Luc Humbel: «Wut und Frust in der Kirche müssen wieder der Freude weichen»

Der langjährige Kirchenratspräsident und ehemalige RKZ-Präsident Luc Humbel wird die Landeskirche Aargau per Ende August verlassen. Der 57-Jährige verortet die katholische Kirche in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise. Gleichzeitig ist er im Interview überzeugt vom grossen Potential der Institution, positiv in die Gesellschaft auszustrahlen. Vor allem wenn es um die Hilfe für die Menschen geht.

Wolfgang Holz

Herr Humbel, haben sie Ihren Namen schon einmal englisch ausgesprochen. Da bedeutet «humble» so viel wie bescheiden und demütig. Würden Sie sagen, Demut ist heutzutage eine wichtig gewordene Eigenschaft für uns Christen angesichts der jüngsten Krisen in der katholischen Kirche?

Luc Humbel (lacht): Ja, da würde ich Ihnen zustimmen. Wobei Demut nicht nur angesagt ist, was die eigenen kirchlichen Krisen anbelangt. Auch der Zustand der Welt ruft Demut hervor. Die Klimaerwärmung fordert uns alle auch im Sinne der Bewahrung der Schöpfung. Im Rahmen dieser grossen Krise vermisse ich übrigens immer wieder die Stimme der Kirche.

«Es gibt nach wie vor eben keine Antworten auf Klerikalismus und fehlende Machtteilung.»

Apropos Grosskrisen. Wie hat denn aus Ihrer Sicht die katholische Kirche, knapp ein Jahr nach Bekanntwerden der Missbrauchsstudie, diese massive Katastrophe bis jetzt gemanagt?

Humbel: Wenn es um die Massnahmen geht, mit denen man den Missbrauch ahndet und im Umgang mit Nähe und Distanz, zählt die katholische Kirche in der Schweiz mittlerweile sicher zu den am besten aufgestellten Institutionen überhaupt. Wenn es aber darum geht, was den Missbrauch begünstigt, ist die katholische Kirche noch meilenweit entfernt von Lösungen.

Wie meinen Sie das?

Humbel: Es gibt nach wie vor eben keine Antworten auf Klerikalismus und fehlende Machtteilung – wichtige Ursachen, die Übergriffe und Machtmissbrauch begünstigen. Unser Bischof sagt immer, er will gar nicht so viel Macht. Es wird interessant sein zu schauen, ob die anstehenden Bischofswahlen in St. Gallen zeigen könnten, wie auch in diesem Kontext Macht geteilt werden könnte.

«Es braucht eine Revitalisierung von kirchlicher Ausstrahlung in die Gesellschaft.»

Was sagen Sie zu den vielen Kirchenaustritten?

Humbel: Ich bedauere jeden Austritt. Andererseits muss man verstehen, dass die Institution Kirche an Glaubwürdigkeit enorm eingebüsst hat, und viele Menschen deshalb nicht mehr Mitglied sein wollen. Ich persönlich rufe natürlich nicht zum Kirchenaustritt auf.

Die Kirche hat ein extrem gutes Potenzial für eine Etablierung ihrer christlichen Botschaft in der Gesellschaft. Leider ist sie zur Zeit zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihrem Auftrag gerecht zu werden und um Möglichkeiten eines spirituellen Lebens überzeugend anzubieten. Es braucht eine Revitalisierung von kirchlicher Ausstrahlung in die Gesellschaft.

Sie sind stets ein hochrangiger Laienkatholik gewesen – beispielsweise als RKZ-Präsident von 2016 bis 2019. Wie ist es Ihrer Meinung nach um den Ist-Zustand der katholischen Kirche bestellt?

Humbel: Sie leidet leider schon viel zu lange an einer extremen Glaubwürdigkeitskrise. Wut und Enttäuschung müssen wieder der Freude weichen.

«Glaubwürdig ist die Kirche aus meiner Sicht dann, wenn sie die Menschenrechte anerkennt und lebt.»

Dabei bräuchten glaubwürdige Reformen kein «nihil obstat» aus Rom. Glaubwürdig ist die Kirche aus meiner Sicht dann, wenn sie die Menschenrechte anerkennt und lebt.

Ich möchte zum Beispiel meiner Enkelin nicht mehr erklären müssen, warum Frauen in der katholischen Kirche anders behandelt werden als in anderen Kirchen. Die gleichberechtigte Behandlung von Frauen in der Kirche ist nur ein Element zur Erlangung von Glaubwürdigkeit. Wie gesagt, gehören auch die Gewalten- und Machtteilung dazu, ebenso wie eine bessere Partizipation des Kirchenvolks.

Sie waren lange Jahre Kirchenratspräsident der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau. Was würden Sie sagen, haben Sie in diesem Amt vor allem erreicht?

Humbel: Das müssten andere beurteilen…

«Die Landeskirche Aargau hat sich immer aktiv eingesetzt, um sich um die Menschen, die am Rand unserer Gesellschaft leben, zu kümmern.»

…klar, aber was war Ihnen in Ihrem Amt beispielsweise ein Herzensanliegen?

Humbel: Die Landeskirche Aargau hat sich immer aktiv eingesetzt, um sich um die Menschen, die am Rand unserer Gesellschaft leben, zu kümmern. Wir haben kirchlich regionale Sozialdienste ins Leben gerufen, die den Menschen zuhören, ihre Probleme triagieren, ihnen Hilfe zukommen lassen.

Wenn nun weniger Mittel zur Verfügung stehen für diese sozialen Dienste mangels geringerer Kirchensteuereinnahmen, wäre es geboten, dass die Kirche mit dem Staat redet, um staatliche Förderungen einzufordern. Beispielsweise betreut die ökumenische Spitalseelsorge der Landeskirche Aargau ein Drittel von Patienten, die nicht der Landeskirche angehören. Hier ist es uns jetzt gelungen, den Staat in die Mitfinanzierung zu nehmen.

«Dieses soziale Engagement der Kirche ist letztlich die DNA kirchlichen Handelns.»

Sie sagen es: Es war Ihnen immer ein grosses Anliegen, auf die karitative Seite der Kirche abzuheben. Hier erbringt die Kirche grosse Leistungen, ohne darüber gross zu sprechen. Sollte sich die Kirche aus Ihrer Sicht in Zeiten gesellschaftlicher Verarmung wieder stärker auf die soziale Aufgabe konzentrieren und mit diesem Pfund mehr wuchern?

Humbel: Dieses soziale Engagement der Kirche ist letztlich die DNA kirchlichen Handelns. Das gilt in guten wie in schlechten Zeiten. «Tue Gutes und sprich darüber» – das ist leider nicht katholisch. Man ist nicht gewohnt darüber zu sprechen. Man darf auch durchaus auf diese sozialen Dienste stolz sein. Auch weil diese mit kirchlichen Steuergeldern finanziert werden, soll darüber berichtet werden.

«Wir müssen Kirche gemeinsam neu denken.»

Wie könnte die Kirche denn aus Ihrer Sicht generell wieder attraktiver werden?

Humbel: Die Landeskirche Aargau hat ein Projekt lanciert, das heisst «Zukunft Kirche Aargau.» Es ging zu Beginn darum,  die ausländischen Missionen in die «Schweizer Kirche» zu «integrieren». Dieser Ansatz war falsch.

Wir müssen Kirche gemeinsam neu denken, und etwa die Kroaten und die Portugiesen das Gute in ihrer Kultur, wie etwa die Lebensfreude, die Tradierung des Glaubens, die gelebte Gemeinschaft in die «Schweizer Kirche» miteinbringen lassen. Auch wenn Italiener Gottesdienste feiern, herrscht immer viel Freude, und verschiedene Generationen nehmen an der Eucharistiefeier teil. Das ist wichtig. So wollen wir alle zusammen eine neue kirchliche Kultur im Aargau aufleben lassen.

Warum?

Humbel: Uns Schweizern geht vielfach die Freude ab – was auch daran liegt, dass dem Schweizer das Bedürfnis nach Gemeinschaft verlorengegangen ist. In der Schweiz fehlt gesamtgesellschaftlich ein nationaler Konsens, wie er etwa früher in der Neutralität oder im Roten Kreuz bestanden hat. Diesen Konsens gibt es nicht mehr, und vielleicht könnten auch die Kirchen daran mitwirken, einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu etablieren.

«Ich gehe nicht jeden Sonntag in die Kirche, weil ich nicht jeden Sonntag das Bedürfnis habe.»

Gehen Sie denn selbst noch jeden Sonntag in die Kirche? Wie praktizieren Sie ihren Glauben?

Humbel: Nein, ich gehe nicht jeden Sonntag in die Kirche, weil ich nicht jeden Sonntag das Bedürfnis habe. Ich praktiziere meinen Glauben, indem ich für mich bete – zuhause, in der Stille oder in der Natur. Hoch in den Alpen beispielsweise.

Was könnten eigentlich die Bischöfe anders machen, um die Gläubigen zu motivieren? In Deutschland hat man den Eindruck, dass die Bischöfe sich gesellschaftlich mehr engagieren.

Humbel: In der Tat. Ich bin ein langjähriger Leser der «Süddeutschen Zeitung». Dabei ist mir aufgefallen, dass die deutschen Bischöfe sich viel stärker in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einschalten. Schweizer Bischöfe machen das nicht, weil sie zu ängstlich sind.

Und was machen Sie nun künftig eigentlich in Ihrer Freizeit ab Ende August, wenn Sie sich nicht mehr für die Kirche engagieren?

Humbel: Ich versuche in einigen Punkten nachzuholen. Zum Beispiel bei der Sonntagsruhe. Ich kann wieder mehr das Familienleben pflegen. Und ich werde wieder stärker meinen Hobbys frönen können: Ich gehe gerne in die Berge und fahre gerne Velo.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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