In der Basler Museumsnacht griff die junge Künstlerin Anna Reutinger die Geschichten der stolzen, mächtigen und eigenwilligen Nonnen des Klosters Klingental in der Stadt auf. Viele davon sind historisch belegt – und heute weitgehend unbekannt.
Boris Burkhardt
«They were the queens of the town», sagt die 33-jährige Anna Reutinger aus Berkeley in California über die reichen Nonnen des Basler Klosters Klingental: «Sie waren die Königinnen der Stadt.» Reutinger lebt derzeit in Brüssel. Die Künstlerin arbeitet vor allem mit Textilien und beschäftigt sich derzeit intensiv mit den sozialen Erhebungen im 14. Jahrhundert, die in der Region Basel auch die frühe Textilindustrie betrafen. Für ihre derzeitige Ausstellung «Wordly Hearts» im Klingental in Basel hat sie sich von Erzählungen über die «radikalen Nonnen» inspirieren lassen.
Die Nonnen des Klosters Klingental, das im rechtsrheinischen Kleinbasel liegt, seien «keine guten Nonnen» gewesen, lautet Reutingers Urteil nach ihrer Recherche, bei der sie die Historikerin und Expertin Claudia Moddelmog von der Universität Basel unterstützte. Der Ausstellungsraum Klingental befindet sich in der umgebauten ehemaligen Kirche des Klosters.
«Sie besuchten trotz Klausur ihre Familienmitglieder, sangen, wenn es nicht erlaubt war, hielten sich Vögel und Hunde als Haustiere, verkauften Wein auf dem Schwarzmarkt und trugen beim Beten Handschuhe, weil es in der Kirche so kalt war», zählt Reutinger auf: «Sie badeten nackt im Rhein und liessen sich von den Männern ihres Ordens, den Dominikanern, nichts sagen.» Sie seien Geschäftsfrauen gewesen.
Für ihre Ausstellung hat Reutinger Herzen aus Stoff geformt, die mit typischen Nonnenschleiern verziert sind. Auf andere Herzen hat sie Szenen gestickt, die auf die erwähnten Anekdoten zurückgehen: zum Beten gefaltete Hände mit Handschuhen und Ringen, Weinflaschen mit Frauengesichtern, nackte Frauen, die sich im Wasser bewegen.
Ebenso aber typische Hexen mit langer Nase und Hut, die von Frauen aus dem Rhein gezogen werden: Denn, so lautet eine sympathischere Erzählung über die Nonnen, sie hätten die Frauen, die vom Käppelijoch auf der Mittleren Brücke als Hexen in den Rhein gestossen wurden, wenige hundert Meter rheinabwärts beim Kloster wieder herausgefischt. Der Rhein reichte damals direkt bis an die südlichen Klostermauern.
«Diese Frauen verhielten sich nicht, wie es von ihnen erwartet wurde.»
Anna Reutinger, Ausstellungsmacherin
Während der Basler Museumsnacht am 19. Januar lud Reutinger die Besucher ein, selbst Stoffe zu färben. Die Verbindung zu den Klingentaler Nonnen sei nur indirekt gegeben, gibt sie zu. Das Kloster selbst sei nicht in der Textilindustrie tätig gewesen: «Aber ich nutzte die Gelegenheit, mich mit diesen interessanten Frauen zu beschäftigen, die sich nicht verhielten, wie es von ihnen erwartet wurde.»
Waren die Nonnen im Kloster Klingental wirklich so rebellisch, wie Reutinger sie darstellt? Für die Recherche zu ihrer Aktion hat sie auch mit Gian Casper Bott gesprochen, Kunsthistoriker und Leiter des Museums Kleines Klingental. Dieses hat sein Domizil in dem ursprünglichen Wohn- und Verwaltungsgebäude des Klosters, direkt gegenüber der Kirche mit dem Ausstellungsraum.
Bott bestätigt die Geschichten, die es über die Nonnen gibt. Darüber hinaus berichtet er, dass es einen Tunnel unter dem Fluss hindurch ins Grossbasel gegeben haben soll, direkt zur gegenüberliegenden Predigerkirche, wo die Männer des Ordens lebten. «Ich kenne diese Geschichten, weil ich immer wieder von Menschen in Basel gefragt werde, ob sie wahr seien», sagt Bott im Gespräch mit kath.ch. Er hält sie für einen Mythos: «Den Tunnel unterm Rhein kann ich definitiv ausschliessen.»
Historisch belegt ist laut der Historikerin Annalena Müller, die umfassend zur Geschichte der Nonnen geforscht hat, die Anekdote, dass die Nonnen kräftig Lärm mit allerlei Gerätschaften machten, als eine päpstliche Bulle verlesen wurde, deren Inhalt ihnen nicht passte. «So konnten sie sagen, sie hätten sie nie gehört», ergänzt Bott. Das war am 8. Januar 1480, als die Klosterregeln auf Betreiben der Basler Stadtregierung reformiert werden sollten.
Unter den sechs Männer- und vier Frauenklostern Basels waren die Klingentalerinnen nämlich mit den Töchtern grosser Basler Familien nicht nur die reichsten, sondern auch die mächtigsten. Dieses Selbstverständnis lebten sie auch aus. Dem Basler Rat war ihr gehobener Lebensstil hinter den Klostermauern im 15. Jahrhundert jedenfalls ein regelmässiger Dorn im Auge – sie erwirkten beim Papst den Befehl, dass das Kloster reformiert werden solle.
Zunächst flohen die reformunwilligen Nonnen 1480, kehrten aber durch die politischen Beziehungen ihrer Familien nach drei Jahren wieder zurück. Bei ihrer Rückkehr vertrieben die Nonnen die reformwilligen Schwestern, die seither im Klingental gelebt hatten. Laut Müller ging es dabei gewalttätig zu «bis zur Entweihung des Chors».
«Die Nonnen im Kloster waren durchaus privilegiert», bestätigt Bott. «Aber ich glaube schon, dass bei den meisten der Glaube der Grund für den Eintritt ins Kloster war, nicht nur die Sicherung des Erbes für die Familie.» Die Nonnen hätten den grossen Vorteil gehabt, lesen und schreiben zu können: «Das machte sie auch vielen Männern in der städtischen Gesellschaft gegenüber mächtig.»
Als Beweis für die Belesenheit der Nonnen erwähnt Bott das Gebetsbuch der Klingentalerin Margret Zschampi, das in der Universitätsbibliothek in Basel aufbewahrt wird. Allerdings sagt Bott auch, dass es im Kloster kein Scriptorium gegeben habe. Müller bestätigt, die Klingentalerinnen waren Geschäftsfrauen, die ihr Geld mit Landbesitz, Immobilien und Kreditwirtschaft verdienten, keine Kopistinnen.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Klosters seit seinem Bau 1274 kann man für das Kleinbasel laut Bott nicht überbewerten: «Überspitzt würde ich sogar sagen, dass das Kloster Klingental mit seiner Landwirtschaft und den Wassermühlen am Gewerbekanal die Keimzelle der Kleinbasler Industrie war.»
Ihren Platz in Kleinbasel mussten sich die Klingentalerinnen aber erst erarbeiten: Das benachbarte Frauenkloster St. Clara habe erst sein Einverständnis geben müssen, bevor sie ihre Kirche bauen durften, sagt Bott. Eben jene Kirche, in der Reutinger in der Museumsnacht ihren Textilfärbe-Workshop anbot.
Aller wirtschaftlicher Einfluss und alle politische Macht schützten die Nonnen allerdings nicht vor der Reformation. 1557 wurde das Kloster als Institution endgültig aufgehoben: Die Mehrheit der Klingentaler Nonnen konnte überzeugt werden, in Klöster in katholischen Gebieten umzuziehen oder ins weltliche Leben zurückzukehren.
Die wenigen, die blieben, durften die Gebäude noch bis zu ihrem Tod bewohnen. «Das wurde ihnen wohl nicht aus purer Grosszügigkeit gewährt», sagt Bott: «Dabei ging es der Stadt vor allem auch darum, den wirtschaftlichen Betrieb aufrechtzuerhalten und die Pfründe und Zinsen einzunehmen.» Die Kirche wurde schliesslich säkularisiert, die Gebäude westlich davon für heutige die Kaserne abgerissen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/im-kloster-klingental-lebten-die-koeniginnen-von-basel/