Die Olympischen Spiele 2024 in Paris sind in vollem Gang. Obwohl nicht bekannt ist, ob Jesus Sport liebte, hätte Jesus wohl Mühe gehabt mit Sportarten, die Gewinner und Verlierer kennen, sagt der Neutestamentler Markus Lau. Doch: Im Bereich von Ausdauersportarten wie dem olympischen Gehen hätte Jesus gut abgeschnitten.
Jacqueline Straub
Herr Lau, was sagt die Bibel über Sport?
Markus Lau*: Biblische Texte sind keine weltabgehobenen Schriften. Sie entstammen konkreten kulturellen Zeiten und Welten, zu denen auch der Sport gehört. Sport selbst ist dabei zwar nicht das eigentliche Thema eines biblischen Textes, wohl aber finden sich sozusagen «sportliche Einsprengsel» in manch biblischen Texten, die allerdings je nach Standpunkt des Textes unterschiedlich ausfallen, verschiedene erzählerische Funktionen haben und auch auf den Sport unterschiedlich blicken.
«Paulus kann die Welt des Sports als Metapher für seinen Einsatz in der Jesusbewegung nutzen.»
Zum Beispiel?
Lau: Neutestamentlich berühmt ist etwa der Osterwettlauf zwischen Petrus und dem Geliebten Jünger zum Grab Jesu, den der Geliebte Jünger für sich entscheiden kann, um dann doch Petrus den Vortritt beim Gang ins Grab zu lassen (vgl. Joh 20,4–6) – ein «sportliches» Erzähldetail, das der Charakterisierung der beiden Erzählfiguren dient. Paulus kann, um ein zweites Beispiel zu nennen, die Welt des Sports als Metapher für seinen Einsatz in der Jesusbewegung nutzen. In verschiedenen Briefen spielt er dabei mit sportlicher Wettkampfmetaphorik, um sich selbst als «Athlet des Evangeliums», so der Titel einer Studie der Neutestamentlerin Uta Poplutz, zu inszenieren und seine Adressatenschaft ebenfalls zu «sportlichen» Höchstleistungen in der Nachfolge Jesu zu motivieren, vgl. z.B. 1 Kor 9,24–27. Eine Absage an das aus Sicht des Briefautors unnütze körperliche Fitnesstraining zugunsten eines verstärkten Engagements in Sachen Frömmigkeit findet sich in 1 Tim 4,8. Und 2 Makk 4,9.12 nimmt mit deutlicher Kritik die Einrichtung einer griechischen Sportstätte in Jerusalem, eines Gymnasions, in den Blick, in dem nach griechischer Sitte nackt Sport getrieben wird.
Welche Sportarten waren zu Zeiten Jesu bekannt?
Lau: Die Antike kannte eine ganze Reihe von Individualsportarten, von denen wir aus antiken Texten, durch archäologische Funde und vor allem auch durch bildliche Darstellungen wissen. Es gab Laufwettbewerbe über verschiedene Streckenlängen, Weitsprung, Diskus- und Sperrwurf sind bezeugt, vom Ringen und vom Faustkampf wissen wir. Der Pferdesport in Form unterschiedlicher Wagenrennen stand hoch im Kurs, um nur einige Sportarten zu nennen. Antike Menschen würden zudem wohl auch musische Wettbewerbe (etwa in den Bereichen Gesang, Schauspiel oder Dichtung), die in Theatern stattfinden, im weiteren Sinne in die Welt des Sports einordnen. Musische Wettbewerbe waren in diesem Sinne Teil der berühmten Panhellenischen Spiele, zu denen auch die antiken Olympischen Spiele gehörten.
Und welchen Stellenwert hatte Sport zu dieser Zeit?
Lau: Tatsächlich einen sehr hohen. Das belegen nicht nur die zahlreichen Kunstwerke, die sportliche Motive zeigen, und das Prestige, das etwa mit dem Sieg im Sport, etwa bei den Olympischen Spielen, verbunden war, sondern auch die mit hohen Kosten verbundenen Investitionen in den antiken Sportstättenbau – Stadion, Circus, Arena.
«Sport konnte als Phänomen der Massenunterhaltung Gemeinschaftsgefühle erzeugen.»
Sport war aus unterschiedlichen Gründen beliebt…
Lau: Manche konnten beim Sport, etwa beim Wagenrennen, ihre persönliche Wettleidenschaft ausleben. Für andere stand das Erleben des Spektakulären und gerade im Bereich von Gladiatorenkämpfen und Tierhetzen auch Brutalen im Vordergrund. Sport konnte zudem als Phänomen der Massenunterhaltung – man denke nur an die berühmte Wendung «Brot und Spiele» – Gemeinschaftsgefühle erzeugen und Bande der Loyalität etwa zwischen der Elite und der einfachen Bevölkerung knüpfen.
Was konnte Sport noch zeigen?
Lau: Beim Sport konnte man als Zuschauer miterleben, wie Aspekte von Rivalität, Wettkampf und Konkurrenz, die antike Gesellschaften auch jenseits des Sports oft prägten, inszeniert und ausgelebt wurden und dabei Ordnung und soziale Unterschiede, etwa zwischen Sieger und Besiegten, austariert wurden. Sportstätten und der in ihnen geübte Sport waren damit letztlich auch ein Spiegel gesellschaftlicher Ordnung, die in Sportstätten in der Regel stabilisiert wurde.
«Eine gewisse Faszination hat für mich dabei die Welt der Leichtathletik.»
Werden Sie selbst die Olympia verfolgen?
Lau: Da meine Familie und ich gerade zügeln, verfolgen wir zurzeit mehr das Projekt Kisten auspacken und Wohnung einrichten.
Das ist irgendwie auch sportlich…
Lau: …aber doch von Olympia weit entfernt. Für die Olympischen Spiele von Paris bleibt da wenig Zeit. In den bald anstehenden Familienferien treffen wir aber sicher auf Sportbegeisterte, mit denen wir den ein oder anderen Wettbewerb verfolgen werden. Eine gewisse Faszination hat für mich dabei die Welt der Leichtathletik, weil es da auf jeden Millimeter und auch auf Zehntelsekunden ankommen kann und ich mit gewissem Staunen verfolge, wozu gut trainierte Menschen in der Lage sind.
Eine spekulative Frage: Welche Sportart würde Jesus betreiben?
Lau: Das ist wirklich eine spekulative Frage. Man könnte mit einem gewissen Augenzwinkern sagen, dass der Jesus der neutestamentlichen Evangelien recht gut im Bereich von Ausdauersportarten wie dem olympischen Gehen unterwegs wäre. Alle Evangelien erzählen ja davon, dass Jesus viel und ausdauernd zu Fuss in Galiläa, Samaria und Judäa unterwegs war und auch vor langen Wanderungen in Richtung Tyrus und Sidon sowie in der Dekapolis nicht zurückgeschreckt ist. In der neutestamentlichen Wissenschaft hat sich dabei für einen Strang der frühen Jesusbewegung, der sich durch hohe Mobilität auszeichnet, der Begriff des Wanderradikalismus eingebürgert. Damit ist gemeint, dass Jesus mit seiner Gruppe nicht nur zu Fuss über Stock in Stein in Galiläa gewandert ist, sondern dabei auch noch sehr bewusst mit defizitärer Wanderausstattung unterwegs war – um dem Vertrauen auf das angebrochene Reich Gottes einen leibhaften Ausdruck zu verleihen, vgl. etwa Mt 10,7–10.
«Ihm wäre ein Sieg lieber gewesen, der keine Verlierer kennt.»
Und mit etwas weniger Augenzwinkern?
Lau: Ich würde vermuten, dass Jesus grundsätzlich eher an Mannschaftssportarten interessiert wäre, weil er dezidiert kein Einzelkämpfer war und Gemeinschaft für ihn einen zentralen Wert darstellt. Mit dem teils massiven Wettbewerbscharakter vieler Sportarten, die Gewinner und Verlierer kennen, hätte er aber vermutlich Mühe gehabt. Ihm wäre ein Sieg lieber gewesen, der keine Verlierer kennt.
Welche Botschaft hätte Jesus heute an die Olympia?
Lau: Mit Olympia sind ja verschiedene Leitmotive, Symbole und Mottos verbunden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Jesus diese aufgreifen und ihre Bedeutung mit seiner Grundvision vom angebrochenen Reich Gottes verbinden würde. Das olympische Feuer symbolisiert eine Zeit des Friedens, die fünf Ringe auf weissem Grund stehen für die Verbundenheit der unterschiedlichen Erdteile und damit für Gemeinschaft – Werte, auf die wir auch in der Verkündigung Jesu treffen.
Hätte Jesus Freude am lateinischen Grundmotto von Olympia «citius, altius, fortius/schneller, höher, stärker» gehabt?
Lau: Da bin ich mir nicht ganz sicher. Der erst im Jahr 2021 hinzugefügte vierte Begriff «communiter/gemeinsam» hätte ihm wohl mehr behagt. Der olympische Gedanke des «Dabei sein ist alles» deckt sich im Übrigen frappierend mit der inhaltlichen Fluchtlinie mancher Gleichnisse Jesu. Die Erzählung von den Arbeitern im Weinberg in Mt 20,1–16 ist so ein Fall. In der erzählten Welt des Gleichnisses ist es überraschenderweise egal, ob man viel für die Arbeit im Weinberg geleistet hat oder wenig. Entscheidend ist nur, dass man überhaupt dabei ist. Und am Ende erhalten alle den gleichen Lohn in Form einer Silbermünze. In der jesuanischen Vision vom Reich Gottes kommt es nicht darauf an, wieviel man geleistet hat. «Dabei sein ist alles», was für den matthäischen Jesus zählt.
*Markus Lau ist Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Chur. Das Interview wurde schriftlich geführt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/markus-lau-jesus-waere-an-mannschaftssportarten-interessiert-gewesen/