In der Schule wird er heutzutage nur noch selten gelesen. Den wenigsten ist bekannt, dass Heinrich Böll 1972 der Literaturnobelpreis verliehen wurde und dass der gebürtige Kölner der erste Katholik unter den deutschsprachigen Preisträgern war. Seine Romane, die mehrfach verfilmt wurden, reflektieren nicht nur die Traumata der Menschen im Nachkriegsdeutschland. Böll stand stets auf Kriegsfuss mit dem Katholizismus.
Wolfgang Holz
Wer in «Kölle» geboren wurde, der hat das Katholische quasi schon in der Muttermilch mitbekommen. Nicht nur wegen des Doms, der für alle Kölner Schutz und Heimat verkörpert. Für Heinrich Böll (1917-1985) war das Wahrzeichen der Rheinmetropole, das als eines der wenigen Gebäude die totale Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg überstanden hatte, gleichzeitig auch Symbol für einen kranken Katholizismus.
Besonders gut zusammengefasst hat er seine Aversion gegen den Katholizismus in seinem letzten Roman «Frauen vor Flusslandschaft» (1985): «Die Kirche hat ausgedient – hierzulande», seine Enttäuschung über unglaubwürdige Priester, die als «Pfaffen» lediglich noch zur «Dekoration» taugen und deren Gottesdienste «keinen Trost» mehr spenden – all das entspricht in vielerlei Hinsicht aktuellen Verfallsdiagnosen zum Niedergang kirchlich gebundener Religion.
«Die Kirchen», sagte Büchnerpreis-Träger einmal in einem Interview mit René Wintzen, «können nicht spirituell oder spiritualistisch denken.» Vor allem das Kirchensteuersystem offenbarte für Böll die materialistische Ausrichtung der «Institution» Kirche. Ende der sechziger Jahre war Böll denn auch nicht mehr bereit, Kirchensteuer zu zahlen.
Böll hielt diese Steuer für eine «Art Zuhälterei» der Institution Kirche, die in seinen Augen als kapitalistisches Unternehmen, nicht aber als Gemeinschaft christlichen Lebens auftrat.
1976, vier Jahre nachdem Böll den Literaturnobelpreis für seinen Roman «Billiard um halbzehn» erhalten hatte, zieht Böll einen Schlussstrich und erklärt seinen Austritt aus der Kirche als rechtliche Institution.
Eine konsequente Entscheidung und vorläufiger Höhepunkt einer Kritik an der katholischen Kirche, die Bölls frühe Nachkriegstexte über «Ansichten eines Clowns» (1963) bis zu den Romanen der siebziger Jahre wie «Gruppenbild mit Dame» (1971) bestimmt.
Böll, so Heinrich Vormweg in seiner legendären Böll-Biographie «Der andere Deutsche», war geprägt von einem kleinbürgerlichen Elternhaus, in dem eine «entschieden aufklärerische Kritiklust» sich nicht nur gegen den Nationalsozialismus im Dritten Reich richtete, sondern auch vor der Kirche nicht haltmachte. Die in Bölls Familie vorherrschende «skeptische Sicht auf die Kirche» und ihre «im Zölibat lebenden Diener» ist nach Vormweg vor allem auf die Erfahrungen zurückzuführen, die Bölls Vater mit «Gottesdienern» machte.
Als Bildhauer und Schreiner erledigte Bölls Vater Auftragsarbeiten für die Kirche und hatte dabei jede Menge Gelegenheiten, «mitzubekommen, was der Zölibat praktisch bedeutete»: Er «drängte eben auch zu sexuellem Missbrauch». Das tiefe Misstrauen des Vaters gegen das kirchliche Milieu und seine «Würdenträger» war wohl auch der Grund dafür, den Söhnen das Ministrieren strikt zu verbieten.
Heinrich Böll, gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller und politischer Autor der Nachkriegszeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als Infanterist der Wehrmacht diente, wird er zunächst als Kurzgeschichtenautor berühmt.
Der gelernte Buchhändler und späteres SPD-Mitglied bezieht nicht nur immer wieder zu tagespolitischen Ereignissen Stellung und wird bekannt für sein Engagement in der Friedensbewegung. Legendär ist auch, wie Böll nach der Ausbürgerung von Schriftsteller Alexander Solschenizyn aus der Sowjetunion dem Dissidenten 1974 eine erste Zuflucht in seinem Haus in gewährte.
Aber auch die Presse, insbesondere die mächtige Boulevard-Presse, bekam in einer seiner wohl bewegendsten und später verfilmten Erzählung «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» moralisch ihr Fett ab.
In dem Buch beschreibt Böll, wie eine bisher unbescholtene junge Frau, Katharina Blum, wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter Opfer der Sensationsgier der Boulevardpresse wird. Insbesondere geht es um die menschenverachtende Berichterstattung eines Blattes, das immer nur die ZEITUNG genannt wird. Unausgesprochen thematisierte er damit fragwürdige Praktiken «Bild-Zeitung».
Nach seinem Tod legte die grüne politische Heinrich-Böll-Stiftung den Schwerpunkt auf Ökologie, Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte. Diese wurde 1986 nach dem Tod als gesellschaftliches Vermächtnis des grossen deutschen Autors gegründet. Ganz im Sinne von Heinrich Böll. Der war zeitlebens überzeugt: «Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/kleriker-katholizismus-kritiker-heinrich-boell-war-nicht-mal-ministrant/