Vor 100 Jahren wurde der Wägitalersee im Kanton Schwyz gestaut, um Strom für die Stadt Zürich zu produzieren. Opfer des Kraftwerkprojekts war Innerthal – und dessen Dorfkirche. Bis heute gibt es offene Wunden im Dorf, sagt Pfarrer Guido Hangartner. Er hat Marian Eleganti und Ueli Maurer zum Gedenkgottesdienst eingeladen.
Barbara Ludwig
Innerthal liegt auf 915 Metern über Meer im Wägital. Vor 100 Jahren wurde das Alptal im Kanton Schwyz geflutet und mit ihm das ganze Dorf – es entstand der Wägitalersee. So konnte ein seit Ende des 19. Jahrhundert geplantes Kraftwerk realisiert werden.
Neben Kirche, Pfarr- und Schulhaus von Innerthal verschwanden auch rund 30 Bauernhäuser in den Fluten. 26 Heimwesen wurde ganz und elf teilweise ausgesiedelt, nur fünf Höfe blieben unberührt, heisst es im Historischen Lexikon der Schweiz. Die Kirche von Alt-Innerthal, so der Name des untergegangenen Dorfes, wurde am 9. August 1924 gesprengt. Oberhalb des nordöstlichen Ufers des Stausees wurde eine neue Siedlung errichtet – mit Kirche, Pfarrhaus und Schule.
Ab Freitagabend und bis Sonntag gedenkt die Pfarrei Innerthal des historischen Ereignisses – mit je einem Gottesdienst am Freitag und am Sonntag und weiteren Aktivitäten. Bereits seit einigen Monaten und noch bis im Herbst markiert eine grosse orangefarbige Boie auf dem Wägitalersee die Stelle, an der bis 1924 die frühere Pfarrkirche stand. Angeschafft habe sie das Pfarramt, sagt Guido Hangartner, Pfarrer im Wägital, gegenüber kath.ch.
Noch heute, hundert Jahre später, gebe es offene Wunden im Dorf. «Es sind die Grosseltern von heute, die die Flutung erlebt haben, die weg gehen mussten, auf einen Hügel hinauf oder hinunter ins Tal – und die das ihren Kindern und Enkeln erzählen. Ihre Erlebnisse sind noch immer präsent», berichtet Hangartner.
Dass die Wunden noch schmerzen, zeige sich auch darin, dass im Wägital weiterhin eine grosse Abneigung gegen alles herrsche, was aus Zürich kommt. «Das Kraftwerk wurde gebaut, um die Stadt Zürich mit Strom zu versorgen», erinnert der Pfarrer. Die Menschen im Dorf hätten das Gefühl, Zürich wolle bis heute nicht dazu stehen, dass damals ein grosser Teil der Bevölkerung vertrieben wurde. Laut dem Historischen Lexikon mussten über 100 Personen die Gemeinde verlassen.
Hangartner strebt mit dem Gedenkanlass auch eine Versöhnung an. Für den Gottesdienst vom Sonntag hat er deshalb nebst dem emeritierten Churer Weihbischof Marian Eleganti auch einen ehemaligen Bundesrat aus dem Kanton Zürich eingeladen: Ueli Maurer. Der ehemalige SVP-Bundesrat wird im Gottesdienst in der Kirche von Innerthal eine Ansprache halten. «Es muss jemand sein, den die Menschen im ländlich geprägten Tal akzeptieren und der gleichzeitig aus dem Kanton Zürich kommt», sagt Pfarrer Hangartner. Bei Ueli Maurer, der sich mit der ländlichen Schweiz verbunden fühle, sei dies der Fall.
Ein Vorgänger von Guido Hangartner, Pfarr-Resignat Julius Dietzendanner, hatte sich damals mit allen Mitteln gegen die Sprengung der Kirche von Alt-Innerthal gewehrt, schreiben die «Obersee-Nachrichten» am Donnerstag. Hangartner bestätigt dies. «Man musste ihn aus der Kirche raustragen, um die Sprengung durchführen zu können.»
Wegen des Widerstandes des pensionierten Dorfpfarrers sei das Gotteshaus nicht vor der Stauung des Sees gesprengt worden, sondern erst als das Wasser schon an der Schwelle des Gebäudes stand. Diezendanner habe mit allen Mitteln versucht, Verzögerungen zu provozieren, um das Stauseeprojekt zu verhindern. Allerdings vergeblich.
«Was den Parisern der Eifelturm ist, ist den Wägitalern die Kirche.»
Hangartner zeigt Verständnis für das Verhalten seines Vorgängers. «Ich kann das nachvollziehen. Diezendanner hat miterlebt, dass Zürich, Schwyz und schliesslich der Bezirk March über die Köpfe der Leute entschieden.» Das Dorf sei nicht gefragt worden, ob es den Stausee wolle oder nicht. Der Geistliche habe das gemerkt und sich hinter die Bevölkerung gestellt.
Die Kirche sei das Zentrum des Dorfes gewesen, emotional und kulturell, so Hangartner. «Sie wurde gesprengt und anschliessend mit der Planierraupe flachgewalzt. Damit wurde nichts weniger als das Symbol des Dorfes zerstört. Denn was den Parisern der Eifelturm ist, ist den Wägitalern die Kirche.»
Der Pfarrer weiss aber auch, dass damals einige Menschen vom Kraftwerk profitierten, weil sie dort Arbeit fanden. Noch heute würden Leute aus dem Tal im Kraftwerk arbeiten, aber nicht mehr so viele wie früher. «Diese Spannungen gilt es auch 100 Jahre später zu überwinden», sagt Hangartner.
Der Gottesdienst am Freitagabend, 19.30 Uhr, findet am Seeufer statt. Es ist die Stelle, die der zerstörten Pfarrkirche am nächsten liegt, 200 Meter vom Ufer entfernt. Der Gottesdienst am Sonntag, 10 Uhr, findet in der neuen 1926 eingeweihten Pfarrkirche statt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/mit-sprengung-der-kirche-wurde-symbol-von-innerthal-zerstort/