Journalistin zu Tessiner Missbrauchs-Doku: «Die Begegnungen mit Opfern haben uns am meisten angespornt»

Die Journalistin Francesca Luvini (55) hat mit Opfern, mit Kirchenvertretern, aber auch mit Bürgerinnen und Bürgern gesprochen – um mehr herauszufinden über sexuellen Missbrauch durch Kleriker und den Umgang damit im Tessin. Nicht äussern wollte sich der emeritierte Bischof Pier Giacomo Grampa, was Luvini sehr bedauert. Am Donnerstagabend erscheint das Resultat ihrer Recherchen im Tessiner Fernsehen RSI.

Barbara Ludwig

Sie haben eine Sendung über den Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauch im Bistum Lugano gemacht, die am Donnerstag ausgestrahlt wird. Was hat Sie dazu motiviert?

Francesca Luvini*: «Falò» ist eine Sendung, die sich mit dem aktuellen Zeitgeschehen und mit investigativen Themen befasst. Es war daher nur natürlich und angemessen, dass wir uns mit einem Thema befassen, das die Nachrichten im Jahr 2023 stark geprägt hat. Die historische Pilotstudie über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche schlug in der Schweiz wie eine Bombe ein und kann als ein «point of no return» für die katholische Kirche angesehen werden, die sich nun mit einer Krise konfrontiert sieht, wie sie in der Neuzeit vielleicht noch nie dagewesen ist.

«Warum werden im Tessin so wenig Missbrauchsfälle gemeldet?»

Die Diözese Lugano sticht dabei in zweierlei Hinsicht hervor: durch eine umfangreiche Vernichtung von Dokumenten im Geheimarchiv und durch die geringe Zahl von Missbrauchsopfern. Hier wollten wir gemeinsam mit unserem Kollegen Gaetano Agueci nachforschen: Was ist wirklich mit den Diözesanarchiven passiert? Warum werden so wenig Missbrauchsfälle gemeldet? Sollen wir davon ausgehen, dass die offiziellen Zahlen korrekt sind, oder gibt es andere Erklärungen?

Wie lange haben Sie für die Sendung recherchiert?

Luvini: Ich persönlich interessiere mich seit dem Film «Spotlight», der mit dem Oscar prämiert wurde, für das Thema und habe deshalb die Forschungsergebnisse aus Zürich mit Spannung erwartet. Aber erst im Februar dieses Jahres habe ich begonnen, mich eingehender zu dokumentieren und nach Quellen und Zeugenaussagen zu suchen. Es ist schwierig zu sagen, wie viel Zeit wir für die Recherche und wie viel für das Filmen und Schneiden aufgewendet haben, da die Recherche bis zur Ausstrahlung des Dokumentarfilms parallel läuft. Insgesamt haben wir etwa dreieinhalb Monate für die Sendung gearbeitet.

«Geholfen hat uns die öffentliche Debatte.»

Wie sind Sie bei den Recherchen vorgegangen?

Luvini: Wir sind so vorgegangen, wie wir es normalerweise tun, wenn wir zu einem bestimmten Thema recherchieren. Wir haben Informationen gesammelt, gelesen und mit unseren Kontakten sowie mit Persönlichkeiten aus der Gesellschaft, der Kirche, der Justiz und mit Historikerinnen und Historikern gesprochen. Bei der Suche nach Zeugenaussagen stützen wir uns auf unser Netzwerk, aber auch auf Informationen aus den Sozialen Medien, und manchmal haben wir einfach auch Glück. Geholfen hat uns vor allem die öffentliche Debatte, die durch die Veröffentlichung des historischen Berichts ausgelöst wurde und die auch manche Menschen aus der Dunkelheit holte, die jahrzehntelang eine Missbrauchsgeschichte mit sich herumtrugen.

Welche Schwierigkeiten gab es?

Luvini: Zunächst mussten die Missbrauchsopfer gefunden und dann davon überzeugt werden, dass es wichtig ist, ihre Geschichte zu erzählen – für sie selbst, aber auch um vielleicht andere Fälle ans Licht zu bringen. Es waren zahlreiche Treffen nötig, ein Vertrauensverhältnis musste aufgebaut werden. Für uns im Fernsehen gibt es auch die Herausforderung der Bilder. Hier war die Arbeit unseres Kollegen Gaetano Agueci von grosser Bedeutung. Er fand die richtigen Ideen und den richtigen Weg, um sensibel mit nachgespielten Szenen den schrecklichen Erlebnissen gerecht zu werden, die die Opfer uns anvertraut hatten.

«Wir wissen jetzt, dass die Menschen, denen wir eine Stimme gegeben haben, heute auf dem Weg zur Versöhnung sind.»

Dieser Teil unserer Arbeit und diese Begegnungen, obwohl sie in vielerlei Hinsicht schwierig waren, haben uns auch am meisten angespornt. Wir wissen jetzt, dass die Menschen, denen wir eine Stimme gegeben haben, heute auf dem Weg zur Versöhnung sind. Und das ist auch der Sinn unserer Arbeit. Vor allem ihnen gebührt unser ganzer Dank.

Auf welche Quellen stützen Sie sich ab?

Luvini: Nicht alle können genannt werden, aber die Hauptquelle war sicherlich die Studie über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, die von den kirchlichen Behörden in  Auftrag gegeben wurde: Die Historikerinnen und Historiker der Universität Zürich haben die eigentliche Forschung zu diesem Thema betrieben, wir haben sie einfach ein wenig weitergeführt und den Schwerpunkt auf das Tessin gelegt. Andere Quellen sind, wie schon erwähnt, die mündlichen und direkten Aussagen von Personen, die Opfer von Missbrauch waren oder die von Missbrauchsfällen wussten, sowie von kirchlichen Behörden. Und dann haben wir auch einige Dokumente aus den öffentlich zugänglichen Diözesanarchiven und Zeitungsartikel gesichtet.

Wer hat mit Ihnen gesprochen? Und gab es Leute, die nichts sagen wollten?

Luvini: Wir haben mit einigen Missbrauchsopfern gesprochen, mit vielen Bürgerinnen und Bürger, die über die Fakten Bescheid wissen, mit Opferhilfevereinen, mit Alain de Raemy, dem Apostolischen Administrator des Bistums Lugano, und weiteren Vertretern der Kirche.

«Leider Pier Giacomo Grampa die Einladung abgelehnt, zu ihm bekannten Missbrauchsfällen der Vergangenheit Stellung zu beziehen.»

Einige Vertreter der katholischen Kirche wollten sich nicht äussern. Sie zeigten Zurückhaltung, weil sie eine Debatte nicht anheizen wollten, die sie für übertrieben hielten. Vor allem aber bedaure ich, dass es mir nicht gelungen ist, den emeritierten Bischof von Lugano, Pier Giacomo Grampa, davon zu überzeugen, zu sprechen und auf Fragen zu antworten, die ihn persönlich betreffen. Leider hat er die Einladung abgelehnt, zu ihm bekannten Missbrauchsfällen der Vergangenheit Stellung zu beziehen.

Gab es Leute, die sich nur anonym äussern wollten?

Luvini: Ja, alle Missbrauchsopfer. Zu gross ist noch das Schamgefühl, das sie empfinden, manche haben es nicht einmal ihren Familien oder engen Bekannten erzählt.

Offenbar haben Sie neue Missbrauchsfälle aufgedeckt. Handelt es sich bei den Betroffenen um Menschen, die bislang keine Strafanzeige eingereicht haben oder sich bislang nicht bei einer Meldestelle für Opfer gemeldet haben?

Luvini: Die neuen Fälle, über die wir in der Dok-Sendung berichten, stammen aus den 1960er- und späten 1970er-Jahren. Keiner von ihnen war Gegenstand einer Strafanzeige. Eines der Opfer wandte sich vor einigen Jahren an die Diözesankommission und erhielt später eine Entschädigung, während die anderen zum ersten Mal über die erlittenen Übergriffe sprechen. Zwei von ihnen sind sogar befreundet und in derselben Gemeinde aufgewachsen. Sie haben nun herausgefunden, dass sie von demselben Priester missbraucht wurden.

«Es gibt drei Fälle, über die wir in der Sendung berichten und wo die Betroffenen ihre Geschichte erzählen.»

Um wie viele Fälle geht es?

Luvini: Es gibt drei Fälle, über die wir in der Sendung berichten und wo die Betroffenen ihre Geschichte erzählen. Wir haben aber auch mit mehreren anderen Personen gesprochen, die sich uns anvertraut haben, die aber nicht im Fernsehen erscheinen wollten. Generell können wir aber bestätigen, dass auch im Tessin seit der Veröffentlichung des historischen Berichts die Zahl der Meldungen deutlich zugenommen hat, wenn auch noch nicht so stark wie in der übrigen Schweiz.

«In jüngerer Zeit hat man den Eindruck, dass auch in der Diözese Lugano ein Paradigmenwechsel stattfindet.»

Welchen Eindruck haben Sie – durch Ihre Arbeit für die Sendung – vom Umgang der katholischen Kirche im Tessin mit Missbrauch gewonnen?

Luvini: Mit Blick auf die Vergangenheit kann man, glaube ich, sagen, dass die Diözese Lugano im Vergleich zur übrigen Schweiz und zur Welt keine Ausnahme bildet: Missbrauchsfälle wurden bagatellisiert und vertuscht, schuldige Priester wurden versetzt. Und dieses Vertuschungssystem konnten wir auch in unserem Dokumentarfilm aufzeigen. In jüngerer Zeit hat man den Eindruck, dass auch in der Diözese Lugano ein Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Missbrauchsskandal stattfindet, allerdings ein langsamer und vorsichtiger Prozess.

Woran machen Sie das fest?

Luvini: Ich nenne einige Beispiele, die das vermuten lassen: Das Tessin hat als letztes Bistum der Schweiz 2009 eine Diözesankommission eingeführt, an die sich Missbrauchsopfer wenden können. Aber dort meldete sich bis 2016 kein einziges Opfer. Denn erst in diesem Jahr machte die Kommission in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Dies könnte zum Teil die geringe Zahl von Meldungen erklären.

Hinzu kommt, dass es in der italienischen Schweiz bis heute keine unabhängige und neutrale Anlaufstelle gibt. Aus der Romandie und der Deutschschweiz wissen wir, dass durch sie viele Opfer erreicht werden konnten. Was die Prävention betrifft, so wurde vor einigen Jahren ein wichtiger Schritt getan, indem alle Priester eingeladen wurden, einen Kurs zur Missbrauchsprävention zu besuchen. Heute wird dieser Kurs nicht mehr besucht. Ein Verhaltenskodex für kirchliche Mitarbeiter wurde nicht erstellt.

«Einer unserer Gesprächspartner sagte uns einmal: ‘Lugano ist zu nahe an Rom’.»

Kurzum, man hat den Eindruck, dass eine gewisse abwartende Haltung vorherrscht, was aber auch verständlich ist, wenn man bedenkt, dass Regelungen auf nationaler Ebene gefunden werden sollen. Einer unserer Gesprächspartner sagte uns einmal: «Lugano ist zu nahe an Rom», und vielleicht ist da etwas dran, und es hat mit Kultur und Mentalität zu tun.

Letzte Woche hat die katholische Kirche der Schweiz einen Zwischenbericht zur Umsetzung neuer Massnahmen gegen Missbrauch vorgestellt. Darin wird das Tessin nicht erwähnt. Man bekommt den Eindruck, dass das Bistum Lugano bei den Massnahmen nicht so stark mitmacht. Zur Professionalisierung des HR-Bereichs hat die Kirche zum Beispiel für die West- und die Deutschschweiz je eine Arbeitsgruppe eingesetzt, nicht aber für das Tessin. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Luvini: Ich habe keine Erklärung dafür, ausser dass das Bistum Lugano vermutlich mit einem seiner Vertreter in eine der beiden Arbeitsgruppen integriert sein wird – wie dies in allen Bereichen der Schweizer Gesellschaft und in allen nationalen Versammlungen der Fall ist. Aber ich habe keine Anhaltspunkte dafür, dass die Diözese Lugano bei den Massnahmen nicht mitmacht. Nach dem, was ich gehört habe, ist sie nicht mehr und nicht weniger beteiligt als die anderen Bistümer.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

*Francesca Luvini (55) arbeitet als Journalistin beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI).

Die Sendung «Falò» wird am Donnerstagabend auf RSI1 ausgestrahlt. Sie beginnt um 21.10 Uhr und dauert 85 Minuten.


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