Notre-Dame von Valeria: Wo Johannes Paul II. die Muttergottes mit grösster Inbrunst anrief

Die Kirche Notre-Dame von Valeria steht auf einem Burghügel bei Sitten. Kaplan Joël Pralong schwärmt von dem Ort, an dem die älteste spielbare Orgel der Welt steht. Auch Papst Johannes Paul II. war schon einmal dort. Ein Beitrag der Serie über «Basilicae minores» in der Schweiz.

Barbara Ludwig

Warum hat der Papst 1987 der Kirche Notre-Dame von Valeria in Sitten den Ehrentitel «Basilica minor» verliehen und warum genau zu diesem Zeitpunkt?

Joël Pralong*: Das Dekret, das von seiner Heiligkeit Johannes Paul II. im neunten Jahr seines Pontifikats erlassen wurde, äussert sich sehr explizit zu diesem Thema. Die Kirche wurde zur «Basilica minor» erhoben, weil ausreichend belegt ist, dass dieses berühmte Gebäude, das der Seligen Jungfrau Maria unter der Bezeichnung «Unserer Lieben Frau von Valeria» gewidmet ist, nicht nur ein Zeichen des christlichen Glaubens darstellt, sondern seit dem 12. Jahrhundert auch ein bekannter Marienwallfahrtsort ist. Ausserdem ist die Kirche mit Wunderwerken der Architektur und der Malerei ausgestattet. Das Datum, an dem die Kirche zur Basilika erhoben wurde, ist der 7. Oktober. Das ist der Tag des Festes Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, das zwei Jahre nach der Schlacht von Lepanto (1571) eingeführt wurde.

Welche Aufgabe erfüllt die Kirche heute in Ihrer Region?

Pralong: Die Mission dieser Basilika, die man schon von weitem sehen kann, ist seit ihrer Entstehung unverändert. Sie bleibt ein Ort der Gastfreundschaft für alle Menschen, die sie besuchen, ob sie nun gläubig sind oder nicht. Neben der bereits erwähnten Attraktivität ist sie ein Ort für Pilgerreisen, an dem jeder und jede in Ruhe und im Staunen neue Kraft schöpfen kann. Drei wöchentliche Eucharistiefeiern, denen die Anbetung und die Laudes oder die Vesper vorausgehen, ermöglichen es, noch tiefer in dieses Entzücken einzutauchen, das die Schönheit des Ortes hervorruft.

Wie viele Menschen kommen denn am Sonntag zur Messe in die Kirche?

Pralong: Notre-Dame von Valeria ist keine Pfarrkirche, sondern ein besonderen Ort, der die Begegnung mit Maria – der Tür zum Himmel – fördert. Ausserdem erreicht man sie nur zu Fuss – auf einem ziemlich steilen Weg. Das erfordert eine körperliche Anstrengung und zudem muss man das aktuelle Wetter berücksichtigen. Schnee und Eis im Winter, aber auch die Sommerhitze können ein Hindernis darstellen. Im Schnitt besuchen am Sonntag 50 Personen die Messe, aber wir führen keine Statistik. Während der touristischen Sommermonate werden die Sonntagsgottesdienste von Menschen aus allen Teilen der Welt besucht.

«Das Chorgestühl ist eine Art in Holz geschnitzte Katechese.»

Durch welche stilistische Eigenheit fällt diese Kirche auf? Oder durch welche andere Besonderheit?

Pralong: Der Bau der Kirche erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte. Die Kirche ist eine harmonische Mischung aus romanischem und gotischem Stil, ohne dass der Übergang vom einen zum anderen Stil schockierend wirkt. Die Wandmalereien im Kirchenschiff und vor allem im Chor – man könnte sie auch als westliche Ikonen bezeichnen –, die direkt auf die Wände gemalt wurden, sind prachtvoll. Der Lettner, der die Kleriker von den Gläubigen trennt, ist einer der wenigen noch erhaltenen Lettner aus dieser Zeit. Im Chorgestühl sassen früher die Domherren des ehrwürdigen Domkapitels, das noch immer Eigentümer des Ortes ist. Es ist eine Art in Holz geschnitzte Katechese, die den Heilsweg darstellt. Schliesslich beherbergt die Kirche die älteste spielbare Orgel der Welt, die in einem Sonntagsgottesdienst pro Monat gespielt wird und das Schmuckstück eines jährlichen, international bekannten Festivals im Sommer ist.

Was verbinden Sie persönlich mit dieser Kirche?

Pralong: Als pensionierter Diözesanpriester, nachdem ich Pfarrer verschiedener Pfarreien und Vorsteher des Priesterseminars der Diözese Sitten gewesen war, habe ich mich meinem Bischof zur Verfügung gestellt. Denn ich dachte, dass der Ruhestand eines Priesters, der «noch dienen kann», es mir ermöglicht, mich weiterhin im Dienst meiner Brüder und Schwestern in Christus zu engagieren. Als mir sowohl von der Diözese als auch vom ehrwürdigen Domkapitel der Vorschlag gemacht wurde, Kaplan von Valère zu werden, nahm ich ihn mit Begeisterung an und bereue diese Entscheidung in keiner Weise. Die Feier der Messen, die Begegnungen und der Austausch, die Gastfreundschaft und die Möglichkeit, in einem so ästhetisch schönen Rahmen, von dessen Mauern seit fast tausend Jahren Gebete tropfen, weiterhin in bescheidenem Umfang die Samen des Evangeliums zu säen, sind für mich eine Quelle der Freude.

«Was ist schon äussere Kälte, wenn der Heilige Geist ein inneres Feuer entzündet?»

Was gefällt Ihnen überhaupt nicht an der Kirche?

Pralong: Gar nichts. Gewiss, der Winter ist streng und das Heizen ist nicht möglich, wegen der Grösse des Gebäudes und weil die Wandmalereien keinen Schaden nehmen dürfen. Aber was ist schon äussere Kälte, wenn der Heilige Geist ein inneres Feuer entzündet? Die Beziehungen zu den Museen – das Geschichtsmuseum belegt die Häuser der befestigten Siedlung – und zu den Personen, die mit der Restaurierung und Instandhaltung dieses grossen Baus betraut sind, sind ausgezeichnet, auch wenn sie ständig Anpassungen und einen intensiven Dialog in gegenseitigem Respekt erfordern.

Bekam die Basilika Notre-Dame schon einmal Besuch von einem Papst?

Pralong: Ich muss Sie erneut auf die Lektüre des Dekrets über die Erhebung der Kirche in den Rang einer Basilika verweisen. Seine Heiligkeit Johannes Paul II. sagte darin, ich zitiere: «Wir können nicht umhin, uns mit grosser Freude an dieses Heiligtum zu erinnern, das wir kürzlich während unseres Pastoralbesuchs (Johannes Paul II. besuchte Sitten im Rahmen seiner Reise in die Schweiz 1984, d.Red.) gesehen haben, als wir selbst als Pilger mit Andacht dorthin kamen und auf unseren Knien die liebliche Statue der Mutter Gottes mit grösster Inbrunst anriefen.»

*Joël Pralong ist Kaplan der Basilika Notre-Dame von Valeria in Sitten. Das Interview wurde schriftlich geführt.


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https://www.kath.ch/newsd/notre-dame-von-valeria-wo-johannes-paul-ii-die-mutter-gottes-mit-groesster-inbrunst-anrief/