Alice im Wunderland ist vielen bekannt. Radioprediger Philipp Roth führt in seiner ersten Radiopredigt zu «Johannes im Wunderland». Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, die Malerei von Caspar Friedrich David und die Basler Fasnacht haben eines gemeinsam, sie lassen uns nach oben fallen.
Philipp Roth*
«Der Wanderer über dem Nebelmeer»: So heisst das Bild. Ein Mann steht auf einer Felsspitze mit dem Rücken zu uns. Unten wabert der Nebel, ja, ringsum brodelt eine regelrechte «Wolkenwaschküche». Der Mann stützt sich auf einen Stock und steht einen Moment über allem. Caspar David Friedrich heisst der Maler. Er feiert in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag. Caspar David Friedrich war gern unter Menschen. Es heisst, in seinem Haus war ein Kommen und Gehen. Doch als mal ein Gast an der Tür läutete, öffnete seine Frau und sagte: Jetzt malt er gerade die Luft. Man darf ihn nicht stören, denn wissen Sie, Himmelmalen ist für ihn wie Gottesdienst. Vielleicht war er gerade am «Wanderer über dem Nebelmeer».
Das gefällt mir, liebe Hörerin, lieber Hörer. Der Maler in der Luft. Eine Abwesenheitsmeldung von oben sozusagen. Himmelmalen. Und plötzlich frage ich mich: Kann man eigentlich auch nach oben fallen? Kann man, statt in ein Loch hinein, ins Licht hinaufstürzen? Haben Sie einen solchen Ort, wohin Sie gehen können, wenn Sie mal etwas Abstand von der Welt brauchen? Ich erinnere mich an meinen alten Ort. Da war dieses grosse Scheunentor, von der Sonne verbrannt, vom Regen gewaschen. Die kleine Tür im Tor hatte einen eisernen Riegel. Ich brauchte beide Kinderhände zum Öffnen. Der grosse dämmrige Raum war wunderbar kühl und roch nach Erde, Holz, Staub und Metall. Mit jedem Schritt hinein hatte ich das Gefühl, aussen kleiner, dafür innen grösser zu werden. Das tat gut.
Diese Erinnerung kam mir in den letzten Wochen wieder. In einer Lesegruppe schlugen wir die hintersten Seiten der Bibel auf. Dort geht es so richtig apokalyptisch zu. Die Schrift heisst auch so. Apokalypse: Aufdeckung. Enthüllung. Nichts-weiter-vormachen. Johannes steckt fest. Alles wird immer chaotischer und schlimmer. Die Welt taumelt, als hätte sie einen Cocktail aus Hass, Bosheit und Gier getrunken. Er ist aufgewühlt und kommt gegen die grellen Bilder und gewaltigen Gefühle in sich kaum mehr an. «Das ist ja wie heute», sagte jemand im Lesekreis.
Aber dann hört Johannes eine Stimme. Komm hier herauf! (Off 4, 1) sagt sie. Und Johannes beginnt fantastisch zu träumen. Er fällt aus seiner Enge hinaus, ja hinauf – aus dem Hier und Jetzt in eine Anderswelt. Johannes im Wunderland sozusagen. Und in seinem Traum sieht er dort oben einen Thron. Und jemand, der darauf sitzt. Und in dessen Händen ein Buch mit sieben Siegeln. (Off 5, 1) Endlich Entlastung, Erlösung! denkt man mit ihm. Jemand mit Durchblick, der die ganze Sache entfaltet. Das Buch wird geöffnet, das Geheimnis gelüftet. Fenster auf in der Weltwaschküche! Ach, wer wünscht sich das nicht…
Letzte Woche war hier in Basel Fasnacht. «Die drey scheenste Dääg», wie man sagt. TimeOut. Für kurze Zeit fällt man aus allem heraus. Man tritt aus dem Grau ins Bunte. Statt Alltagskleider ein grelles Kostüm, statt Routinemaske eine freche Larve, statt Regen Räppli. Noch vor Tagesanbruch der Sprung in ein anderes Leben. Morgestraich. Die Welt wird neu sortiert. Wie von aussen betrachtet. Die Fasnacht ist nicht lustig. Sie macht ernst – aus ganz anderer Sicht.
In meiner Scheune herrschte immer Dämmerung und gleichbleibende Ruhe. Die erste Leiter führte auf die Heubühne. Ein paar Strohballen, ein Holzschlitten und ein rostiger Pflug erzählten von alter Zeit. Und die zweite Leiter führte dem senkrechten Balken entlang bis unter das Dach. Ich drückte mich an die Holmen und schaute nur nach oben. Gleich unter dem Dach lag noch ein letzter Bretterboden. Durch ein paar Glasziegel fiel etwas Licht in die Scheune und auf einen Stapel leerer Kartoffelsäcke. Oben angekommen liess ich mich darauf fallen, schloss die Augen und atmete durch. Endlich! Da bin ich!
Mein Versteck unter dem Himmel. In der Welt – über der Welt – aus der Welt. Nichts erklären, nichts verstehen, einfach sein. Ich drehe allem den Rücken zu.
Und in mir durfte sich lösen, was sich lösen musste. Schimpfen, Schämen, Schluchzen, Staunen, Lachen, Lästern. Eine Art Ausfliessen nach oben. Ich hätte das damals nicht Gebet genannt. Heute würde ich das. Seelenseufzen. Friedensforschen. Himmelmalen. Und wenn ich dann die Augen wieder öffnete, war da oft gleich über mir, nur eine Armlänge entfernt, eine grosse Spinne. Still und stetig arbeitete sie an ihrem Netz. Ich konnte ihr ewig zuschauen. Die reine Vollkommenheit war das. Es ist doch alles gut.
Gestern jährte sich der Überfall auf die Ukraine zum zweiten Mal. Eine politische Katastrophe und eine menschliche Katastrophe, die sich seither in unzähligen persönlichen Dramen niederschlägt, bis zu uns. In der Stadt fand ein besonderes Friedensgebet statt. Man braucht einen Ort für das, was man nicht versteht. Ich weiss noch, damals gab es Momente, da hätte ich weinen können, mitten am Tag, auf dem Velo unterwegs. Dieses Gefühl, dass die Maske der Welt fällt, dass an den Tag kommt, was man immer schon fürchtete. Aufdeckung, Enthüllung, Nichts-mehr-vormachen…Ist es das nun, was bleibt? Wie lebe ich damit? Wohin gehe ich damit?
Nach der Fasnacht stehen wir nun in der Passionszeit oder Fastenzeit. Das ist für mich die Zeit, in der gerade auch das Weinen seinen Platz hat. Und vielleicht braucht es das in diesem Jahr besonders. Komm hier herauf! Johannes, der apokalyptische Mensch am Ende der Bibel, ist nun in seinem Traum ganz oben, in diesem himmlischen Thronsaal. Seine Lebensgeister erwachen. Er hält die Sehnsucht kaum aus. ,Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und die Siegel aufzubrechen?› donnert die Stimme eines Engels durch seinen Traum (Off 5,2). Jetzt! Gleich wird alles klar! Doch dann kommt dieser Moment, so intim und wuchtig, dass er mich beim Lesen trifft, als wäre ich selbst dort: Es kommt keine Antwort dort oben, im Traum. Es bleibt alles still.
In diesem Augenblick ist niemand da, der das Buch öffnen kann. Das Geheimnis bleibt zu.
Es gibt kein abgehobenes, übergeordnetes Verstehen für den kleinen Menschen von unten. Johannes verschlägt es den Atem. Diese Ohnmacht, Ratslosigkeit. Niemand ändert was. Und da schreibt er: Und ich weinte sehr (Off 5,4). Und das berührt mich mehr als alles andere auf diesen letzten Seiten der Bibel. Mehr als alle extrovertierten apokalyptischen Reiter, Erzengel und Drachen. Der Mensch von unten – oben in Tränen.
Und ich denke an mein Versteck, dort, unter dem Scheunendach. Und an die Momente damals, vor zwei Jahren, als dieses grosse Weinen in die Welt kam. .
Und an die Tränen, die heute geweint werden, ja, geweint werden müssen, weil man hofft und es ändert sich nichts. Manchmal braucht man einfach Luft; muss raus, Abstand gewinnen, rauf in eine andere Dimension. Und dann braucht es zuerst mal einfach das: Einen Raum zum Wüten, Weinen, Wachen, Werden. Dort oben ist manchmal genau der richtige Ort. Vieles verstehe ich nicht. Oft ist es zum Heulen. Dort, mir ganz nah, dem Himmel ganz nah, lasse ich los – und komme wieder zurecht.
Ich weiss, hinten in der Bibel, bei Johannes, geht das dann noch weiter. Schliesslich kommt eine andere Stimme und sagt: Weine nicht! Einer überwindet. Und ganz am Ende werden die Tränen abgewischt. Doch jetzt ist er, Johannes, und bin ich noch nicht dort. Jetzt ist Passionszeit. Zeit der Leidenschaft – für das Leben, die Schönheit, die Liebe, das Gute. Sie nimmt alles wahr, aber so richtig. Auch das Leiden. Und trägt es hinaus oder eben: hinauf. Betend – schweigend. Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken (Mt 11, 28) sagt der passionierte Jesus. Ich falle nach oben.
Ich weiss nicht, wie lange ich damals brauchte. Unter dem Scheunendach hatte die Zeit keine Zeiger. Irgendwann rief in weiter Ferne jemand zum Essen. Das meinte mich. Ich werde unten erwartet. Und ich schwang mich auf die Leiter und stieg zurück, den Blick weiterhin fest nach oben. Es war alles noch, wie es war. Auch ich. Und es war doch alles anders. Ich öffnete die Tür im Scheunentor und blinzelte ins Licht. Leben, da bin ich wieder.
Philipp Roth ist evangelisch-reformierter Pfarrer und arbeitet in Binningen, Bottmingen und Basel.
Bibelstelle: Off 4,1; 5, 1-4
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