Haben Sie eine Midlife-Crisis? Die Philosophin und «Sternstunde»-Moderatorin Barbara Bleisch erklärt im Gespräch, wieso die mittleren Jahre eigentlich die besten sind – und dass der Schmerz zum Leben gehört. Alexandra Kedves,Andreas Tobler,Sabina Bobst
Nochmals aufbrechen und etwas Neues anfangen? Bedauern, dass vieles nicht mehr möglich ist und es nun vielleicht nur abwärtsgeht? Die mittleren Jahre werfen grosse Fragen auf. Einige erleiden deshalb eine Midlife-Crisis. Dabei könnten doch gerade die mittleren Jahre die besten sein. TV-Moderatorin Barbara Bleisch, selbst Jahrgang 1973, hat nun ein Buch dazu geschrieben.
Frau Bleisch, Sie befinden sich selbst in der «Mitte des Lebens»: Hatten Sie eine Midlife-Crisis, die Sie zu diesem Buch animiert hat?
Der Antrieb war weniger meine persönliche Bilanz als die Tatsache, dass so viele das mittlere Alter als Krise betrachten und man ständig «tröstende» Bemerkungen und Witzeleien hört.
Dass einem zum 25. Geburtstag gratuliert wird, obwohl man schon längst doppelt so alt ist?
Ja, zum Beispiel. In der Antike galt das mittlere Alter als Blütezeit, heutzutage leidet man an einer Midlife-Crisis. Mich beschäftigte, warum das so ist und ob wir von der Antike etwas lernen können.
Und, können wir?
Ohne etwas schönreden zu wollen – ich glaube, wir erzählen uns tatsächlich eine falsche Geschichte, wenn wir ein so larmoyantes Bild der mittleren Jahre zeichnen. Älter zu werden, bedeutet doch hoffentlich auch, am Leben gewachsen zu sein – und das möchte ich zumindest nicht missen! Ausserdem gibt es gerade in jüngster Zeit eine Flut an philosophischen Büchern zum Alter oder auch zur Kindheit. Die Mitte des Lebens scheint für die Philosophie hingegen weitgehend eine Leerstelle zu sein. Mich interessierte, weshalb.
«Mir ist klar, wie zerbrechlich dieses Leben ist.»
Sie stehen der eigenen Lebensmitte also positiv gegenüber?
Warum nicht? Es ist doch schön, 40, 45, 50 zu werden. Natürlich vermisse ich manchmal die Leichtigkeit der Jugend. Oder kämpfe mit den sich verengenden Zeithorizonten – im Sinne von: «Meine Güte, es sind nicht einmal mehr 2000 Wochen, die mir bleiben werden.» Das scheint mir wahnsinnig wenig. Als Kind habe ich Kreidestriche an die Wand gemalt, um die Tage bis zu den Sommerferien zu zählen. Heute könnte ich wohl 1560 Striche für die mir im besten Fall noch ungefähr verbleibenden Wochen malen.
Lieber nicht …
Werde ich auch nicht tun. Ich bin aber in einem Lebensalter, in dem ich bereits am Grab eines Freundes gestanden habe. Eine gute Freundin hat eine schwere Hirnverletzung erlitten. Das heisst, mir ist deutlich vor Augen, wie zerbrechlich dieses Leben ist. Trotz dieses Bewusstseins fühlt sich das Leben in gewissem Sinn einfacher an als mit 20 oder auch mit 30.
Wirklich?
Ja, als junge Erwachsene gab es ein Gefühl des Ungenügens. Man muss ja erst noch so vieles werden! Die mittleren Jahre können zu den freiesten werden, gerade weil wir deutlich erkennen, dass die Zeit abläuft, und wir uns deshalb fragen, was wirklich zählt. Gleichzeitig bleibt noch reichlich Raum, neu anzufangen, umzugestalten und Verantwortung zu übernehmen. Das unterscheidet die mittleren Jahre von der Phase des Alters, in der viele das Gefühl haben, mehr und mehr am Rand zu stehen, selbst wenn die Energie noch für vieles reichen würde.
In Ihrem Buch betonen Sie das Bedauern. Warum ist das so wichtig für Sie?
Entscheidungen im Leben zu fällen, heisst immer auch, andere attraktive Optionen ziehen zu lassen. Daher ist Bedauern eine Grundmelodie menschlichen Lebens und erst recht eines Lebens, in dem man mehr möchte, als darin Platz haben kann. Wenn wir das Bedauern als Begleitmusik eines Lebens in Fülle begreifen, dann können wir versöhnlicher mit diesem Gefühl umgehen.
Der Begriff Midlife-Crisis hat sich auch deshalb durchgesetzt, weil viele Menschen sich damit identifizieren können.
Sicher. Doch die Entwicklungspsychologie zeigt, dass alle Lebensphasen von Krisen durchzogen sein können. Der Eindruck, die mittlere Lebensphase sei in erster Linie problembeladen, ist falsch. Aus philosophischer Perspektive lassen sich Lebenskrisen ausserdem nicht vermeiden. Karl Jaspers hat Krisen einmal als «Existenzerhellungen» bezeichnet: Zeiten, in denen existenzielle Fragen aufbrechen und manches justiert werden kann.
Kommt nun die Idee von der «Krise als Chance»?
Sicher nicht! Nicht jedes Leid hat einen tieferen Sinn, «Krise als Chance» ist ein Klischee. Es gehört zur Ambivalenz des Lebens, Unglück und Schmerz nicht schönzureden, sondern in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Philosophie ist keine Therapie, um Sorgen und Nöte wegzudiskutieren. Sondern im besten Fall ein «Gegenglück».
Ein Gegenglück?
Ja, ein mir lieber Begriff aus Gottfried Benns Gedicht «Einsamer nie»: Für Benn ist das Gegenglück der Geist. Wenn man das Geschehen durchdenkt, lässt sich zum einen differenzieren, zum anderen vielleicht in eine Distanz finden.
Ist das nicht eine sehr privilegierte Sicht? Viele Menschen haben nicht die Chance, mal in Ruhe zwei Schritte zurückzutreten oder sich neu zu erfinden. Sie sind in der «Rushhour des Lebens» mit kleinen Kindern, alten Eltern und eventuell schwierigen Finanzen.
Klar, sich mit philosophischen Gedanken auseinanderzusetzen, ist an sich eine privilegierte Tätigkeit. Aber ich glaube, der Eindruck des Elitären stimmt trotzdem nicht ganz. Menschen, die beispielsweise kaum über die Runden kommen, werden sich vielleicht sogar erst recht fragen: Wozu rackere ich mich so ab, wenn sich das nie auszahlt? Und war das schon alles? Andere dürften in den mittleren Jahren auch das Gefühl eines sicheren Zuhauses kennen, das sie sich aufgebaut haben, das sich aber auch als Ort der Stagnation entpuppen kann. Wie wir die Sehnsucht nach Freiheit mit der Sehnsucht nach Geborgenheit und Stabilität austarieren, scheint mir eine Frage zu sein, die sehr viele Menschen umtreibt, egal in welchen Verhältnissen sie leben.
«Nelly Sachs sagt: ‹Alles beginnt mit der Sehnsucht!› Und das stimmt.»
Wenn wir auf den Arbeitsmarkt schauen, so sehen wir, gerade in der Schweiz, eine erbarmungslose Altersguillotine. Viel Freiheit zur Neuerfindung – oder auch nur zum Verbleiben in einem Beruf – gibt es nicht.
Philosophie hatte immer auch ein sozialkritisches Potenzial. In der Entwicklungspsychologie ist das Konzept der «Generativität» wichtig für die mittleren Jahre: dass wir unser Wissen weitergeben können. Das entspricht der sogenannten Bogenkarriere, die eigentlich an der Tagesordnung sein müsste: Ältere Mitarbeiter geben ihre Erfahrung weiter an die jüngeren, ohne plötzlich auszuscheiden. Andererseits sind unsere Arbeitsbiografien heute nicht mehr so normiert, und manch einer macht sich kurz vor der Pension noch selbstständig.
Sie schildern im Buch Menschen auf dem «Hochplateau», die alles erreicht haben und sich trotzdem unerfüllt fühlen. Ist unendliche Sehnsucht gesund?
Warum nicht? Nelly Sachs sagt: «Alles beginnt mit der Sehnsucht!» Und das stimmt. Sehnsüchte zu haben, belebt. Was Sie ansprechen, ist nicht unendliche Sehnsucht, sondern stete Zielfokussierung.
Wenn wir dauernd etwas wollen, kann das auch unglücklich machen.
Genau, das Gefühl der Tretmühle. Wir verfolgen ein Ziel, und haben wir es erreicht, bleiben wir dennoch unbefriedigt zurück: «War es das jetzt schon?»
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Das ist Schopenhauers Problem: Zielerfüllung, die in Leere mündet, weshalb das Streben nie aufhört.
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Wir brauchen neben dem zielgerichteten, telischen Bezug auf die Welt auch Momente, in denen wir Dinge um ihrer selbst willen tun, sogenannte atelische Momente. Unsere jüngere Tochter ist 14 und geht ganz auf in der Arbeit im Stall bei den Pferden. Wenn sie erzählt, denke ich, davon kann ich eine Menge lernen. Sie mistet und füttert und striegelt – und ist dennoch nicht von Zielen besessen, die abgehakt werden müssen. Ausschlaggebend für erfüllende Momente ist ausserdem, etwas zu finden, woran einem wirklich liegt. Und Verantwortung zu übernehmen.
Wie?
Ich liebe etwa meinen Beruf, und vieles, was ich mache, tue ich gern. Aber manchmal bedauere ich sehr, dass ich nicht mehr Zeit habe für Musik. Ich würde zum Beispiel gerne in einem Chor singen und weiss im Moment nicht, wo ich das unterbringen soll.
«Viele tiefe Momente haben damit zu tun, dass man sich dem Leben aussetzt.»
Was spricht denn gegen das reine Geniessen, also den puren Hedonismus, ohne Verantwortung?
Erstens ist Verantwortungsübernahme für viele Menschen sinnstiftend. Sie wollen gern beitragen zu einem grossen Ganzen, das ihnen sinnvoll erscheint. Zweitens ist es ein grosses Missverständnis, dass ein gutes Leben immer glücklich sein muss. Eine ganze Glücksindustrie suggeriert, dass der wahre Erfolg in permanentes Glück führe. Dabei tut das Leben auch weh, Schmerz und Leid gehören dazu.
Wirklich?
Ja, ich bin überzeugt, dass viele der tiefen Momente damit zu tun haben, dass man etwas riskiert, dass man sich dem Leben aussetzt. Zum Beispiel in der Liebe: Eine Liebesbeziehung ist nicht ohne das Risiko zu haben, dass man verlassen wird oder die geliebte Person im Alter oder durch einen Schicksalsschlag verliert.
Darf man sich denn nur auf seine Bedürfnisse konzentrieren, oder sollte man sich für ein sinnvolles Leben gemeinnützig betätigen, ein Leben für andere führen?
Ein Leben für andere zu führen, ist überzogen. Aber Sinn im Leben ergibt sich auf Dauer nicht, wenn wir nur um uns kreisen.
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Ich stimme darin mit der Philosophin Susan Wolf überein:
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Sinnerfüllung hat viel zu tun damit, dass wir etwas finden, das uns begeistert, aber auch über uns hinausweist. Es hilft also, in einer Krise den Blick zu weiten und zu überlegen: «Und was ist rechts und links von mir?» Wir müssen dabei nicht zwingend an Gemeinnützigkeit denken. Es kann auch heissen, in einem Chor mitzusingen und zu erleben, dass wir nur gemeinsam diesen vollen Klang herstellen können. Oder dass ich mich dafür einsetze, dass mein kleines Wohnquartier eine beruhigte Strasse erhält.
Manche werden früher als andere aus dem Leben gerissen. Kann man es nicht auch gut sein lassen und im mittleren Alter mit grosser Dankbarkeit, ganz ohne Bedauern, auf das bisher Erreichte und Geschaffte zurückschauen – und sich darüber freuen, dass man in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt lebt?
Wenn Sie gar keine Frage an Ihr Leben haben und in erster Linie dankbar und zufrieden sind, dann werden Sie vielleicht mein Buch nicht lesen. Aber ist es nicht interessant, dass man sogar dankbar sein kann und eigentlich zufrieden und vielleicht doch denkt: «Irgendwie ist der Lack ab, eigentlich ist alles prima, aber so richtig erfüllt bin ich doch nicht.» Die Frage danach, was wirklich zählt, wird in der Mitte des Lebens für viele zentral – nicht zuletzt, weil man erkennt, dass man nicht ewig hier sein wird. Und weil man sich vielleicht in einer Monotonie gefangen fühlt und ausbrechen will aus dem «Und täglich grüsst das Murmeltier»-Gefühl.
Was ist mit den vielen Menschen, die gar nie einen grossen Traum oder ein starkes Streben nach etwas Bestimmtem hatten?
Das muss man gar nicht haben. Aber mit den Jahren gewinnen wir an Lebenserfahrung und lernen auch uns selbst besser kennen: Was wir wollen, woran uns liegt. Das ist ein grosses Stück Arbeit und oft auch verbunden mit Desillusionierung, aber es geht im besten Fall mit einer gewissen Form von Souveränität einher. Solche Selbstkenntnis grenze ich ab von der Vorstellung eines inneren, unverfälschten Kerns. Das authentische Ich, das immer gleich bleibt und wir nur finden müssen, ist eine überzogene Vorstellung. Vielmehr geht es darum, im Leben, in dem wir gelandet sind und das wir uns einrichten, immer mehr den roten Faden zu erkennen.
Im Schlusskapitel schreiben Sie aber doch von einem «inneren Kolumbus», der sich selbst entdeckt. Was ist damit gemeint?
Das Bild stammt von Henry David Thoreau. Es meint, dass wir immer wieder bereit sein sollen, das eigene Leben als Unbekanntes zu sehen. Kolumbus bricht ja auf und verirrt sich erst einmal, er wollte nach Indien. Manchmal lohnt es sich, sich zu verirren, nicht die Schotten dicht zu machen, sondern eine Krise anzunehmen, sich auch verwirren zu lassen – um dann erst recht etwas finden zu können. Ludwig Wittgenstein sagte, dass ein philosophisches Problem die Form habe: «Ich kenne mich nicht aus.» Sich nicht auszukennen im Leben, ist ein philosophischer Moment par excellence. Kolumbus steht aber auch für mein Bestreben, die mittleren Jahre zu kartografieren, also die Problemlagen philosophisch zu durchleuchten, und nicht einen Ratgeber vorzulegen.
Ist es ein schönes Gefühl, sich nicht auszukennen?
Nicht immer, aber wir wissen in der Philosophie ja auch, dass ein gutes Leben nicht immer ein glückliches Leben sein muss oder dass Glück nicht einmal der wichtigste Bestandteil eines guten Lebens ist. Ein erfülltes Leben hat viel damit zu tun, dass man viele Facetten der Existenz zulässt und bereit ist, sich diesen hinzugeben und ein volles Leben gelebt zu haben.
Für die Ausrichtung des Lebenskompasses schlagen Sie einen Blick aus der Zukunft vor: «Wie möchte ich, rückblickend, gelebt haben, was für ein Mensch möchte ich gewesen sein?» Was ist Ihre eigene Antwort?
Ich möchte gern, dass man von mir erzählt, ich sei heiter und warmherzig gewesen. Ich möchte keine Prinzipienreiterin gewesen sein. Dafür eine Person, die auch mal umgekehrt ist, die auf die Nase gefallen ist und dies zugeben konnte.
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