Angeblicher Kardinalsbrief übt scharfe Kritik am Papst

Ist ein Papst krank, läuten Kritiker nicht selten voreilig das nächste Konklave ein. Auch Franziskus ist immer wieder betroffen – aktuell durch den Brief eines anonymen Verfassers.

Scharfe Kritik und Vorgaben für die nächste Papstwahl: In einem anonym verfassten Schreiben wendet sich ein angeblicher Kardinal gegen das amtierende katholische Kirchenoberhaupt Franziskus.

Rechtskonservativer Angriff

Am Donnerstag veröffentlichte das rechtskonservative Portal «La Nuova Bussola Quotidiana» den Text auf sechs Sprachen, darunter auch Deutsch. Der Zeitpunkt des Erscheinens fällt mit erneuten gesundheitlichen Problemen des Papstes zusammen. Seit Samstag zeigt er Symptome einer leichten Grippe.

Unterzeichnet ist das Dokument mit dem Titel «Der Vatikan von morgen» mit «Demos II». Unter dem Pseudonym «Demos» hatte der Anfang 2023 verstorbene australische Kardinal George Pell vor rund zwei Jahren ein ähnliches Memorandum verfasst. Seine Autorenschaft wurde erst posthum bekannt. Weil sich die Zustände in der Kirche seit Erscheinen von Pells Text nicht wesentlich verändert, geschweige denn verbessert hätten, baue das aktuelle Schreiben auf ihn auf, so die Einleitung.

Seine Anonymität begründet der Verfasser mit dem Satz: «Offenheit ist nicht erwünscht, und ihre Folgen können unerfreulich sein.»

Vorwurf «autokratischer Regierungsstil»

Der Autor wirft Franziskus einen «autokratischen, zuweilen scheinbar nachtragend wirkenden Regierungsstil» vor, «eine Nachlässigkeit in Fragen des Rechtes, eine Intoleranz selbst gegenüber respektvoll geäusserten Differenzen» sowie «ein Muster der Mehrdeutigkeit in Fragen des Glaubens und der Moral».

Weitere Kritikpunkte sind seine Nähe zum Jesuitenorden, jüngste Veröffentlichungen des vatikanischen Chefdogmatikers Kardinal Victor Fernandez und «das Entstehen einer kleinen Oligarchie von Vertrauten mit übermässigem Einfluss innerhalb des Vatikans». Als Stärken des Pontifikats nennt das Schreiben etwa Franziskus’ Einsatz für Arme und Schwache sowie für die Umwelt.

Vision: unveränderte Lehre der Kirche

Eine sieben Punkte umfassende Aufzählung gibt überdies wieder, wie sich der Verfasser ein künftiges Pontifikat vorstellt. Ein neuer Papst dürfe etwa kein «Alleinherrscher» sein, müsse sich von seinem Kardinalskollegium beraten lassen. Zudem könne und dürfe er die Lehre der Kirche und ihre Ordnung nicht verändern oder beliebig neu erfinden. Mehrdeutigkeit in der Lehre gelte es zu vermeiden, ebenso wie eine Missachtung des Kirchenrechts.

Nach Angaben des Internetportals soll ein Kardinal Hauptautor des Textes sein, der zuvor Vorschläge anderer Kardinäle und Bischöfe zusammengetragen habe. Das Schreiben bereits mehrfach über Soziale Medien verbreitet hat etwa der bekannte Papstkritiker und frühere Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen. Der Vatikan äusserte sich zunächst nicht zu dem Brief. (cic)


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