Die Aussage von Papst Franziskus zur «Schwuchtelei in den Seminaren» sorgt für Empörung. Der Walliser Priester und Homosexuellen-Kenner Joël Pralong ruft dazu auf, dem nicht zu viel Bedeutung beizumessen. Papst Franziskus vertrete seit Beginn seines Pontifikats eine andere Haltung.
Lucienne Bittar, cath.ch / Adapt. Regula Pfeifer
«Es gibt bereits zu viel Schwuchtelei in den Seminaren.» Diese Aussage von Papst Franziskus am 20. Mai vor italienischen Bischöfen sorgt für Empörung. Zwar entschuldigte sich Papst Franziskus kurz darauf, er habe «nie die Absicht, jemanden zu beleidigen oder sich in homophoben Begriffen auszudrücken», wie der Vatikan am 28. Mai mitteilte.
Der ehemalige Leiter des Priesterseminars Sitten, Joël Pralong, ordnet gegenüber cath.ch die Papstworte ein. Er hat mehrere Bücher zum Thema Homosexualität und Kirche geschrieben, darunter «Homo, trans et Dieu les bénit!» (Verlag St-Augustin, 2024).
«Das ist typisch Bergoglio, und er hat auch das Recht so zu sein.»
Wie haben Sie persönlich diese Nachricht aufgenommen?
Joël Pralong: Zuerst lachend, dann ruhig. Das ist typisch Bergoglio, und er hat auch das Recht so zu sein. Man darf nicht vergessen, dass diese Worte in einem informellen Gespräch gefallen sind, das nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Es sind die Worte eines impulsiven Mannes, der manchmal sich selbst zu widersprechen scheint. Ausserdem hat sich der Papst am nächsten Tag dafür entschuldigt.
Ich bezweifle daher, dass dies seine tiefste Überzeugung war. Seine Überzeugung bezeugt das Papstschreiben «Fiducia supplicans», das hier absolut nicht in Frage gestellt wird, da das Dokument vom Papst unterzeichnet wurde. Diese ethische Linie ist wichtig. Diese vertritt Papst Franziskus seit elf Jahren, als er sagte: «Wenn jemand schwul ist und den Herrn mit gutem Willen sucht, wer bin ich, ihn zu verurteilen?»
Die Diskussion soll sich um die Reform einer 2005 von Benedikt XVI. erlassenen Norm gedreht haben, die sexuell aktive Homosexuelle von Seminaren ausschliesst, aber auch Männer mit «homosexuellen Neigungen» oder Befürworter der «Schwulenkultur». Ist Franziskus mit seinen Äusserungen vom 20. Mai plötzlich mit Benedikt XVI. gleichgezogen?
Pralong: Wie gesagt, ich denke, dass Impulsivität das Denken überholen kann. In diesem Zitat des Papstes geht es nicht um praktizierende oder nicht praktizierende Homosexuelle. Man kann ihn nicht sagen lassen, was er nicht sagt. Mir scheint, dass der Papst damit zum Ausdruck bringen wollte, dass er gegen die Aufnahme von offen schwulen Personen ins Priesterseminar ist, unabhängig davon, ob sie ihre Sexualität praktizieren oder nicht. Der Begriff schwul ist einer quasi-politischen Bewegung, einer Lobby, zuzuordnen. Und was ich verstehe, ist, dass es in Italien offen schwule Menschen in Priesterseminaren gibt, die Aktivisten für diese Sache sind.
«Man kann niemanden in ein Seminar aufnehmen, der sich als Aktivist der schwulen Sache vorstellt.»
Man kann niemanden in ein Seminar aufnehmen, der sich als Aktivist der schwulen Sache vorstellt oder in einer Paarbeziehung engagiert bleiben möchte. Wenn ein junger Mensch in ein Priesterseminar eintritt, egal ob homosexuell oder heterosexuell, geht es um seine Reife und nicht um seine sexuelle Orientierung. Von ihm wird verlangt, dass er sich zu einem Leben der Hingabe und der Keuschheit verpflichtet, zumindest bei uns.
Bischof Charles Morerod sagt genau das in seinem Interview-Buch mit der Journalistin Camille Krafft «Tu n’abuseras point» (Slatkine 2024). Keuschheit bedeutet, den anderen mit einem Blick zu betrachten, der weder einer Art Verführung noch Verschmelzung entspricht.
Die Aussage wird auch so interpretiert, dass der Papst keine Homosexuellen mehr in den Seminaren haben möchte, weil homosexuelle Priester zwangsläufig in Versuchung geraten würden, ein Doppelleben zu führen. Was meinen Sie dazu?
Pralong: Ich bezweifle, dass der Papst so denkt! Denn dann müsste er eine grosse Anzahl von Priestern in allen Ländern der Welt auffordern, das Priesteramt aufzugeben. Ich kann keine Statistiken vorlegen, aber es gibt genügend Schriften darüber.
«80 Prozent der Seminaristen stellen dem Psychologen Fragen zur Homosexualität.»
Als ehemaliger Leiter des Priesterseminars von Sitten in Freiburg lud ich einen christlichen Psychologen zu einem Kurs über Gefühle und Sexualität ein. Er erzählte mir, dass, wenn er diesen Kurs in Frankreich hält, 80 Prozent der Seminaristen ihm Fragen zur Homosexualität stellen. Das zeigt, dass dieses Thema Fragen aufwirft. Wir dürfen uns nicht länger etwas vormachen. Ich stütze mich bei dieser Aussage auch auf meine eigene Erfahrung, da ich das Thema in mehr als 20 Diözesen in der Schweiz, in Frankreich und in Brasilien, im Rahmen der Familienpastoral untersucht habe.
«Der Verzicht auf sexuelle Aktivitäten ist ein Opfer.»
Zum zweiten Teil Ihrer Frage würde ich sagen, dass hetero- oder homosexuelle Priester in Bezug auf die sexuelle Enthaltsamkeit vor denselben Entscheidungen und Schwierigkeiten stehen. Der Verzicht auf sexuelle Aktivitäten ist ein Opfer, und diese Entscheidung ist ein ziemlicher Kampf! Aber sie ist auch von unerhörten spirituellen Freuden begleitet.
Was jedoch bei Priestern oder Priesteramtskandidaten mit homosexueller Orientierung zu Problemen führen kann, ist die Geheimhaltung oder gar Verdrängung. Dies kann dazu führen, dass sie inkohärente und skandalöse Haltungen einnehmen.
«Geheimhaltung führt sehr oft zu einer Haltung von Machtmissbrauch und Dominanz.»
Besteht nicht die Gefahr, dass die Papstaussage über «Schwuchtelei» zu noch mehr Verdrängung führt?
Pralong: Ja, und deshalb muss man diese Äusserungen richtig einordnen, um die Schuldgefühle der Betroffenen nicht noch zu vergrössern. Das Schlimmste ist nicht die homosexuelle Orientierung, sondern die Verdrängung. Denn die Geheimhaltung führt sehr oft zu einer Haltung von Machtmissbrauch und Dominanz, zum Wunsch, den anderen zu besitzen. Die Verdrängung führt vom Ideal der Keuschheit weg.
«Sich auf perfektionistische liturgische Formen zu konzentrieren, kann zu einer Flucht werden.»
Eine weitere mögliche Fehlentwicklung ist das, was ich als Liturgismus bezeichne. Die Liturgie ist ein Raum, der als Ort der Vollkommenheit, der Reinigung erlebt wird, im Unterschied zum Leben, das nicht mit dem Ideal übereinstimmt. Es ist der Ort, an dem man vollkommen ist. Das ist nicht unbedeutend. Sich auf perfektionistische liturgische Formen zu konzentrieren, kann zu einer Flucht werden.
Ich betone daher: Um Tabus zu brechen, muss man über sie sprechen, nicht in Form von Drohungen und Verboten, sondern voller Menschlichkeit. So wie es der Papst seit zehn Jahren tut. Und es ist diese Orientierung, die wir von ihm in Erinnerung behalten sollten, nicht diesen unglücklichen Satz.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant