Kunst war früher nicht fromm, sagt der Benediktiner Martin Werlen. Caravaggio, Leonardo da Vinci und ihre Kollegen galten zu Lebzeiten gar als skandalös. Die Eröffnungsszene bei der Olympia empfindet Werlen daher auch nicht als Angriff auf Jesus Christus, aber als «starke Kritik an der Art und Weise, wie wir dieses Geheimnis unseres Glaubens feiern».
Martin Werlen*
«Die Comedians stellen die Paragrafenreiterei bloss. Darum haben sie manchmal mit heftigen Reaktionen Hartgesottener zu tun. Die Comedians halten uns einen Spiegel vor und helfen uns, über unser Festgefahrensein zu lachen und damit einen nötigen Abstand zu Gewohntem zu finden. Sie ermutigen, unsere Berufung heute – also nicht in früheren Zeiten – und in grösster Kreativität zu leben.»
Diese Zeilen erschienen in der Zeitschrift «Gemeinsam Glauben» (Herder) zeitgleich mit entsetzten Reaktionen in verschiedenen Medien auf das «Dragqueen-Abendmahl» bei der Eröffnung der olympischen Spiele.
Sie sind ein Abschnitt aus einer E-Mail an Papst Franziskus, die ich als Herausgeber der Zeitschrift in jeder Nummer schreibe. Abgegeben habe ich sie einen Monat früher, als ich mich noch überhaupt nicht mit den olympischen Spielen beschäftigte. Mit dem Blickwinkel dieser Zeilen sieht das Abendmahl von Leonardo da Vinci anders aus. Ob die Inszenierung von diesem Kunstwerk inspiriert wurde oder vom «Fest der Götter», bleibe dahingestellt.
Wer jetzt scharf reagiert, ist wohl der Meinung, dass früher die Kunst fromm war. In den Social Media posten die Kreise, die entsetzte Kommentare veröffentlichen, zu den kirchlichen Festtagen immer wieder Werke von Leonardo da Vinci oder Caravaggio.
Aber: Caravaggio, Leonardo da Vinci und ihre Kollegen waren nicht einfach «fromme» Künstler. Caravaggio hatte einen Mord auf dem Gewissen und entsetzte die Frommen seiner Zeit, als er eine Prostituierte als Modell für Maria nahm. Das Altarbild fand seinen Weg nie in die Kirche.
Leonardo da Vinci stellte einen Engel mit einem erigierten Penis dar. Wahrscheinlich war damit ursprünglich der jugendliche Johannes der Täufer oder sogar Jesus gemeint. Darf man das? Selbstverständlich!
Wer damit grosse Mühe hat, ist wohl weniger in seinen religiösen Gefühlen verletzt, als vielmehr in seinem Mangel an Glauben an den, der Mensch geworden ist. Das gilt ebenso für die moderne Darstellung Mariens bei der Geburt im Dom von Linz. Wer auch immer Maria den Kopf abgeschlagen hat, hat wahrscheinlich nicht so sehr Mühe mit einem Kunstwerk, sondern mit Maria, die Jesus geboren hat.
Im 19. Jahrhundert hat sich die Kirche weitgehend von der Kunst abgehängt und gar einen eigenen Kunststil gepflegt. Der Nazarenerstil hatte das Ziel, die Kunst aus dem Geiste des Christentums zu erneuern. Papst Paul VI. sprach 1964 in einem Versöhnungstreffen mit Künstlerinnen und Künstlern von «Surrogaten», die anstelle von Kunstwerken geschaffen wurden.
Tatsächlich bezeugen viele Kirchengebäude diesen Verlust von aufrüttelnder Kunst immer noch. Im Jahre 1916 entrüstete sich der Kunsthistoriker Bernard Berenson über die Abendmahlsdarstellung von Leonarda da Vinci: «Was ist das aber für ein Haufen von aufgeregten, gestikulierenden, vorlauten Menschen, deren Gesichter alles andere als angenehm zu empfinden sind. … Die sind mir keine gute Gesellschaft.»
Zurück zur Präsentation in Paris. Ich empfinde das nicht als Angriff auf Jesus Christus oder das Abendmahl, wohl aber eine starke Kritik an der Art und Weise, wie wir dieses Geheimnis unseres Glaubens feiern. Noch drastischer und wirklich peinlich wäre das zum Bewusstsein gekommen, wenn die Jünger barocke Prunkgewänder wie die Fürsten getragen hätten, so wie das heute noch in Kirchengebäuden zu «bewundern» ist.
Und diese Gebäude – auch sie stehen weltlichen Herrscherwohnungen nicht nach – nennen wir ohne Zögern «Kirche». Hören wir da den Ruf Jesu: «Bei euch aber soll es nicht so sein!»? Künstlerinnen und Künstler halten uns auch heute einen Spiegel vor Augen, wenn wir nicht den Weg des Evangeliums wagen, das wir verkünden. Wir sind ihnen – Gott sei Dank! – nicht gleichgültig. Die Show war bunt wie das Leben, aber respektvoll nicht geprägt vom Prunk vergangener Jahrhunderte, an den wir uns gewöhnt haben und mit dem wir das Abendmahl feiern.
Die Welt der Dragqueens ist wirklich nicht meine Welt. Aber gerade das hilft mir, einen anderen Blick auf die Show zu werfen. Die verschiedenen Reaktionen auf die ungewohnte Präsentation haben mich ermutigt, einmal bewusst auf diese Welt zuzugehen.
Darum wage ich die Darstellung prophetisch zu nennen – zumindest für uns Christinnen und Christen. Es ist offensichtlich, dass sie damit einigen auf die Füsse tritt. Und genau das ist der Kern der Kritik: Wir stören uns daran, dass die Menschen am Rande der Gesellschaft beim Abendmahl um Jesus versammelt sind. Das war über viele Jahrhunderte ein Skandal unseres Glaubenslebens, offenbar bis heute.
Menschen wurden und werden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verachtet – leider auch mit kirchlicher Unterstützung. Die Künstlerinnen und Künstler wecken uns auf und zeigen in aller Deutlichkeit, dass wir in der Nachfolge Jesu nicht gegeneinander, aber auch nicht nebeneinander, sondern miteinander auf dem Weg sind. Zumindest das ist so provokativ wie die Kunst von Leonardo da Vinci.
*Martin Werlen ist ehemaliger Abt des Klosters Einsiedeln und aktuell Propst in St. Gerold in Vorarlberg.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/martin-werlen-abendmahl-szene-bei-olympia-war-prophetisch/