Erneut hat der Vatikan Bedenken gegenüber dem Reformprojekt der Kirche in Deutschland geäussert. Daniel Kosch hat den Eindruck, Rom sei nicht bereit, die «synodalen Prinzipien des aufrichtigen Zuhörens» selbst ernst zu nehmen. Er fragt in seinem Gastkommentar: «Wäre es nicht höchste Zeit für ein offenes Eingeständnis der Tatsache, dass ein Kirchenrecht, das solche Vorgänge ermöglicht, dringend reformbedürftig ist?»
Daniel Kosch*
Die erneute römische Intervention in Form eines Briefes zum Synodalen Ausschuss unmittelbar vor der Versammlung der deutschen Bischöfe hat bei mir den Endruck hinterlassen, dass Rom nicht bereit ist, die synodalen Prinzipien des aufrichtigen Zuhörens und des Voneinander-Lernens selbst ernst zu nehmen. Vielmehr wurden die eigene Macht hart durchgesetzt, die Verletzung und Enttäuschung vieler Engagierter bewusst in Kauf genommen und die Gesetze des Respekts und Anstandes gegenüber den «Mitbrüdern im Bischofsamt», deren Autorität man zu schützen vorgibt, mit Füssen getreten.
Zugleich ist mir gerade angesichts dieser wiederholten anti-synodalen römischen Interventionen die wiederholte Betonung des Willens, die Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Weges im Rahmen des geltenden Rechts umzusetzen, fragwürdig geworden. Ich frage mich – allerdings aus der bequemen Beobachter-Perspektive: Wäre es nicht höchste Zeit für ein offenes Eingeständnis der Tatsache, dass ein Kirchenrecht, das solche Vorgänge ermöglicht, dringend reformbedürftig ist?
Müsste die Position der Reformkräfte in der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) nicht eher wie folgt lauten: «Natürlich respektieren wir das geltende Recht. Aber wir plädieren für baldige Reformen, die den Zentralismus zurückbauen, die Freiheit der Ortskirchen stärken, der Diskriminierung ein Ende setzen, Gewaltenteilung und verlässliche Rechtswege vorsehen und die Gültigkeit hierarchischer Entscheidungen davon abhängig machen, dass die Betroffenen einbezogen waren und an den Entscheidungen mitwirken konnten».
«Wenn die Blockade dazu führt, dass diese Themen nun «auf den Tisch kommen», könnte sie sich als Chance erweisen.»
In der Tat würde all dies die Autorität des bischöflichen Amtes stärken, wie es Bischof Georg Bätzing und Thomas Söding immer wieder sagen. Zugleich würde die bisher monarchische Macht jedoch eingeschränkt, und es würde offen eingestanden (und nicht länger verschleiert), dass das geltende Recht und die bestehenden Strukturen für eine synodale Kirche angepasst werden müssen – was übrigens sowohl die Texte des Synodalen Weges wie auch der Weltsynode (letztere eher in Frageform) explizit festhalten.
Wenn die jetzt eingetretene Blockade dazu führt, dass diese Themen nun «auf den Tisch kommen», könnte sie sich als Chance erweisen. Das bedingt allerdings, dass Rom endlich zum Dialog mit DBK und Zentralkomitee der deutschen Katholiken bereit ist. Und dass die Exponentinnen und Exponenten des Synodalen Weges ihr Bekenntnis zum geltenden Recht um das Bekenntnis zu dessen Reformbedürftigkeit ergänzen.
Und das nicht nur verklausuliert, sondern in offener Auseinandersetzung, wie sie die Bibel zwischen den Aposteln Petrus und Paulus in Antiochien (Gal 2,11-21) bezeugt. Dieser harte Konflikt öffnete die Tür für die Evangelisierung der Völker und verhinderte, dass die Gemeinschaft derjenigen, die an den Messias Jesus glaubten, zur Sekte wurde.
«Nur was auf den Tisch kommt, kann verwandelt werden.»
Eine offene, redliche und lösungsorientierte Auseinandersetzung mit den kirchenrechtlichen und strukturellen Implikationen echter Synodalität könnte auch heute dazu beitragen, dass der sehnlichste Wunsch des Papstes, der Synodale Weg möge die Evangelisierung ins Zentrum stellen, Wirklichkeit wird. So könnte sein Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland von 2019 doch noch die erwünschte Wirkung haben.
Wie gesagt: Ob das mehr als Wunschdenken ist, hängt vom Mut ab, sich gemeinsam an den Tisch zu setzen und die Themen auf den Tisch zu legen, gemäss dem eucharistischen Prinzip «Nur was auf den Tisch kommt, kann verwandelt werden».
* Daniel Kosch, ehemaliger Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), ist promovierter Neutestamentler. Er nimmt als Schweizer Beobachter am Synodalen Weg in Deutschland teil.
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