Synodalratspräsident Raphael Meyer zur Pride: «Let's agree to disagree!»

Respektvoll, aber distanziert – so beschreibt der Zürcher Synodalratspräsident Raphael Meyer sein Verhältnis zur Pride, die am Wochenende in Zürich stattfindet. Es ist die erste in seiner Amtszeit. Warum eine Teilnahme für ihn nicht authentisch wäre, erklärt er im Interview.

Magdalena Thiele

Am Samstag zieht die Pride durch Zürich – sind Sie dabei?

Raphael Meyer: Nein, allein schon deswegen nicht, weil meine Frau und ich unseren 10. Hochzeitstag feiern. Wir verlassen dafür den Kanton – Genaueres kann ich aber nicht sagen, es soll eine Überraschung für sie sein.

Wäre ich dieses Wochenende in Zürich, hätte ich wahrscheinlich den Pride Gottesdienst am Sonntag besucht. Bei der Parade am Samstag wäre ich allerdings nicht mitgelaufen.

«Die Pride hat sehr viel zur gesellschaftlichen Entwicklung beigetragen.»

Was hält Sie davon ab?

Raphael Meyer: Mein Verhältnis zu der Pride ist respektvoll, aber distanziert. Diese Veranstaltung hat definitiv ihre Berechtigung und hat sehr viel zur gesellschaftlichen Entwicklung beigetragen und einen wichtigen Diskurs angeschoben, wie zum Beispiel die Ehe für alle. Ich habe mich in meinem Umfeld für dieses Anliegen eingesetzt.

Noch vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen, ich hielt das Partnerschaftsgesetz von 2007 für ausreichend. Erst im Dialog mit betroffenen Menschen wurde mir klar, dass die Angabe des Zivilstands «in eingetragener Partnerschaft» Menschen dazu zwingt, sich zu outen – das ist doch übergriffig. Ich finde es wichtig, dass die Pride solche Themen anspricht.

«Der Umzug am Samstag ist aus meiner Sicht sehr fokussiert auf das Thema Sexualität.»

Aber?…

Raphael Meyer: Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht teilen kann. Der Umzug am Samstag ist aus meiner Sicht sehr fokussiert auf das Thema Sexualität: viel nackte Haut, laszives Tanzen und obszöne Parolen. Der Schockeffekt, den man damit erreichen will, halte ich für kontraproduktiv. 

Es soll jeder lieben, wen er lieben will. Und jeder soll rumlaufen dürfen, wie es ihm gefällt. Aber für mich persönlich ist die Veranstaltung zu schrill. Es wäre auch nicht authentisch, würde ich mich offener und flippiger darstellen als ich es bin – absolut unglaubwürdig und in niemandes Interesse.

«In unserer Kirche ist jeder willkommen, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung.»

Aber ein ökumenischer Gottesdienst mit katholischer Beteiligung ist authentisch genug? 

Raphael Meyer: Ich sehe da überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Ich bin sehr dankbar, dass wir in Zürich Seelsorgende haben, die so etwas anbieten. Sie zeigen den Menschen, dass man sich für die Rechte homosexueller Menschen stark machen und trotzdem in die Kirche gehen kann. In unserer Kirche ist jeder willkommen, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung.

Das heisst nicht, dass Kirche alles gutheisst – auch nicht bei heterosexuellen Menschen. Das christliche Weltbild ist auf eine gleichberechtigte und stabile Partnerschaft ausgerichtet.

Jedoch ist das Thema Sexualität gerade, wenn über die Kirche gesprochen wird, nahezu allgegenwärtig. Ist das ein Problem?

Raphael Meyer: Sogar Papst Franziskus hat mal gesagt, dass man mit der Fixierung auf die Sexualmoral die Menschen vergrault. Ich gebe ihm da recht und würde mir wünschen, dass wir in diesem Thema zu einem «Let’s agree to disagree" kommen und wieder mehr über das grosse Ganze und generell über Glaubensinhalte diskutieren. Neben dem sechsten Gebot gibt es noch neun andere, über die wir sprechen sollten.

Sicher, aber für viele Gläubige ist doch vor allem die Sexualmoral der Kirche nicht wirklich alltagstauglich, oder? 

Raphael Meyer: Ich bin fest davon überzeugt, dass unser Verhalten hier auf Erden Auswirkungen hat auf das, was danach kommt. Auch ich handle nicht immer so, wie es nach der strengen Lehre vorgeschrieben wäre. Aber das Schöne an unserem Glauben ist doch, dass wir am Ende auf die Gnade Gottes hoffen dürfen. Und Gott erwartet vielleicht auch gar nicht, dass wir immer alles befolgen können.

Auch der heilige Petrus musste immer mal wieder von Jesus zurecht gewiesen werden, trotzdem hat er ihm seine Kirche anvertraut. Da besteht für mich vielleicht noch Hoffnung.

Link zum Programm der Pride in Zürich dieses Wochenende

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/synodalratspraesident-raphael-meyer-zur-pride-lets-agree-to-disagree/