Die Frage wie das Christsein sich im Alltag zeigt und noch vermehrt zeigen könnte, ist Thema der ersten Radiopredigt des römisch-katholischen Theologen Peter Zürn. Lesen und hören Sie, was ökologisch-katholisch, Verzicht auf Fleisch, der Prophet Jesaja und Mani Matter damit zu tun haben.
Peter Zürn*
Ich treffe mich mit dem Schulleiter der Oberstufe. Wir sitzen in seinem Büro zusammen. Wir wollen miteinander überlegen, wie die Kirche hier vor Ort die Schule unterstützen kann. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs überrascht er mich mit diesem Satz: «Ich nehme gar nicht wahr, welche Schülerinnen und Schüler christlich sind», sagt er. «Bei vielen muslimischen Jugendlichen ist es anders», fügt er an. Sie essen kein Schweinefleisch. Sie fasten im Ramadan. Das merkt man im Schulalltag. Und dann fragt er: «Wie zeigt sich denn im Alltag, dass jemand Christ oder Christin ist oder in deinem Fall römisch-katholisch?»
Ich stottere etwas herum: Dass wir heute die Freiheit jedes Einzelnen in der Kirche achten. Dass unsere Kirche viel zu lange Menschen vorgeschrieben hat, wie sie sein sollen. Dass sich die Kirche zu sehr ins Private und Intime eingemischt hat und dabei Menschen verletzt hat. Alles richtig. Aber die Frage bleibt: Wie zeigt sich im Alltag, dass jemand Christin oder Christ ist?
Für einen Moment gönne ich mir eine katholische Allmachtsfantasie: Was könnte meine Kirche in der Umweltkrise alles bewirken, wenn es noch wie früher wäre. Ich stelle mir vor, wir würden all die Fastentage wieder verbindlich einführen, die es in unserer Tradition gibt. Und an all diesen Tagen auf Fleisch verzichten: Freitags kein Fleisch, in der Fastenzeit vor Ostern kein Fleisch. die Adventszeit – die ist ja eigentlich auch eine Fastenzeit, eine Vorbereitungszeit auf Weihnachten, also auch kein Fleisch. Ein Fastengebot bestand früher auch an den Vorabenden von Heiligenfesten. Und Heilige gibt es jede Menge bei uns. Da kommt man schnell mal auf eine ganze Menge Tage ohne Fleisch. Wir könnten den Fleischkonsum durch religiöse Regeln so stark herunterfahren, dass die Grünen auf uns als Umweltbewegung neidisch werden. Aber Scherz beiseite und ernsthaft:
Wir Katholikinnen und Katholiken könntenVorbilder für einen nachhaltigen Lebensstil sein. So würde man merken, was es bedeutet, im Alltag katholisch zu sein. Ökologisch-katholisch sozusagen: Miteinander auf Fleisch zu verzichten, der Schöpfung zuliebe. Da könnten wir uns wunderbar mit anderen christlichen Kirchen, ja mit allen Religionen verbinden. Sie alle haben ja ihre Fastentraditionen. Aber damit das wirkt, müssten viele mitmachen. Am besten alle. Freiwillig wird das nichts. Sollte unsere Kirche das also nicht besser wieder vorschreiben? Hier endet meine Allmachtsphantasie. Ich will nicht zurück zu einer Kirche, die Menschen bevormundet. Aber Teil einer religiösen Bewegung sein, die Menschen verbindet, das wäre schön. So dass mehr möglich wird, als wenn wir alle vereinzelt sind und bleiben.
Da höre ich, wie sich jemand räuspert. Der Schulleiter schaut mich fragend an. Offenbar war ich länger in Gedanken woanders. Aber eigentlich bin ich genau bei unserer Frage: Wie kann die Kirche hier vor Ort die Schule unterstützen? Wie können Christinnen und Christen etwas von sich zeigen, damit es dem Zusammenleben dient? Und so setzen wir unser Gespräch fort. Und überlegen miteinander, was es braucht, damit das Zusammenleben gelingt.
Zwischen christlichen und muslimischen und säkulären Jugendlichen und allen Varianten dazwischen und darüber hinaus. Wir könnten doch zu Gesprächen einladen, finden wir. Über das Fasten in unseren Traditionen. Wie es heute damit aussieht. Und was das für die Zukunft bedeuten kann: für unsere gemeinsame Zukunft. Nicht mit der Frage, wer es besser macht. Nicht als Wettkampf gegeneinander. Sondern als Weg zueinander und miteinander. Vielleicht können wir das mit einem Essen verbinden, im Ramadan und in der Fastenzeit und zu anderen Zeiten auch. Vegetarisch natürlich. Und nachhaltig.
Und dann – unsere Phantasie springt jetzt gemeinsam an – wenn wir vertrauter miteinander geworden sind, könnten wir uns vielleicht an andere, vielleicht noch heissere Themen heranwagen. An Frauen- und Männerbilder. An das Schwul- oder Lesbischsein in unseren Religionen. Und an der Schule. Das prägt den Alltag besonders stark. Ehrlich gesagt, viel mehr als das Fasten im Ramadan, erzählt der Schulleiter. Bei diesen Themen zeigen sich auch die Schattenseiten der Religionen. Da einen Weg zu finden, wie wir miteinander reden und leben können, ist für die Zukunft genauso entscheidend wie unsere Ernährung. Miteinander über das Fasten zu sprechen, wäre aber ein guter Anfang. Ich gehe ganz beseelt von dem Gespräch nach Hause und bin gespannt, was sich daraus entwickelt. Auf jeden Fall schon mal diese Radiopredigt, heute am ersten Sonntag der Fastenzeit.
Am Mittwoch, am Aschermittwoch, hat unsere Fastenzeit begonnen. Sie ist eine Einladung an Christinnen und Christen, steht aber allen anderen sehr gerne offen.
Sie ist eine katholische Einladung im wahrsten Wortsinn. Denn katholisch meint ursprünglich keine bestimmte Konfession oder Kirche, eine, die sich gegen andere abgrenzt oder sich für besser hält. Katholisch meint ursprünglich «weltumfassend». Und die ökologisch-katholische Variante geht gar nicht anders als weltumfassend, alle Menschen und die ganze Schöpfung. Liebe Hörerin, lieber Hörer, herzliche Einladung zur Fastenzeit! Sie ist eine Schule des Lebens. Hier wird gefragt: Woran wollen wir im Alltag erkennbar sein? Was soll uns mit anderen verbinden? Unserem Zusammenleben zuliebe. Unserer Zukunft zuliebe.
Die Antworten auf diese Fragen sind natürlich umstritten. Und waren es immer schon. Auch schon zur Zeit der Bibel. In der Bibel werden Streitgespräche über das richtige Fasten geführt. Der Prophet Jesaja ist einer, der da mitstreitet. Er lässt dafür sogar Gott direkt zu den Menschen sprechen. Da heisst es: So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche? Ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt? Wenn man den Kopf hängen lässt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der Gott gefällt? Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen?
Jesaja hat wohl beobachtet, dass Fasten dazu dienen kann, Menschen klein zu machen. Das gab es nicht nur damals, das gab es auch bei uns. Vielleicht kennen Sie das ja aus eigener Erfahrung. Oder diente das Fasten damals dazu – ich höre diesen Unterton jedenfalls heraus – ganz demonstrativ in Sack und Asche zu gehen, damit alle anderen merken, wie toll ich faste? Fasten nicht als Verbindung miteinander, sondern als Wettkampf gegeneinander. Gibt es auch heute noch.
Heute ist das Fasten aber vor allem etwas Individuelles. Es dient dem persönlichen Wohlbefinden. Das ist auch gut so. Fasten soll uns gut tun. Aber für die Bibel geht es um mehr: Die Fesseln des Unrechts lösen, Unterdrückte freilassen, jedes Joch zerbrechen. Ein Joch ist ein alter Ausdruck aus der Landwirtschaft. Ein Holzbalken, der Tieren über den Nacken gelegt wurde, damit sie einen Wagen oder den Pflug ziehen. Das wurde auf Menschen übertragen. Besiegte, Gefangene, Versklavte, Unterdrückte wurden unter das Joch der Sieger gezwungen. Das Wort ist veraltet. Seine Realität leider nicht. Nicht zwischen Menschen. Und nicht zwischen Menschen und der ganzen Schöpfung. Das Joch zerbrechen, jedes Joch, ist für Jesaja etwas, worum es beim Fasten geht.
Unrecht und Unterdrückung zwischen Menschen und der ganzen Schöpfung soll verschwinden. Das ist ein Fasten, wie ich es mir wünsche, lässt Gott durch Jesaja zweimal ausrichten. So soll sich die Beziehung zu Gott zeigen. So soll sich diese Beziehung, so soll sich religiöses Leben im Alltag zeigen. Nicht klein machen, nicht gegeneinander, nicht nur für mich. Und nicht weil es von oben vorgeschrieben ist. Weil es gut tut – uns und anderen. Uns und anderen gut tun. Anderen Gutes tun, tut auch uns gut. Uns ginge es besser, wenn es anderen besser ginge.
Davon hat Mani Matter ein Lied gesungen. Ich weiss nicht, ob er Jesaja kannte. Aber ich schliesse es nicht aus. Mani Matter war ein Bibelkenner und -Bibelleser.
Jedenfalls singt er: Dene wos guet geiht…
Mani Matters Lied endet eher pessimistisch. «Darum geit wenig…» Er hat seine Lieder gesungen, weil er Hoffnung hatte, dass es gut kommt und allne guet geit. Diese Hoffnung, die verbindet ihn mit dem Propheten Jesaja. Da singen sie miteinander. Denn nach dessen Worten über das Fasten heisst es: Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen.
Das richtige Fasten, das Joch zerbrechen heilt. Uns. Uns geht es besser, wenn es anderen besser geht. Wenn wir bereit sind, so zu fasten, zeigen wir uns im besten Licht. Dann merkt man nicht nur, dass wir Christin oder Christ sind. Dann zeigen wir, dass wir Menschen und Teil der Schöpfung sind. Wenn unser Licht hervorbricht, wie das Morgenrot, wenn wir uns im besten Licht zeigen, zeigen wir etwas vom göttlichen Licht in dieser Welt, das in allen ist. Wie das geht, das lohnt sich miteinander zu lernen. In der Fastenzeit und in anderen Lebensschulen.
*Peter Zürn ist römisch-katholischer Theologe und arbeitet in Klingnau.
Bibelstelle: Jesaja 58,4ff
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