Don Italo Molinaro aus Lugano: Herz-Jesu-Verehrung verbinde ich mit pastoraler Sanftmut

Die Basilika Sacro Cuore in Lugano trägt seit 1952 den Ehrentitel «Basilica minor». Die Kirche ist ein spiritueller Bezugspunkt für die Region Lugano, sagt Don Italo Molinaro. Der Pfarrer freut sich über die Neugestaltung des Zelebrationsraumes vor rund zwei Jahren, als Sacro Cuore einen neuen Altar erhielt. Ein Beitrag der Serie über «Basilicae minores» in der Schweiz.

Barbara Ludwig

Warum hat der Papst 1952 der Pfarrkirche Sacro Cuore in Lugano den Ehrentitel «Basilica minor» verliehen und warum genau zu diesem Zeitpunkt?

Don Italo Molinaro*: Im Januar 1951 starb Kanonikus Annibale Lanfranchi, Bauherr und Förderer der Basilika. In fast 30-jähriger Arbeit hatte er die Basilika mit grossem Engagement fertig bauen lassen und gleichzeitig eine intensive pastorale Tätigkeit in einem boomenden Stadtteil von Lugano ausgeübt. Auf ihn folgte als Pfarrer Kanonikus Emilio Cattori. Cattori läutete eine neue Ära in der Pfarrei ein, unter anderem mit dem Bau des «Centro Cittadella»: Ein neues Gebäude entstand neben der Kirche, mit einem Theater mit 400 Plätzen, mit Gemeinderäumen für die Ausbildung der Gläubigen und Wohnungen.

«Die Herz-Jesu-Verehrung war damals weit verbreitet.»

Ich vermute, dass sich diese Dynamik auch im Antrag auf Erhebung der Herz-Jesu-Kirche zur Basilika minor manifestierte. Denn das Gotteshaus war bereits als diözesanes Heiligtum und nicht nur als Pfarrkirche errichtet worden. Man darf nicht vergessen, dass die Herz-Jesu-Verehrung damals weit verbreitet war und die Basilika auch eine diözesane Zeitschrift herausgab, um sie zu fördern.

Welche Aufgabe erfüllt die Kirche heute in Ihrer Region?

Molinaro: Heute ist die Basilika ein spiritueller Bezugspunkt für die Region Lugano, denn unsere Gläubigen kommen nicht nur aus dem Stadtviertel Molino Nuovo, sondern auch aus den Vororten. Die Basilika wird durch das nahe gelegene neue «Centro Cittadella» ergänzt. Dieses Zentrum, entworfen von Mario Botta, hat einen Saal mit 100 Plätzen. Es entstand vor zwei Jahren als Ersatz für das alte Zentrum, das abgerissen wurde. In diesem Saal finden kulturelle Veranstaltungen und Schulungen für ein breites Publikum statt. Es handelt sich ein soziales und spirituelles Angebot, das in Lugano noch fehlte. Die Resonanz ist ermutigend.

Wie viele Menschen kommen am Sonntag zum Gottesdienst in die Basilika Sacro Cuore?

Molinaro: An wichtigen Festtagen besuchen bis zu 600 Menschen den Gottesdienst. An gewöhnlichen Sonntagen sind es 300. Es hängt auch von der Jahreszeit ab.

Durch welche stilistische Eigenheit fällt diese Kirche auf?

Molinaro: Die Herz-Jesu-Kirche ist ein neoromanisches Gebäude. Es widerspiegelt die Sensibilität der damaligen Zeit, in der die Beschwörung der Vergangenheit einen entscheidenden Bezugspunkt darstellte. Dazu gesellt sich ein mutiger Gemäldezyklus im Jugendstil. Geschaffen hat ihn der italienische Maler Vittorio Trainini (1888-1969) innerhalb von zehn Jahren – mit einer Unterbrechung während des Zweiten Weltkrieges.

«Das Heiligste Herz ist umgeben von Engeln, Heiligen und Persönlichkeiten der damaligen Zeit.»

Die Basilika ist die einzige Kirche im Tessin, die vollständig mit Fresken im einheitlichen Design des Jugendstils bemalt ist, reich an Farben, Symbolen, Inschriften. Jeder Quadratzentimeter ist mit Fresken bemalt, und das zentrale Bild des Heiligsten Herzens dominiert alles. Es ist umgeben von Engeln und Heiligen, aber auch von Persönlichkeiten der damaligen Zeit, also Ende der 1930er Jahre.

Wen sieht man denn auf den Fresken?

Molinaro: Gemalt hat der Künstler zum Beispiel die verfolgten Katholiken in Mexiko, den heiligen Pius X., Contardo Ferrini, den Gründer der Katholischen Universität Herz-Jesu in Mailand, junge Männer und Frauen der Katholischen Aktion im Tessin, den heiligen Don Giovanni Bosco, aber auch Afrikaner oder Asiasten in den Missionsländern. Kurzum: Es ist fast eine «Nachrichtensendung» der Zeit, mit den wichtigsten Symbolen des religiösen Zeitgeschehens.

Was verbindet Sie persönlich mit dieser Kirche?

Molinaro: Die Herz-Jesu-Verehrung verbinde ich heute mit einer wachsenden Sensibilität für die Aufnahme aller Menschen, mit Barmherzigkeit ohne Verurteilung und einer freudigen und befreienden christlichen Verkündigung. Ich sehe darin auch den Vorrang des Lebens vor den Regeln, eine pastorale Sanftmut, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wir versuchen, unseren Evangelisierungsauftrag in diese Richtung zu lenken.

Was gefällt Ihnen nicht an der Kirche?

Molinaro: Was mir nicht gefiel, haben wir inzwischen verbessert: Die Basilika hatte bis vor kurzem eine klassische Struktur, mit Kirchenbänken, die alle auf den Chorraum ausgerichtet waren. Die Gläubigen blickten, wie brave Soldaten, zum Tabernakel. Ein echter, dem Volk zugewandter Altar fehlte.

Am 6. November 2022, genau 95 Jahre nach der Eröffnung der Basilika für den Gottesdienst, im 100. Jahr der Grundsteinlegung, fand die Weihe eines neuen Altars statt. Wir bekamen auch einen neuen Ambo. Altar und Ambo sind das Werk des Tessiner Bildhauers Paolo Foletti.

Zudem wurde der Chorraum vom Tessiner Architekten Edy Qualgia umgestaltet. Wir haben einen neuen, mehr kreisförmigen Zelebrationsraum geschaffen, indem wir auch auf den Seiten Kirchenbänke aufstellen liessen. Dadurch wurde das starre, «autoritäre» Schema in eine synodale Dynamik umgewandelt. Die Neugestaltung erzieht die Gemeinde dazu, stärker «Kirche der Gemeinschaft» im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils zu sein. Und über diese Errungenschaft freue ich mich ganz besonders.

Bekam die Kirche schon einmal Besuch von einem Papst?

Molinaro: Nein. Aber Johannes Paul II. hat im Juni 1984  in Lugano im Fussballstadion Cornaredo eine Messe mit 30’000 Gläubigen gefeiert. Vor kurzem haben wir seiner in einer Messe und mit der Vorführung eines damals gedrehten Amateurfilms gedacht.

*Don Italo Molinaro ist Pfarrer von Sacro Cuore. Das Interview wurde schriftlich geführt.

 


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