Missbrauch-Aufarbeitung: Wo ist Deutschland der Schweiz voraus?

Bald jährt sich die Publikation der Pilotstudie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz. Wo steht die Schweiz bei der Aufarbeitung im Vergleich mit Deutschland? Stefan Loppacher macht einen Vergleich.

Stefan Loppacher*

«Innerhalb weniger Monate gab es landesweit mehrere Tausend Medienbeiträge, auch zu neu aufgedeckten Missbrauchsfällen und deren Vertuschung bis in die jüngste Vergangenheit. Eine erhebliche Anzahl von Betroffenen hat sich mittlerweile beim Forschungsteam der Universität Zürich und bei kirchlichen Anlaufstellen gemeldet. Die Erschütterung und Empörung in der Bevölkerung zeigt sich nicht zuletzt in den Kirchenaustrittszahlen: In einigen Kantonen hat die Kirche innerhalb von wenigen Wochen 1 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Im Vergleich zu den bereits sehr hohen Werten des Vorjahres haben sich die Austrittszahlen teilweise nochmals verdoppelt bis verdreifacht. (…)

Alle kirchlichen Strukturen und Einrichtungen sowie das gesamte kirchliche Angebots- und Wirkungsfeld der letzten gut 70 Jahre sind Objekt dieser historischen Forschung, von der Pfarreiseelsorge, über verbandliche Jugendarbeit, bis hin zu Erziehungseinrichtungen, Orden, neuen geistlichen Gemeinschaften und dem Arbeitsplatz Kirche. Darüber hinaus wurde ebenfalls im vergangenen Herbst ein neues Massnahmenpaket auf nationaler Ebene beschlossen.

Bei den folgenden Einschätzungen zur Situation in Deutschland handelt es sich nicht um eine angemessene Würdigung der umfangreichen Bemühungen in den Bistümern und auf Bundesebene, sondern bloss um ein paar subjektive Eindrücke und kritische Punkte, die mir wichtig erscheinen.

«In Deutschland ist man anderen Ländern, auch der Schweiz, viele Jahre voraus.»

In vielen Bistümern sind aktuell unabhängige Forschungsprojekte und Untersuchungen am Laufen oder wurden vor kurzem abgeschlossen. In Sachen Präventionsarbeit ist man hier anderen Ländern, auch der Schweiz, viele Jahre voraus. Ab 2010 wurden in allen Diözesen Fachleute angestellt. Vielerorts wurden umfangreiche Verhaltenskodizes erarbeitet und implementiert. Bundesweit haben mehrere Hundert Referentinnen und Referenten eine sechsstellige Zahl von Angestellten und Freiwilligen geschult. Unter diesen Aspekten ist die Kirche heute tatsächlich eine komplett andere als noch vor 20 Jahren.

Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken haben den synodalen Weg in Deutschland mit angestossen und möglich gemacht. (…) Der Synodale Weg setzte sich dafür ein, dass diese Themen, trotz vielseitigem Widerstand, auf der Agenda bleiben und angegangen werden. Erfahrungen, Berichte und Forderungen von Betroffenen sollten dabei sehr ernst genommen werden. (…)

«Sexualisierte Gewalt gegen Erwachsene und spiritueller Missbrauch bleiben ausgeblendet.»

Nun zu ein paar kritischen Punkten. Es fällt auf, dass sowohl in Forschung und Aufarbeitung, als auch in den Präventionstools weiterhin praktisch ausschliesslich auf minderjährige Betroffene fokussiert wird. Mittlerweile ist zwar beispielsweise in der Rahmenordnung Prävention der DBK auch von ‹schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen› die Rede. Allgemeinhin versteht man unter dieser Kategorie von Erwachsenen alte gebrechliche Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Damit bleiben sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, sexualisierte Gewalt gegen Erwachsene generell, sexuelles Fehlverhalten in professionellen Settings, sowie oft damit verbundener spiritueller Missbrauch ausgeblendet. Erwachsene Betroffene und die sexuellen Übergriffe gegen sie im Kontext von Pfarrei, Verbandsarbeit, Ordensleben, neuen geistlichen Gemeinschaften und Gebetsgruppen müssen auch in den Blick genommen werden, sowohl in den Aufarbeitungsprojekten als auch in der Präventionsarbeit.

Ein weiterer Aspekt betrifft das Projektdesign von Studien und Untersuchungen. Über Fragestellungen und über die Voraussetzungen, unter denen Forschung ermöglicht wird, hat Kirche von Anfang an einen enormen Einfluss auf das, was überhaupt dabei herauskommen kann. (…) Kirche tut gut daran, die Forschungsfreiheit uneingeschränkt zu respektieren und so wenig Einfluss wie nur irgend möglich auf das Forschungsdesign zu nehmen. Direkter, ungefilterter und uneingeschränkter Zugang zu kirchlichen Akten und Daten ist eine grundlegende Voraussetzung für Aufarbeitungsprojekte, damit diese das Prädikat ‹unabhängig› auch verdienen.

«Die Kirche will die Deutungshoheit nicht aus der Hand geben.»

Nicht nur in der MHG-Studie, sondern auch in verschiedenen Folgeprojekten wurde das zu untersuchende Aktenmaterial durch kirchliche Mitarbeitende ausgewählt und bearbeitet, im Falle von MHG sogar durch ein mehrstufiges Verfahren komplett anonymisiert. So handelt eine Institution, welche die Deutungshoheit nicht aus der Hand geben und die Kontrolle behalten will. Es ist Ausdruck einer Kultur, die nun noch etwas genauer beleuchtet werden soll. (…)

Wo bleibt das Learning aus der Vergangenheit? Eine selbstkritische und folgenreiche Auseinandersetzung mit deren Ergebnissen ist vielerorts immer noch ausstehend. Es bleibt oft bei kosmetischen Korrekturen. Massive Defizite in den Leitungsstrukturen, problematische Anreize und Risiken theologisch überhöhter und absolutistisch ausgestalteter Ämter, die erwiesenermassen verhängnisvolle Rolle repressiver Sexualmoral, verschiedene Formen spirituellen Missbrauchs als klassische Grooming-Strategie für sexuelle Übergriffe, diese und weitere grundlegenden Faktoren entfalten weiterhin ihre toxische Wirkung, wenn sie nicht konsequent adressiert werden. (…)

Die Kirche versteht sich seit Jahrhunderten selbst als Lehrmeisterin, als Hüterin des Glaubens und Wächterin über moralische und gesellschaftliche Werte. Dieses Selbstverständnis wirkt auch heute noch nach und ist mit ein Grund, warum sich kirchliche Verantwortliche – auch bei viel gutem Willen – bisweilen immer noch schwertun, Unterstützung, fachliche Beratung, Kritik und Kontrolle von aussen nicht nur halbwegs zu ertragen, sondern ernst zu nehmen und aktiv zu wollen. Es braucht weiterhin viel Effort, damit die Kirchen aus eigenem Interesse und eigenem Antrieb selbst die richtigen Fragen stellen und Antworten darauf suchen.»

*Stefan Loppacher war Präventionsbeauftragter für das Bistum Chur. Er übernimmt die Leitung der neuen nationalen Dienststelle «Missbrauch im kirchlichen Kontext». Dieser Text erschien zuerst auf feinschwarz.net.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/missbrauch-aufarbeitung-wo-ist-deutschland-der-schweiz-voraus/