Inhaftierter Priester wollte Homosexualität aus Sexualkunde-Buch streichen

Einem derzeit inhaftierten Priester aus dem Bistum Lugano wird Missbrauch vorgeworfen. Als Begleiter, Seelsorger und Dozent arbeitete er viel mit Jugendlichen. Der Tessiner Priester wirkte vor zehn Jahren an einem Schulbuch zu Sexualkunde auf Mittelstufe mit – offenbar wenig kooperativ.

Regula Pfeifer

«Ich arbeite voller Freude mit Jugendlichen in verschiedenen Kontexten». Das schreibt der Priester, der aktuell in Untersuchungshaft im Gefängnis Falera in Lugano sitzt, in einer Kurzbiografie auf catt.ch. Der Satz irritiert heute. Gegen den 55-jährigen Mann läuft derzeit eine gerichtliche Untersuchung. Es werden ihm sexuelle Übergriffe gegenüber Kindern und Menschen, die nicht urteils- und wehrfähig sind, vorgeworfen – sowie dem Besitz von Pornografie. Auszugehen ist hier von kinderpornografischem Material.

Der Priester D.L.* war nach einer Pilgerreise mit Jugendlichen des Bistums Lugano von der Polizei festgenommen worden und befindet sich inzwischen in Untersuchungshaft. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Übergriffe vor rund fünf Jahren

Die sexuellen Übergriffe, die ein heute erwachsener Mann dem Bistum Lugano gemeldet hatte und die zur Festnahme von D.L. führten, sollen sich gemäss dem «Giornale del Ticino» (9.8.24) in den Jahren 2018 oder 2019 ereignet haben. Der Priester hat bis zu seiner Festnahme am 8. August alle seine Ämter behalten. Und er soll sich vor der erwähnten Pilgerreise mit Jugendlichen auch für 24 Stunden im Sommerlager der katholischen Jugendorganisation «Azione cattolica giovanile» im Bleniotal aufgehalten haben.

Das Bistum Lugano hat D.L. am Tag nach seiner Festnahme aller diözesanen Ämter enthoben. Der Tessiner Regierungsrat hat ihn zudem diesen Mittwoch von der Mitgliedschaft bei der kantonalen Kommission für Ausländer suspendiert, wie catt.ch mit Verweis auf RSI schreibt.

D.L. ist Tessiner, wie sich aus verlässlichen Informationen herauslesen lässt. Der 1969 Geborene erhielt 2005 die Priesterweihe. Damals war Pier Giacomo Grampa Bischof von Lugano. Nach Studien in Geografie, Philosophie und Literatur (Lizenziat in Freiburg) wechselte er zur Theologie und erwarb das Lizentiat in Lugano. In Rom machte er ein Zusatzdiplom in Theologie der Jugendpastoral.

Jugendseelsorger und Religionslehrer

In der Jugendpastoral war er seither vorwiegend tätig. Von 2001 an arbeitete er am diözesanen Gymnasium Lucino in Lugano und war für die Internatsschüler zuständig. 2003 wurde er nach Gordola in den Bezirk Locarno versetzt, wo er in der Jugendpastoral der Pfarrei arbeitete und an der Mittelschule unterrichtete.

Ab 2006 wechselte der Priester nach Bellinzona. Er wurde mitarbeitender Priester der Pfarrei La Collegiata und unterrichte an diversen Schulen der Stadt. Vor seiner Festnahme lebte er in Ascona, wo er als Dozent und spiritueller Begleiter am Kollegium Papio wirkte sowie als Dozent an der Kantonsschule von Savosa, im Bezirk Lugano.

Für die Diözese arbeitete D.L. unter anderem als Begleiter der Jugendpastoral. Er wirkte in verschiedenen Schulkommissionen mit und übernahm 2008 die Leitung des Büros für schulischen Religionsunterricht der Diözese. Er war Präsident der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen im Tessin.

Nein zum Schulbuch für Sexualkunde

Als Kirchenvertreter engagierte sich D.L. auch bei der Schaffung eines Schulbuchs für Sexualkunde für 14- bis 16-Jährige an öffentlichen Schulen. Das Projekt lief vor rund zehn Jahren. Er gehörte einer offiziellen Beratergruppe an, welche sich zum neu entstehenden Schulbuch für Sexualerziehung äussern sollten.

Dabei versuchte er offenbar, einige Elemente aus dem Katechismus der Katholischen Kirche ins Buch einzubringen. Das sagte der damalige Tessiner Regierungsrat Manuele Bertoli in einem Doppelinterview mit D.L. in der Zeitung «La Regione» im Jahr 2015. Insbesondere wollte der Priester alle Aussagen zu Homosexualität aus dem Schulbuch streichen.

Das kam aber bei den übrigen Mitgliedern der Beratergruppe nicht durch. D.L. distanzierte sich schliesslich von einigen Inhalten des Schulbuchs und akzeptierte den Schlusstext nicht – als einziger der Beratergruppe.

In der Beratergruppe waren neben der katholischen auch die evangelisch-reformierte Kirche, die kantonale Elternkonferenz, das Kantonsärztliche Amt, das Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung des Spitalrats, das Mittelschullehramt, ein Kinderarzt und ein Sexualtherapeut vertreten.


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