuentwickeln im Sinn der Gleichberechtigung aller und der Missbrauchsprävention», versichert Michaela Berger-Bühler.
Doch dieser Prozess gehe nicht so schnell vonstatten, er brauche Zeit. Zudem könne man diesen Weg nicht alleine beschreiten, sondern suche die Solidarität und die Unterstützung anderer Landeskirchen und der Verantwortlichen in den Bistümern.
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