Thierry Moosbrugger, wie können wir besser streiten?

Er ist Theologe, Mediator und Ombudsmann des Kantons Basel-Stadt. Das heisst, Thierry Moosbrugger ist tagtäglich mit Streitereien beschäftigt. Jetzt hat er ein Buch übers Streiten geschrieben und gibt im Podcast «Laut + Leis» konkrete Tipps.

Sandra Leis

In der Bergpredigt sagt Jesus: «Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so wende ihm auch die andere zu.» Heisst das, dass Christinnen und Christen Streit vermeiden sollen?

Nein, sagt der römisch-katholische Theologe Thierry Moosbrugger. «Für mich bedeutet der Satz von Jesus folgendes: Steig aus dem gewohnten Aktion-Reaktion-Mechanismus aus. Entschleunige die Situation, und tu nicht einfach dasselbe.»

Streit gehöre zu jedem Leben, sagt Moosbrugger. Um so wichtiger sei es für ihn als Christ, «dort hinzuschauen, wo’s wehtut» und Konflikte konstruktiv auszutragen.

Eigentlich wären die Regeln einfach

Zu einer konstruktiven Streitkultur gehört eine angemessene Sprache. Die Grundregeln notiert Moosbrugger gleich im ersten Kapitel seines Buches: Ich-Botschaften, «aber» mit «und» ersetzen und auf Wörter wie «immer» und «nie» verzichten.

Nur: Weshalb fällt es uns Menschen oft so schwer, diese einfachen Regeln im Streitfall zu beherzigen? «Streitkommunikation funktioniert komplett anders als Alltagskommunikation», sagt Moosbrugger. In der Alltagskommunikation sei die Beziehung der Menschen, die miteinander kommunizieren, meistens einigermassen klar und stabil. Deshalb seien die Menschen flexibel und elastisch im Verstehen und Einordnen dessen, was das Gegenüber sage. 

Ganz anders im Streit: «Da ist genau das Gegenteil der Fall. Wir stehen auf dünnem Eis und legen jedes einzelne Wort auf die Waagschale. Wir fühlen uns angegriffen, und damit geht auch die Elastizität im Verstehen verloren.»

Die Sache mit den unbeantworteten Mails

Und natürlich sagt auch Moosbrugger, dass bei der Konfliktlösung positives Formulieren zentral sei. Nur: Kehren wir damit Konflikte nicht einfach unter den Teppich? Für Moosbrugger, seit sechs Jahren Ombudsmann des Kantons Basel-Stadt, sind positives Formulieren und Beschönigen zwei Paar Schuhe.

Ein Beispiel aus dem Berufsalltag: Eine Frau sagt zu einem Arbeitskollegen: «Es ärgert mich, dass du meine Mails nicht innerhalb von 48 Stunden beantwortest.» Sie fragt den Experten, wie sie das positiv formulieren könnte. Antwort: «Indem Sie sich überlegen, was Sie sich wünschen, und das dann auch so formulieren.» Also: «Ich wünsche mir, dass du meine Mails innerhalb von 48 Stunden beantwortest.»

Damit setze man sich ein Stück weit auch aus und verlasse die eigene Komfortzone, so Moosbrugger. Denn es sei einfacher, dem Gegenüber zu sagen, was es falsch mache, als zu formulieren, was man selber möchte.

Unterschied Beruf und Familie

Konflikte gibt’s überall, wo Menschen zusammenkommen. Einen Unterschied beobachtet Moosbrugger zwischen Streit in der Familie und Streit am Arbeitsplatz: Bei familiären Beziehungen sei die emotionale Verbindung in der Regel grösser und damit auch die Nähe. «Denn ich kenne meine Familie besser, habe eine längere Geschichte mit ihr und kann ihr weniger gut aus dem Weg gehen.»

Das mache das Eskalationspotenzial grösser. Doch wenn es zur Eskalation komme, seien die Mechanismen dieselben.

Die Bedeutung von Ritualen

Für besseres Streiten empfiehlt Thierry Moosbrugger dreierlei: Fokus (worüber streiten wir?), zeitliche Eingrenzung (wieviel Zeit nehmen wir uns?) und Rituale. 

Dass Politiker nach einer hitzigen Debatte gerne auf ein gemeinsames Bier anstossen, ist bekannt. Nur: Was bringt das, wenn sie am nächsten Tag erneut die Klingen kreuzen?

«Viel», ist Moosbrugger überzeugt. «Rituale haben etwas Verbindendes. Mit einem Ritual kann es gelingen, eine Brücke zu schlagen und etwas zu tun, was zwei Menschen verbindet und ihnen guttut.» Das könne auch das gemeinsame Biertrinken sein.

Das Buch «50 x besser streiten» ist reich an fundierten Informationen, praktischen Beispielen und Übungsmaterial. Es ist eine gut sortierte Werkzeugkiste oder ein Kochbuch mit abwechslungsreichen Rezepten. Eine Leserin hat es so auf den Punkt gebracht: Das Buch habe das Potenzial, zum «Tiptopf» der Konfliktkommunikation zu werden.

Das Buch von Thierry Moosbrugger: «50x besser streiten. Wege zur Lösung» umfasst 328 Seiten und ist 2024 im Verlag NZZLibro erschienen.


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https://www.kath.ch/newsd/thierry-moosbrugger-wie-koennen-wir-besser-streiten/