Bistum Sitten will weitere Gespräche mit Saint-Maurice wegen Chorherr Gilles Roduit führen

Die Abtei Saint-Maurice steht weiterhin hinter einem mutmasslichen Missbrauchstäter und lässt ihn im Amt. Das Bistum Sitten hätte anders gehandelt – doch der Druck war enorm wegen des Hungerstreiks von Chorherr Gilles Roduit. «Ich würde es für richtig halten, dass aufgrund der jüngsten Meldungen kirchliche und pastorale Schritte unternommen werden», sagt Generalvikar Pierre-Yves Maillard.

Jacqueline Straub

Der Chorherr Gilles Roduit soll Mélanie Bonnard als 12-jähriges Mädchen missbraucht haben. Der Gerichtspsychiater hielt die Aussagen des Mädchens für glaubwürdig. Dennoch wurde das Strafverfahren eingestellt. Inzwischen ist die Tat verjährt. Chorherr Roduit ist noch immer im Amt. Was sagen Sie dazu?

Pierre-Yves Maillard*: Es sei daran erinnert, dass die Abtei Saint-Maurice eine von der Diözese Sitten unabhängige Territorialabtei ist. Als Chorherr ist Gilles Roduit in erster Linie mit dieser Abtei verbunden. Diese war der Ansicht, dass die Einstellung des Verfahrens durch die Ziviljustiz im Jahr 2005 ausreichte, um die Rückkehr von Gilles Roduit in sein Amt in Saint-Maurice zu ermöglichen. Da mehrere Pfarreien dieses Pastoralsektors zur Diözese Sitten gehören, gab Bischof Jean-Marie Lovey seine Zustimmung zu dieser Rückkehr. Man darf nicht vergessen, dass der Druck im Frühjahr gross war: Es gab den Hungerstreik des Chorherren, mehrere Petitionen und anonyme Briefe.

Der Chorherr ist zwar Mitglied der Abtei Saint-Maurice, aber hätte der Bischof von Sitten keine Möglichkeiten, ihm die Tätigkeit in einer Pfarrei zu untersagen?

Maillard: Grundsätzlich kann der Bischof einem Priester verbieten, auf dem Gebiet seiner Diözese zu praktizieren. Da die gesamte Seelsorge in dem Gebiet jedoch gemeinsam von den Pfarreien der Abtei und den Pfarreien der Diözese organisiert wird, ist es in diesem Fall schwierig, diese Unterscheidung praktisch vorzunehmen. 

Wie hätte das Bistum Sitten reagiert, wenn Gilles Roduit ein Diözesanpriester wäre?

Maillard: Die Diözese hätte sicherlich weitere Schritte auf kirchlicher und pastoraler Ebene unternommen, wie sie es von der Abtei verlangt hat. 

«Die Initiative zur Rückkehr des Chorherren in sein Amt ging in erster Linie von der Abtei aus.»

Wurden kirchenrechtliche Schritte gegen Gilles Roduit eingeleitet?

Maillard: Meines Wissens nicht.

Auch nach weiteren Meldungen von übergriffigem Verhalten des Chorherren gegenüber Kindern und jungen Frauen, steht die Abtei hinter ihm. Hat Bischof Jean-Marie Lovey versucht, mit der Abtei zu sprechen und sie davon zu überzeugen, dass der Chorherr vorerst nicht ins Amt zurückkehren soll?

Maillard: Bereits unmittelbar nach der ersten Ausstrahlung im November 2023 hatte die Diözese die Abtei aufgefordert, weitere Nachforschungen anzustellen. Nach den neuen Zeugenaussagen, die Anfang Juli ausgestrahlt wurden, wird die Diözese in diesem Punkt sicherlich wieder mit der Abtei in Kontakt treten, sobald die Pastoral wieder aufgenommen wird.

Wie haben Sie das Gespräch empfunden?

Maillard: Die Kontakte mit der Abtei Saint-Maurice sind sehr gut, und wir wollen nicht in eine Opposition gehen. Jeder sagt klar und deutlich, was er denkt. In diesem Fall muss man anerkennen, dass die Initiative zur Rückkehr des Chorherren in sein Amt in erster Linie von der Abtei ausging. Die Diözese respektiert diese primäre Verantwortung der Abtei gegenüber dem Chorherren. 

Was für eine Aussenwirkung im Bistum und darüber hinaus hat es, dass der Chorherr noch immer im Amt sein darf?

Maillard: Soweit mir bekannt ist, sind die Reaktionen in Saint-Maurice sehr geteilt. Auf der Ebene der Diözese und unter Berücksichtigung der Umstände hat Bischof Lovey entschieden, den Chorherren nicht wieder zum Dekan des Dekanats Monthey zu ernennen, und ich glaube, dass dies gut verstanden wird.

«Persönlich bedauere ich dieses Vorgehen sehr, da es starken Druck ausübt.»

Wie empfanden Sie und Bischof Lovey den Hungerstreik von Chorherr Roduit?

Maillard: Persönlich bedauere ich dieses Vorgehen sehr, da es starken Druck ausübt und die Medienaufmerksamkeit polarisiert. Der Druck war sehr hoch, auch in Anbetracht des Charakters und der Persönlichkeit der beteiligten Personen. 

Ist es nicht verhöhnend gegenüber den Opfern, die das Gefühl haben, dass ihnen nicht geglaubt wird – oder die gar noch dem mutmasslichen Täter in der Pfarrei begegnen müssen?

Maillard: Ich verstehe die Reaktion der Opfer vollkommen. Wie Sie wissen, hat die Diözese Sitten eine externe Prüfung in Auftrag gegeben, um Licht in den Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Diözese zu bringen. Die Ergebnisse wurden Anfang Juni veröffentlicht. Die Abtei Saint-Maurice hat ebenfalls eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Es gibt zudem eine Untersuchung der Walliser Staatsanwaltschaft. Die Abtei hat mitgeteilt, dass sie auf der Grundlage der Ergebnisse dieser Verfahren ihre Position möglicherweise überdenken wird. Ich würde es für richtig halten, dass aufgrund der jüngsten Meldungen kirchliche und pastorale Schritte unternommen werden.

*Pierre-Yves Maillard ist Generalvikar mit besonderer Verantwortung für den französischsprachigen Teil des Bistums Sitten. Das Interview wurde schriftlich geführt.


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