Der Chorherr Gilles Roduit ist sich keinerlei Schuld oder Verantwortung bewusst. Mélanie Bonnard wirft dem Kleriker im Wallis sexuelle Übergriffe vor. Alles erfunden, sagt Roduit gegenüber kath.ch und verlangt indirekt sogar eine Entschuldigung von seinem mutmasslichen Opfer. Kinder könnten viel Fantasie haben, so der Priester.
Christian Maurer
Unrechtsbewusstsein sieht anders aus, Mitgefühl auch. Der Chorherr Gilles Roduit von der Walliser Territorialabtei Saint-Maurice beharrt auf seiner Unschuld und verweist die Anschuldigungen von Mélanie Bonnard im Westschweizer Fernsehen RTS und in der Zeitschrift «Beobachter» in das Reich der Fantasie. Dass die junge Mélanie – was immer auch passiert sein mag – anders empfunden hat als er selber, scheint ihn nicht zu berühren. Im Gegenteil: Er sieht sich nach wie vor als Opfer der Medien.
Herr Roduit, wir geben Ihnen das Wort: Reden wir vom Fall. Erinnern Sie sich wirklich nicht an Mélanie Bonnard? Und daran, was sie in der Zeitschrift Beobachter schildert: «Das Taufessen fand bei der Familie zu Hause statt. Als Mélanie Bonnard mit ihrem Bruder und ein paar Cousinen und Cousins im Wohnzimmer spielte, betrat der Chorherr das Zimmer. Er habe sich zuerst aufs Sofa gesetzt und den Kindern zugeschaut. Als das 12-jährige Mädchen an ihm vorbeilief, fasste er sie von hinten an. Er griff ihr unter das T-Shirt und streichelte ihre Brüste. «Dann hat er mir unter dem Jupe in den Schritt gefasst, mit dem Finger in die Unterhose», sagt Mélanie Bonnard gegenüber dem Beobachter. Im ersten Moment war sie wie erstarrt. Sie konnte nicht schreien. Dann habe sie ihn in den Unterleib geboxt. So konnte sie sich losreissen. Weinend rannte sie in ihr Zimmer. Doch der Priester folgte ihr mit den Worten: «Wir sind noch nicht fertig.» Er drückte sie aufs Bett. »
Gilles Roduit*: Diese Angelegenheit wurde von der Justiz untersucht, die den Fall mit einem Einstellungsbeschluss im Jahr 2005, einem Beschluss zur Nichtwiederaufnahme des Verfahrens im Jahr 2021 und einer Ablehnung der Berufung im Jahr 2022 abgeschlossen hat. Der Fall wurde dem Heiligen Stuhl vorgelegt, der zu denselben Schlussfolgerungen gelangte.
«Sie interpretierte Gesten, die keine sexuelle Bedeutung hatten, als sexuell.»
Wenn Sie sich nicht an Mélanie Bonnard erinnern, liegt das daran, dass sie eine von vielen war?
Roduit: Ich erinnere mich gut an Melanie Bonnard und das Fest, an dem wir gemeinsam teilgenommen haben, aber ich weise jede Anschuldigung zurück, ihr gegenüber sexuell motivierte Handlungen vorgenommen zu haben.
Meinen Sie wirklich, dass die damals 12-jährige Mélanie Bonnard die Vorwürfe gegen Sie alle erfunden hat?
Roduit: Ja. Sie interpretierte Gesten, die keine sexuelle Bedeutung hatten und vor aller Augen ausgeführt wurden, als sexuell. Ihr Onkel, der die Szene gesehen hat, hat dreimal ausgesagt, dass er nichts Kriminelles beobachtet hat. Ich weiss allerdings nicht, welcher geistige Prozess Melanie zu diesen falschen Anschuldigungen gebracht hat.
Erinnern Sie sich an das Beichtgespräch mit Mélanie Bonnard im Jahre 2016? Wie ist es abgelaufen?
Roduit: Ja. Ich hörte ihr mit der grösstmöglichen pastoralen Professionalität zu.
Ist es richtig, dass Sie ein Gespräch nicht in der Kirche vorschlugen? Wenn ja: Warum taten Sie das? Wenn nein, warum trafen Sie sich in der Abtei Saint-Maurice?
Roduit: Ich überliess Frau Bonnard die Wahl des Treffpunkts, der in einem Sprechzimmer des Pfarrhauses stattfand.
«Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen diesen beiden Realitäten.»
Ist es richtig, dass Sie, konfrontiert mit den Vorwürfen, sagten, das komme Ihnen nicht so schlimm vor, es sei keine Vergewaltigung?
Roduit: Zu diesem Zeitpunkt der Diskussion sprach Frau Bonnard von Berührungen, die sie angeblich von einer dritten Person erlitten hatte. Mein Satz «Es ist keine Vergewaltigung» sollte den Unterschied zwischen einer Berührung und einer Vergewaltigung verdeutlichen. Diese Äusserung war ungeschickt und ich bereue sie.
Glauben Sie das auch heute noch ?
Roduit: Ja, ich denke, es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen diesen beiden Realitäten.
Braucht es Ihres Erachtens eine Vergewaltigung, damit sich eine Frau in ihrer sexuellen Integrität verletzt fühlt?
Roduit: Nein.
Ist Ihnen bewusst, dass anzügliche Bemerkungen oder unliebsame Berührungen sexuelle Übergriffe sind, die bestraft gehören?
Roduit: Ich bin mir dessen vollständig bewusst.
«Mir ist bewusst, dass ein Kind viel Fantasie haben kann.»
Ist Ihnen auch bewusst, dass eine Berührung oder eine Geste Ihrerseits von Frau Bonnard als ungewollt und darum unangenehm empfunden werden kann, als sexueller Übergriff?
Roduit: Mir ist bewusst, dass ein Kind viel Fantasie haben kann.
Ist es Ihnen je in den Sinn gekommen, sich bei Mélanie Bonnard und allfälligen anderen Opfern zu entschuldigen? Wenn ja, wann und wo und was sagten oder schrieben Sie? Wenn nein: Warum?
Im Moment fühle ich mich als Opfer einer Medienhetze, die auf falschen Tatsachen beruht. Wenn die Situation geklärt und beruhigt ist, sollte sich natürlich jemand entschuldigen.
«Ich hatte keinen Kontakt sexueller Art mit ihr.»
Sie erwarten eine Entschuldigung von Frau Bonnard? Wofür?
Roduit: Ich habe das nicht gesagt. Ich sagte jemand. Wenn das Licht über die Finsternis gesiegt hat, wird jemand diesen Schritt tun müssen.
Fühlen Sie sich unschuldig, weil Sie Frau Bonnard als Kind nie berührt haben oder weil Sie ihre Berührungen oder Gesten nicht als Übergriff sehen?
Roduit: Ich habe das Kind in meinen Armen getragen, aber ich hatte keinen Kontakt sexueller Art mit ihm.
Warum, denken Sie, stellt sich die Abtei Saint-Maurice so bedingungslos hinter Sie? Könnten Sie, wenn Sie fallengelasssen würden, weitere Fälle von Mitbrüdern an die Öffentlichkeit bringen?
Roduit: Die Abtei stützt sich auf die von der Strafjustiz beschlossenen Schlussfolgerungen, um mich zu unterstützen. Bei jedem anderen Mitbruder vertritt sie die gleiche Haltung.
Im Mai sagten Sie bei kath.ch, dass Sie von Ihren Ersparnissen lebten. Bekommen Sie inzwischen wieder ein Gehalt für Ihre Arbeit? Und wenn ja, von wem und für welche Tätigkeit?
Roduit: Ich wurde wieder in mein Amt als Pfarrer eingesetzt und erhalte das entsprechende Gehalt ad hoc.
*Gilles Roduit ist Chorherr der Abtei Saint-Maurice. Das Interview wurde schriftlich deutsch/französisch geführt und auf deutsch übersetzt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/gilles-roduit-zu-missbrauchsvorwuerfen-alles-erfunden-das-opfer-bin-ich/