Kirchenaustritte auf Rekordhoch: Deswegen sind die Menschen gegangen

2023 sind so viele Menschen aus der katholischen Kirche im Kanton Zürich ausgetreten wie nie zuvor. Die Beweggründe dazu sind vielschichtig. Kath.ch hat mit Betroffenen gesprochen und gelernt: Der Schritt fiel ihnen schwer und hatte nichts mit Steuern sparen zu tun.

Magdalena Thiele

Entfremdung passiert meist schleichend. Sie bleibt lange nur ein flaues Gefühl. Aber irgendwann ist der Moment erreicht, an dem alles zerbricht, an dem es nicht weitergeht. 13’900 Menschen im Kanton Zürich kamen im letzten Jahr an diesen Moment. Sie brachen im vergangenen Jahr mit der Katholischen Kirche und stellten einen neuen Austrittsrekord auf. Anlass für viele war die Veröffentlichung der Pilotstudie zum Missbrauch. Rund zwei Drittel der Austritte erfolgten nach dem 12. September. Oft liegen die Gründe für den Kirchenaustritt aber tiefer.

Eltern in Erklärungsnot

«Das war kein einfacher Schritt für mich», sagt Monika Odermatt. Die 63-jährige betont, sie habe Gott nicht verloren. Doch die Institution Kirche liesse sich nicht mehr vereinbaren mit Gradlinigkeit und Fairness – Werte, welche ihr durch ihre Eltern vermittelt wurden.

Die Entfremdung hatte schon viel früher begonnen. Der katholische Priester ihrer Heimatgemeinde verweigerte ihr den Brautsegen, weil ihr Ehemann reformiert ist. Der als streng konservativ geltende Bischof Wolfgang Haas war später der Grund, ihre Töchter zum reformierten Religionsunterricht anzumelden: «Wie sollte ich meinen Kindern erklären, dass Frauen nicht gleichgestellt sind?»

Als das ganze Ausmass des Missbrauchs ans Licht kam, war es zu viel für die gläubige Katholikin. «Ich hatte lange Hoffnung, dass sich in der Kirche etwas ändert. Aber jetzt ist ein Punkt erreicht, an dem ich diese aus der Zeit gefallene Sexualmoral und dieses Schweigen nicht mehr mittragen kann», sagt Monika Odermatt sichtlich bewegt.

Das Gefühl des Nichtdazugehörens

Ähnliches berichtet Thomas Hiltbrunner. Etwa zehn Jahre lang besuchte er in Horgen regelmässig den Gottesdienst, obwohl er schon 2009 aus der Kirche ausgetreten war. «Ich habe die Kommunion empfangen mit dem Gedanken, dass ich das eigentlich nicht mehr dürfe. Das war kein schönes Gefühl», erinnert sich der 48-Jährige.

Thomas Hiltbrunner wuchs in einer katholischen Diasporagemeinde auf. Das sei eine lebendige Gemeinschaft gewesen, erzählt er. Im Alter von 20 Jahren begleitete er das erste Mal einen Firmkurs – eine Aufgabe, die ihm sehr am Herzen lag. Bis zu seinem Outing als Homosexueller fühlte er sich zuhause. «Unser damaliger Vikar machte mir sehr deutlich, dass ich so nicht dazu gehöre», sagt Hiltbrunner traurig.

Dieses Gefühl des Dazugehörens hat er jetzt, nach 15 Jahren des Haderns, in einer christkatholischen Gemeinde gefunden. Lange hatte er überlegt, wieder in die katholische Kirche einzutreten, um sich an der Basis zu engagieren. «Aber ich hatte einfach nicht die Kraft dazu, mich gegen die starren Strukturen aufzulehnen. Pflichtzölibat, Sexualmoral, Frauenordination – irgendwann wurde mir bewusst, dass sich daran nichts ändern wird.»

Der Missbrauchsskandal sei für ihn allerdings kein Grund zum Austreten. «Das ist der einzige Punkt, an dem jetzt wirklich etwas getan wird», erklärt er seine Haltung. In puncto Homosexualität sehe er das leider nicht, auch nicht nach 15 Jahren. 

Enttäuschung über anhaltenden Reformstau

Und doch bleibt 2023 der Missbrauchsskandal als häufigste Motivation für den endgültigen Austritt. So beschreiben es die Zahlen, die die Kantonalkirche herausgegeben hat. Und so bestätigt es auch eine Umfrage in der Pfarrei St. Konrad in Albisrieden.

Allerdings bestätigt die Umfrage auch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren: So geben neben 51 Personen, die 2023 den Missbrauchsskandal als Austrittsgrund nannten, auch 48 die Unzufriedenheit mit den Strukturen der katholischen Kirche (unter anderem den Zölibat und Männerhierarchie) als Grund an. 35 nennen den Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität.

«Die Kirchenaustritte spiegeln eine Entfremdung zwischen der Kirche und der Bevölkerung wider.»

Raphael Meyer, Präsident des Synodalrates

Diese Entwicklung sieht auch Zürichs Kantonalkirchenchef Raphael Meyer mit Sorge. «Die Kirchenaustritte spiegeln eine Entfremdung zwischen der Kirche und der Bevölkerung wider», sagt Meyer, der seit über acht Jahren im Synodalrat an der Kirchenzukunft mitarbeitet. Die Missbrauchs- und Vertuschungsskandale haben diesen Effekt noch massiv verstärkt. Besonders traurig mache ihn, dass viele Frauen – enttäuscht über den anhaltenden Reformstau – die Kirche verlassen haben.»

Rufen nach Rom und Antworten aus Chur

Meyer sieht Rom jetzt in der Pflicht. «Wir als Kirche müssen für Transparenz sorgen und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Zudem hoffe ich, dass die Weltsynode im Herbst wirksame Massnahmen gegen den Kirchenexodus in Europa bringen wird.» In Zürich hofft man also auf die Weltsynode und blendet dabei scheinbar aus, dass diese keine Massnahmen beschliessen kann.

Und aus Chur? Bischof Joseph Maria Bonnemain wird nicht müde, sein Bemühen um eine synodale Kirche zu betonen. Gerade heute gelte es, «mit vereinten Kräften eine Transformation der Kirche» zu wagen, appelliert der Hirte an seine verbliebenen Schäfchen. Jeder, der jetzt austrete, schwäche die gemeinsame Kraftanstrengung.

Sein ganz persönlicher Grund, in der Kirche zu bleiben, sei die Beziehung zu Gott. «ER möchte diese Kirche in der Welt, heute und auch morgen noch. ER liebt alle, ausnahmslos, und wird keinen von uns enttäuschen oder im Stich lassen», sagt Bonnemain jedem, der zweifelt.

Kirchensteuer gerne, aber auf Umwegen

Gott treu geblieben, das sind auch Monika Odermatt und Thomas Hiltbrunner. Und der katholischen Kirche? Sie könne sich vorstellen, wieder einzutreten, wenn die Kirche glaubhaft Reformen auf den Weg bringen würde, sagt Monika Odermatt. Am Geld liege es jedenfalls bei ihr nicht.

Ihre Kirchensteuer, die jetzt nicht mehr fällig wird, werde sie anderen karitativen Zwecken spenden. «Ich hätte ein sehr schlechtes Gewissen, würde ich das Geld für mich behalten.»

Thomas Hiltbrunner wird in der christkatholischen Gemeinde, der er seit Kurzem angehört, sogar mehr Kirchensteuer zahlen, als er dies in der römisch-katholischen Schwesterkirche getan hat. Und so ganz habe er mit den Zuwendungen nie aufgehört. «Es ist zwar kein eigentlicher Ersatz, aber immerhin habe ich in der Messe jeweils besonders viel in die Kollekte gegeben», erinnert er sich. Für die Menschen gibt viele Gründe aus der Kirche auszutreten, Geld scheint keiner zu sein.


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