Nora Gomringer: «Ich bin mit einem sehr frohen und herzvollen Katholizismus aufgewachsen»

Sie ist eine der renommiertesten Dichterinnen und gehört zu den wenigen Kulturschaffenden, die sich zum Katholizismus bekennen. Im Podcast «Laut + Leis» spricht Nora Gomringer über ihre Kindheit, katholischen Feminismus und die Trauer, die sie seit dem Tod ihrer Mutter durchlebt.

Sandra Leis

Als Mädchen hatte Nora Gomringer eine Lese- und Sprachhemmung und nahm sich als Übungsbuch bewusst die Heilige Schrift vor. «In meinem kindlichen magischen Glauben dachte ich mir, dass Gott meine Lesung aus der Bibel in keinem Fall sabotieren würde, denn ich lese ja sein Wort», erzählt sie und schmunzelt. Das hat geholfen, und heute ist sie eine grosse Sprachakrobatin, die den Auftritt vor Publikum liebt.

Ihr Vater ist der berühmte Lyriker Eugen Gomringer, Erfinder der konkreten Poesie und heute 99 Jahre alt. Die Mutter, Nortrud Gomringer, war Germanistin und Kulturvermittlerin und hat sich neben der literarischen auch um die katholische Erziehung der Tochter gekümmert. Oder besser: «Meine Mutter wurde durch mich wieder katholisch», sagt Nora Gomringer.

Beeindruckt vom Katholizismus

«Ich war so angezündet davon, Ministrantin zu sein, und habe eine Gemeinschaft gefunden, die mir sehr fremd war, weil wir das zuhause nicht lebten», so Gomringer. Die Mutter sei nach der Scheidung von ihrem ersten Mann eine «unglückliche Katholikin» gewesen, weil sie in der Kirche nicht mehr willkommen war. Der Vater war und ist Pantheist. 

«Mich hat der Katholizismus schon früh sehr beeindruckt, und ich habe mir herausgenommen, katholisch zu sein und die Bibel zu lesen», sagt Gomringer. «Ich bin mit einem sehr frohen und herzvollen Katholizismus aufgewachsen, der gar nicht so viele Einschränkungen kennt, sondern viele Fragen im Guten an die Gläubigen stellt.»

Berufswunsch Nonne

Ihre Begeisterung für den Katholizismus ging so weit, dass sie sich überlegte, Nonne zu werden. Ihre Mutter konnte diesem Wunsch durchaus etwas abgewinnen und sei überzeugt gewesen, dass Nonne eine gute Lebensform für eine Frau sei, wenn sie sich mit ihrem Geist und ihrem Verhältnis zur Welt und zu Gott beschäftigen wolle.

Doch die Mutter sagte auch, für diesen Lebensentwurf dürfe man nicht zu eitel sein und müsse sich von seinen Besitztümern trennen können. Deshalb sei sie dann doch nicht Nonne geworden, sagt Nora Gomringer mit einem breiten Lachen im Gesicht.

Kritik an Vatikan und Papst

Stattdessen wurde sie eine vielfach preisgekrönte Lyrikerin, Performerin und Sängerin und ist seit 14 Jahren Direktorin des internationalen Künstlerhauses Concordia in Bamberg. Sie ist Feministin und Katholikin, und auf die Frage, wie sie beides unter einen Hut bekommt, sagt sie: «Ich durfte wunderbare Frauen im Dienst der Kirche erleben, und ich treffe immer wieder auf Männer, die genau die richtigen Dinge sagen. Nämlich, dass alle Tätigkeiten in den Kirchen und Gemeinden unmöglich wären ohne Frauen.»

Des Weiteren ist sie Mitglied im Synodalen Rat in Deutschland und sieht, wie der Vatikan die Bemühungen um Erneuerung regelmässig ausbremst. Sie sagt: «Was kann man machen? Man ist enttäuscht, und man kann sich eigentlich nur dort verorten, wo man sich sehen möchte – in der Gemeinde vor Ort.»

Über Papst Franziskus sagt sie: «Ich bin von der Art, wie sich unser Papst gegenüber der Kriegssituation in der Ukraine positioniert, tief enttäuscht.» 

Öffentliches Bekenntnis

Trotzdem bleibt die 44-Jährige der römisch-katholischen Kirche verbunden und bekennt sich öffentlich dazu. Zum Beispiel im Buch «Wir bleiben! Warum sich Frauen nicht aus der katholischen Kirche vertreiben lassen». Darin kommen 18 deutsche Persönlichkeiten zu Wort wie beispielsweise Andrea Nahles oder Monika Grütters. Nora Gomringer ist mit sechs wunderbaren Gedichten vertreten; eines davon trägt sie im Podcast «Laut + Leis» vor.

In ihrem jüngsten Gedichtband aus dem Jahr 2020 macht sie bereits im Titel einen direkten Bezug zu Gott: In «Gottesanbieterin» befasst sich Gomringer intensiv mit den Themen Glauben und Trauer. Gewidmet ist das Buch einem Freund, der mit 41 Jahren verstorben ist.

Mit der Mutter auch die erste Leserin verloren

Kurze Zeit später starb ihre Mutter. «Ich habe eine unglaublich tiefe Trauer durchlebt, die bis heute nachhallt. Mit meiner Mutter habe ich auch meine erste Leserin, meine Lektorin und mein Korrektiv verloren.» Die Lücke ist bis heute geblieben, Gedichte hat Nora Gomringer keine mehr veröffentlicht.

Stattdessen hat sie mit ihrer Band die weltlichen und christlichen Lieder von Annette von Droste-Hülshoff verjazzt und geht damit auf Tournee.

Die Bücher:
Elisabeth Zoll (Hg.): «Wir bleiben! Warum sich Frauen nicht aus der katholischen Kirche vertreiben lassen», S. Hirzel Verlag, 2023

Nora Gomringer: «Gottesanbieterin», Verlag Voland & Quist, 2020 


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