Wenn Menschen ins Gefängnis müssen, bricht für viele Angehörige eine Welt zusammen. Finanzielle Sorgen treten auf. Kinder wollen betreut sein. Und da ist die Scham darüber, dass jemand aus der Familie verhaftet wurde. Seit April letzten Jahres nimmt sich die neue ökumenische Beratungsstelle ExtraMural in Zürich der Nöte von Angehörigen Inhaftierter an.
Wolfgang Holz
Morgens ums sechs ist für so manchen die Welt schon nicht mehr in Ordnung. Wenn plötzlich die Polizei mit mehreren Personen an der Tür klingelt und dem Vater einer Familie, der mutmasslich ein Delikt begangen hat, Handschellen anlegt und ihn verhaftet. Das ist für viele Angehörige erst mal ein Schock. Nicht zuletzt für die Kinder.
«In rund 95 Prozent aller Fälle handelt es sich um männliche Straftäter. Die Polizei kommt in der Regel so früh, weil dann die meisten Leute einfach zuhause sind», erklärt Ivana Mehr. Die 41-Jährige ist seit April letzten Jahres Leiterin «ExtraMural», die sich um Angehörige von inhaftierten Personen kümmert.
«ExtraMural» ist eine Aussenstelle der Zürcher Gefängnisseelsorge. Die ökumenische Beratungsstelle wird hälftig von der katholischen und reformierten Landeskirche finanziert. Ivana Mehr, die Religionswissenschaften studierte und in der Vergangenheit im Migrations- und Fluchtbereich arbeitete, ist von der katholischen Kirche im Kanton Zürich mit einem 60 Prozent-Pensum angestellt. «Mein Büro habe ich bei den Reformierten», sagt sie und lacht.
Zwar gebe es seit 1972 bereits den Verein «team 72», der sich im Bereich der Bewährungshilfe und Resozialisation engagiert und seit 2022 auch eine Infostelle für Angehörige anbiete. Zudem sei das ökumenische Projekt «Comeback» aktiv, welches Seelsorge und Begleitung für Strafentlassene anbietet. Doch der Bedarf an Beratung und Begleitung für Angehörige von inhaftierten Personen sei gross – angesichts von 13 Haftanstalten im Kanton Zürich.
Kein Wunder. Denn während der Tagesablauf für inhaftierte Personen nach ihrer Verhaftung innerhalb der Gefängnismauern geregelt ist, sei die Situation für die Angehörigen – die Partnerin oder die Ehefrau mit der Familie – ausserhalb der Gefängnismauern zunächst mal chaotisch. Daher der Name «ExtraMural».
«Angehörige müssen ihr Leben ausserhalb der Gefängnismauern nicht selten völlig neu auf die Beine stellen.»
Ivana Mehr, ExtraMural
«In der Haftanstalt haben inhaftierte Personen ein Dach über dem Kopf und sind rund um die Uhr versorgt. Dagegen müssen Angehörige ihr Leben ausserhalb der Gefängnismauern nicht selten völlig neu auf die Beine stellen», erklärt Ivana Mehr.
Das fange bei den Finanzen an und gehe über Kinderbetreuung bis zur eventuellen Arbeitsplatzsuche. «Deshalb ist es gut, dass es für Betroffene eine Anlaufstelle wie ExtraMural gibt, die den Menschen weiterhelfen kann und sie informiert, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden können.»
An allererster Stelle wollten Angehörige zuerst wissen, wie sie mit der Person im Gefängnis überhaupt Kontakt aufnehmen könnten, wo die Person sich nun genau befinde, wann es Besuchszeiten gebe. «Wenn jemand verhaftet wird und vorläufig festgenommen ist, gibt es nämlich erstmal keine Möglichkeit zu telefonieren», sagt Mehr. Anders sei es dann im Regelvollzug.
Aus ihrer Erfahrung der bislang rund 40, zumeist telefonisch erfolgten Beratungsgespräche mit 18 betroffenen Angehörigen weiss sie, dass vor allem deren Scham und Schuldgefühle schwer ins Gewicht fallen. «Für viele ist einfach überhaupt schwer zu sagen: Mein Mann wurde verhaftet», beschreibt Ivana Mehr. Es gebe auch Personen, die würden sich deshalb anfangs nicht trauen, bei ihr in der Beratungsstelle anzurufen.
«Ich hatte einmal über einen Monat lang Kontakt zu einer Frau per E-Mail, die sich aus Scham bei mir telefonisch nicht melden konnte», berichtet die Beraterin. Erst nachdem Ivana Mehr ihr angeboten habe, dass sie sie ja auch anrufen könne, habe die Frau eingewilligt. «So eine Verhaftung ist wirklich ein sehr einschneidender Moment im Leben von Angehörigen und verursacht grosse Scham.»
Ivana Mehr habe auch schon zweimal Hausbesuche gemacht – etwa, wenn die Verständigung auf Deutsch am Telefon schwierig gewesen sei. Um welche Delikte der inhaftierten Personen es sich im Einzelnen handelt, infolge derer diese inhaftiert wurden, wisse sie meist nicht genau – und sei für sie auch nicht wichtig.
«Entscheidend ist für mich die Hilfe, die ich leisten kann.» Mit der Belastung in ihrer Arbeit kann sie umgehen, da sie sich im Team oder mit Kolleginnen von den anderen Beratungsstellen besprechen könne. «Ausserdem habe ich aus meiner Arbeit im Fluchtbereich gelernt, mit sehr belastenden Situationen umzugehen.»
Und wie ist es? Geht Ivana Mehr auch selbst hin und wieder ins Gefängnis? «Ja, ich gehe immer wieder vor Ort in die Haftanstalten, nicht zuletzt, um über die Räumlichkeiten wie Besuchszimmer und Abläufe wie Personenkontrollen im Gefängnis Bescheid zu wissen und mich mit den gefängnisinternen Diensten zu vernetzen». Sie hat auch schon Gefängnisseelsorgende bei deren Arbeit begleitet.
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