Es war ein Paukenschlag: Homosexuelle Paare können ab sofort in der katholischen Kirche einen Segen erhalten. Das hat Papst Franziskus entschieden. Dieser Sinneswandel im Vatikan freut gleichgeschlechtliche Paare ausserordentlich – wie Andrea (38) und Marlin (34) aus Winterthur versichern. Sie leben seit sechs Jahren als Familie zusammen und haben zwei gemeinsame Töchter.
Wolfgang Holz
Die Freude bei Andrea und Marlin ist riesengross. «Ich habe geweint wie ein kleines Kind, als ich die Nachricht aus dem Vatikan gehört habe, dass homosexuelle Paare sich ab sofort in der katholischen Kirche segnen lassen dürfen», bekennt Andrea gegenüber kath.ch. «Das ist ein grosser Schritt vorwärts.»
Schon seit sechs Jahren lieben sich die beiden Frauen und leben in Winterthur zusammen. «Marlin und ich haben uns an einem Ethnokonzert kennengelernt», erzählt die 38-Jährige. Sie bedauert, dass sie ihre Partnerin nicht schon 20 Jahre früher getroffen hat.
Andrea und Marlin betrachten sich beide als verheiratet – obwohl sie standesamtlich nicht getraut sind. «Wir wollen nur kirchlich heiraten», sagt Andrea. «Ich bete jeden Tag, aus ganzem Herzen und voller Liebe und Leidenschaft zu Gott.»
In die Kirche geht sie nicht regelmässig: «Weil ich noch keinen geeigneten Ort im Kanton Zürich gefunden habe, wo es so einen Seelsorger wie Meinrad Furrer in Luzern gibt, der Homosexuelle segnet.»
Apropos Meinrad Furrer. «Er hat uns bereits 2021 auf dem Platzspitz als Paar gesegnet», berichtet Andrea. Trotz der guten Nachricht aus dem Vatikan wollen Marlin und sie sich deshalb nicht ein zweites Mal segnen lassen. Es sei denn, wie gesagt, sie dürften vor dem Altar heiraten: «Wir beide am liebsten in Weiss, das wäre unser Traum.»
Andrea und Marlin führen ein ganz normales Familienleben mit zwei heranwachsenden Töchtern. Eine Tochter habe Andrea in die Beziehung mitgebracht, die andere Tochter sei ein gemeinsames Pflegekind.
«Unsere beiden Töchter lieben uns Mütter – so sehr, dass sie in Bewerbungsschreiben für eine Lehrstelle uns zwei Mütter anstatt den Eltern erwähnen», sagt Marlin. Diese Formulierung habe aber schon Nachteile bei Bewerbungen gezeitigt. «Deshalb habe ich meiner Tochter geraten, künftig lieber Marlin und Andrea plus Nachname als Eltern anzugeben. Da Marlin als Name männlich klingt, denken manche, es handle sich um Mann und Frau.»
Auch in anderen Situationen spüren die beiden Frauen Diskriminierungen. «Eigentlich fühlen wir uns glücklich und gesund. Aber meiner Frau spuckten Männer in Winterthur schon auf die Füsse, weil wir als Frauen zusammenleben», berichtet Andrea gegenüber kath.ch.
Die beiden trauen sich auch nicht, Händchen haltend ihre gegenseitige Liebe öffentlich zu bekunden. «Unser grösster Wunsch ist es, in Zukunft einfach nur so leben zu dürfen, wie wir sind, und dass wir in Ruhe gelassen werden.»
«Wenn man in einer christlichen Familie aufwächst, ist dies täglich ein Fluch und ein Segen. Ein Leben lang.»
Andrea
Und nicht nur das. Solange die katholische Kirche gleichgeschlechtliche Paare nicht als Verheiratete anerkennt, fürchtet Andrea weiter um ihr Seelenheil. «Wenn man in einer christlichen Familie aufwächst, ist dies täglich ein Fluch und ein Segen. Ein Leben lang», bekennt Andrea. «Ich zweifle nämlich jeden Tag an meinem Leben, weil ich ja gemäss offizieller Lesart der katholischen Kirche wegen meiner sexuellen Neigung irgendwann in der Hölle lande.»
Trotzdem keimt weitere Hoffnung in ihr auf. «Wenn der Glaube an Gott für die Menschen eine Zukunft haben und wichtig sein soll, muss die katholische Kirche weiter vorwärtsmachen», ist Andrea überzeugt. Der erste Schritt ist, wie gesagt, nun endlich getan. Für Andrea und Marlin. Und für viele andere gleichgeschlechtliche Paare. Dank Papst Franziskus.
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