Cornel Dora: «Der Skelettfund ist ein Puzzlestein zum besseren Verständnis der St. Galler Geschichte»

In St. Gallen sind beim Bau eines Fernwärmenetzes mehrere Skelette aus dem Frühmittelalter entdeckt worden. Cornel Dora, Stiftsbibliothekar, freut sich über den Fund. Dieser könne dazu beitragen, das «weitgehend falsche» Bild von Gallus als Einsiedler zu revidieren. Gallus gilt als Gründer des Klosters St. Gallen.

Regula Pfeifer

Wie haben Sie reagiert, als Sie hörten, dass die Skelette aus dem Frühmittelalter, dem 7. bis 9. Jahrhundert, stammen?

Cornel Dora*: Ich habe mich sehr gefreut. Wir haben in St. Gallen eine einzigartig reiche Situation bei den Schriftquellen, aber vergleichsweise wenig archäologische Funde. Die Funde aus den Ausgrabungen bestätigen aber interessanterweise oft, was uns vor allem die ältesten Erzählungen berichten. Sie sind allerdings noch lückenhaft. Alles, was dazukommt, hilft uns, die Geschichte unserer Stadt besser zu verstehen. Die Archäologinnen und Archäologen leisten einen wichtigen Beitrag dazu.

«Das alte Bild von Gallus als Einsiedler sitzt immer noch hartnäckig in vielen Köpfen.»

Laut Kantonsarchäologie handelt es sich bei zwei Skeletten um erwachsene Männer. Könnte es sich dabei um Mönche des Klosters St. Gallen handeln?

Dora: Das ist nicht ausgeschlossen, muss aber nicht sein. Es gab bereits seit dem 7. Jahrhundert neben dem Kloster weltliche Bewohner in der Gallussiedlung. Vielleicht lassen die Details der Untersuchungen Rückschlüsse zu. Grundsätzlich ist die Situation etwas anders je nachdem, ob die Skelette ins 7. oder 9. Jahrhundert gehören. Das ist aufgrund der ersten Berichte nicht klar.

Falls es Mönche wären, würden Sie sich dafür einsetzen, dass die Knochen der Stiftsbibliothek für die Dauerausstellung zur Verfügung gestellt werden?

Dora: Nein, das steht eher nicht im Vordergrund. Ausgrabungen gehören der kantonalen Archäologie, die ja die Arbeit macht. Und diese arbeitet primär mit dem Kulturmuseum zusammen, das eine archäologische Abteilung unterhält. Solche Dinge müssen gut geplant werden und Sinn machen. Dabei muss Sorgfalt walten, zumal es sich um sterbliche Überreste von Menschen handelt und Aspekte der Pietät eine Rolle spielen. Es wäre allerdings falsch, deswegen menschliche Überreste gar nicht mehr zu zeigen. Der Tod gehört zum Leben.

Welche neuen Erkenntnisse erhoffen Sie sich durch den Fund für die Klostergeschichte?

Dora: Im Rahmen der Ausgrabungen rund ums Kloster kamen vor etwas mehr als zehn Jahren tolle Befunde ans Licht. Sie belegen, dass Gallus wohl nur am Anfang ein Einsiedler war. Schon bald sammelte er eine Mönchsschar um sich, gründete also ein erstes Kloster, das schon früh mindestens regionale Bedeutung erlangte.

Genau das erzählen uns auch die ältesten schriftlichen Quellen. Das alte Bild von Gallus als Einsiedler ist deshalb weitgehend falsch, sitzt aber immer noch hartnäckig in vielen Köpfen. Die Funde am Marktplatz sind ein Puzzlestein an einer anderen Ecke. Sie gehören aber zum gleichen Bild und helfen, alles besser zu verstehen.

*Der Historiker und Anglist Cornel Dora leitet die Stiftsbibliothek St. Gallen. Das Interview wurde schriftlich geführt.


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