Der Ukraine-Gipfel ist ein erster Schritt auf einem langen Weg. Wann und ob ein Frieden möglich sein wird, ist ungewiss. Im Podcast «Laut und Leis» diskutieren die ehemalige Nationalrätin Monika Stocker und der Historiker Felix Münger über die Rolle von Politik, Kirche und Zivilgesellschaft.
Sandra Leis
In einem Punkt sind die beiden sich sofort einig: Die Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock hat ein Zeichen gesetzt. «Die Welt schaut hin, der Krieg in der Ukraine ist nicht wie viele andere Kriege ein vergessener Krieg», sagt der Historiker und Russland-Kenner Felix Münger.
Monika Stocker, ehemalige Nationalrätin der Grünen und bis 2008 Zürcher Stadträtin und Vorsteherin des Sozialamtes, ist auch nach ihrem Rücktritt Politikerin durch und durch: «Ich würde mir wünschen, dass Bundesrat Ignazio Cassis zum russischen Aussenminister Sergei Lawrow geht und ihm berichtet, was auf dem Bürgenstock besprochen wurde.»
Stocker setzt auf Diplomatie, Münger ist skeptisch: «Klar, man kann das versuchen, und da ist bestimmt auch einiges zu erreichen.» Doch mit Blick auf die Geschichte müsse man konstatieren, dass Autokraten wie Wladimir Putin Menschen um sich scharen, die ihre Existenz dem Status des Diktators verdanken. «Deshalb frage ich mich, ob Figuren wie Lawrow oder Medwedew, der dauernd die Atomwaffen-Keule schwingt, überhaupt ein Interesse haben, mit Bundesrat Cassis zu sprechen.»
Auf die Frage, ob sie glaube, dass man mit einem Diktator wie Wladimir Putin überhaupt verhandeln könne, sagt Stocker: «Im Moment nicht, aber vielleicht in ein paar Monaten, wenn vorbereitende Arbeiten gemacht sind.»
Ganz anders sieht das Münger: «Wir möchten jetzt oder morgen Frieden. Ich glaube, das ist vollkommen illusorisch.» Friedensgespräche oder zumindest ein Abkommen für einen Waffenstillstand seien nur möglich, wenn beide Seiten das wollten.
Davon sei man weit entfernt, weil der Aggressor Putin der Ukraine das Existenzrecht abspreche. «So sehr ich Diplomatie und Gespräche befürworte und für unabdingbar halte, im Moment geht es nicht ohne militärische Drohkulisse und die Entschlossenheit, Russland auch militärisch die Stirn zu bieten.»
Es gibt ein Recht auf Selbstverteidigung und ein Recht auf Unversehrtheit der Territorien – das ist auch in der Abschlusserklärung der Bürgenstock-Konferenz festgehalten und in der Uno-Charta.
Dem stimmt auch Monika Stocker zu, gibt aber zu bedenken: «Niemand hat in die Uno-Charta geschrieben, dass diese Selbstverteidigung mit den schrecklichsten Waffen der Welt passiert.» Mit den heutigen Massenvernichtungswaffen könne man nicht einfach eine Grenze verteidigen und alles andere bleibe unversehrt. «Die Waffensysteme sind immer multipel: Sie reichen weit, sie zerstören Menschen und Umwelt auf Jahrzehnte hinaus.»
Was jetzt an der Grenze der Ukraine passiere, so Stocker weiter, habe langjährige verheerende Folgen für beide Länder. Selbst wenn sie sich dereinst auf einen Frieden einigten.
«Ich bin seit fünfzig Jahren in der Friedensbewegung aktiv, und die Menschheit macht weiter, als hätte sie nichts daraus gelernt», so Monika Stocker. Und doppelt nach: «Das macht mich manchmal richtig wütend.»
Auch deshalb, weil Krieg in der Öffentlichkeit vor allen aus einer militärischen, männlichen Perspektive diskutiert wird. Vehement verweist sie auf die Initiative «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005», aus der ein globales Netzwerk von Friedensaktivistinnen entstanden ist.
Stocker ist nach wie vor überzeugt, dass Gespräche und Diplomatie zielführend sind. Sie unterstützt Friedensgebete und begrüsst es, wenn beispielsweise die bischöfliche Kommission «Justitia et Pax», zur der sie vor vielen Jahren auch gehört hat, im Vorfeld der Ukraine-Konferenz einen sogenannten «Predigt-Impuls» verschickt. Sie sagt: «Ich bin froh um alle Versuche, diesen Glauben und diese Hoffnung nicht vergessen gehen zu lassen.»
Solche Initiativen sind auch in den Augen von Felix Münger wertvoll, denn es sei wichtig, sich auf Grundwerte zu besinnen, die eine bessere Welt anstreben. Nur: «Das genügt nicht. Wir sind in einer Situation, in der wir sehr realistisch sein müssen.» Der Kreml trete Grundwerte der Demokratie und des liberalen Rechtsstaates mit Füssen. «Die Ukraine verteidigt diese Werte ein Stück weit auch für uns im Westen.»
Der Realist und die Visionärin: Felix Münger und Monika Stocker sorgen im Podcast «Laut + Leis» für eine hoch engagierte Debatte über Krieg und Frieden und darüber, was es braucht, damit Frieden möglich werden könnte. Sie zeigen auch, dass man unterschiedliche Standpunkte vertreten und einander trotzdem verstehen kann.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/ukraine-konferenz-auf-dem-buergenstock-wie-ist-frieden-moeglich/