Nach dem Anschlag auf eine katholische Kirche in Istanbul stehen die Christinnen und Christen in der Türkei unter Schock. Die Täter seien ihrem Aufruf gefolgt, «Christen und Juden zu töten». Kritik an den türkischen Behörden im Zusammenhang mit dem Anschlag äusserte der Apostolische Vikar Paolo Bizzeti.
Von Entsetzen und Schock infolge des Anschlags auf eine katholische Kirche in Istanbul hat der Apostolische Vikar von Istanbul, Maximilian Palinuro, berichtet. Die bisher gesammelten Zeugenaussagen, Videos und Bekenntnisse deuteten auf ein religiöses Motiv der Täter und einen «islamistischen Terrorakt», wobei man die genauen Ermittlungsergebnisse noch abwarten müsse, sagte der Bischof am Montag gegenüber «AsiaNews». Unter den Katholiken und Katholikinnen der Stadt mache sich Spannung und Angst breit, da der erste Angriff auf eine Kirche in der Türkei auch «Fragen über die Zukunft der christlichen Präsenz im Land» aufwerfe – worüber man zuvor eher gelassen gewesen sei.
Am Sonntag waren zwei bewaffnete Maskierte in die von Franziskanern geführte Kirche St. Maria Draperis während der Sonntagsmesse eingedrungen und hatten das Feuer eröffnet. Augenzeugen zufolge schossen sie zunächst in die Luft, bis ein Mann aufstand, um zu protestieren, worauf sie diesen erschossen. Mehrere Gottesdienstbesucher wurden den Berichten zufolge verletzt, was Regierungsvertreter jedoch dementierten. Bei dem Todesopfer handelt es sich laut Medienberichten um einen 52-jährigen obdachlosen türkischen Staatsangehörigen.
Berichten zufolge hat die Polizei die beiden Täter infolge umfangreicher Razzien im IS-Milieu, bei denen 47 Personen verhaftet wurden, bereits identifiziert und in Gewahrsam genommen. Sie sollen aus Tadschikistan und Russland stammen und der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) nahestehen, die bereits in der Vergangenheit Anschläge auf türkischem Gebiet verübt hatte und auf dem Nachrichtenkanal Telegram die Tat für sich reklamierte, seien die Täter doch ihrem Aufruf gefolgt, «Christen und Juden zu töten». Weitere Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft von Istanbul laufen.
Schauplatz des Attentats war die aus dem 18. Jahrhundert stammende, im neoklassizistischen Stil erbaute Kirche im Stadtteil Sariyer, wo es mehrere katholische Kirchen gibt, die frei zugänglich und sonntags gut besucht sind. Im Unterschied zur grössten Kirche der Türkei, der Armenisch-Apostolischen Kirche, oder dem traditionsreichen orthodoxen «Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel», hat die katholische Kirche in Istanbul durchaus Zulauf von Türken und es gibt auch Konversionen.
Insgesamt herrsche in der Türkei seit dem Hamas-Terroranschlag in Israel vom vergangenen Oktober und Israels Krieg gegen Gaza ein «Klima wachsender Feindseligkeit gegenüber dem Westen im Allgemeinen und folglich auch gegenüber dem Christentum», schilderte der Apostolische Vikar Palinuro. Einerseits, da Terroristen zwischen dem Westen, Israel, dem Christentum und der katholischen Kirche nicht unterscheiden würden – «paradoxerweise obwohl Christen in Gaza zusammen mit Muslimen Opfer von Angriffen der israelischen Truppen sind».
Als weiterer möglichen Hintergrund nannte der Bischof die «Islamophobie» im Westen. Koranverbrennungen in Westeuropa seien dort nur mediale Randnotizen, hätten in islamischen Ländern jedoch enorme Resonanz, erhitzten die Gemüter und schüfen Feindseligkeiten.
Als «ermutigend und tröstend» für die Gläubigen vor Ort bezeichnete Palinuro die Worte von Papst Franziskus, der am Sonntag bereits wenige Stunden nach dem Attentat bei seinem Angelus-Gebet auf dem Petersplatz in Rom seine Solidarität mit den Christen der Türkei bekundet hatte. Eingehend werde man sich mit dem Papst dann nächste Woche darüber austauschen können, wenn der Ad-Limina-Besuch der katholischen Kirchenführer in der Türkei in Rom anstehe.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte dem zuständigen Pfarrer von St. Maria Draperis noch am Sonntag in einem Telefonat sein Beileid ausgedrückt und versicherte, es würden «alle notwendigen Massnahmen» ergriffen, um die Täter zu bestrafen.
Kritik an den türkischen Behörden im Zusammenhang mit dem Anschlag äusserte jedoch der Apostolische Vikar für das im Südosten der Türkei gelegene Anatolien, Paolo Bizzeti. Er frage sich, warum «wir nicht rechtzeitig vor möglichen Anschlägen gewarnt wurden»; habe doch die Regierung zu Jahresbeginn erklärt, bereits 25 Terroristen infolge von Anschlagsplänen auf Kirchen und Synagogen verhaftet zu haben. Bei entsprechender Warnung wären die Sicherheitsmassnahmen für die Sonntagsmessen verstärkt werden können, befand der Bischof, der auf «rasche Aufklärung» und besseren Schutz der Christen drängte. (kap)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/terrorgruppe-is-bekennt-sich-zu-anschlag-auf-kirche/