Im Kinofilm «Rapito – Die Bologna-Entführung» wird die Geschichte des jüdischen Jungen Edgardo Mortara erzählt, der von Papst Pius IX. erst seiner Familie entrissen und dann zwangskonvertiert wird. Der historische Fall deckt die Machtstrukturen der katholischen Kirche auf, die bis heute Bestand haben. Trotzdem schwingt in der Geschichte auch Hoffnung mit.
Sarah Stutte
Im Jahr 1857 erfährt Pater Pier Feletti, Inquisitor des Heiligen Offiziums in Bologna, dass sechs Jahre zuvor die Katholikin Anna Morisi den kleinen Edgardo Mortara offensichtlich heimlich getauft hat. Morisi war damals als Hausmädchen bei der jüdischen Familie Mortara angestellt und wollte die Seele des an Fieber erkrankten Babys retten.
Das Kind überlebt, weshalb die katholische Kirche davon überzeugt ist, dass der Junge von nun an im christlichen Glauben erzogen werden muss. Deshalb dringen von Feletti abgesandte Geistliche wenig später bei einer Nacht- und Nebel- Aktion in das Haus der Mortaras ein und entreissen den Sechsjährigen seiner verzweifelten Familie.
Edgardo wird in den Vatikan gebracht und unter dem Schutz von Papst Pius IX. (1846–1878) fortan umerzogen – dem jüdischen Glauben muss er ganz entsagen. Das verstört das Kind zutiefst, zumal dieses seine Familie vermisst, die es nicht mehr sehen darf. Seine Eltern versuchen in der Folge alles, um ihren Sohn wieder zu sich zu holen.
Die wahre historische Begebenheit löste zu jener Zeit nicht nur in der gesamten jüdischen Gemeinde Italiens Empörung aus, sondern auch in ganz Europa und sogar in den USA. Papst Pius IX. weigerte sich strikt, den Jungen seiner Familie zurückzugeben und liess ihn stattdessen zum Priester ausbilden.
Rechtlich hatte der Papst die Oberhand. Die Entführung des Jungen ging unter Polizeiaufsicht vonstatten, war also amtlich. Zwar gab es ein von Papst Pius VI. 1775 bestätigtes Dekret, dass Zwangstaufen jüdischer Kinder verurteilte, insbesondere auch solche durch Laien. Doch das Dekret besagte auch, dass Laien ausnahmsweise eine christliche Taufe vornehmen dürften, wenn das Kind sich zu diesem Zeitpunkt in Lebensgefahr befand.
In einem späteren Gerichtsprozess kamen Zweifel am Lebenswandel von Ana Morisi auf und damit wurde auch in Frage gestellt, ob die damalige Taufe rechtmässig vollzogen worden sei. Das Gericht entschied aber letztendlich zugunsten des Kirchenrechts. Weitere Versuche der Mortaras und der jüdischen Gemeinde Bolognas, den Jungen freizukaufen, schlugen fehl. Die Familie musste später verarmt Bologna verlassen.
Der mittlerweile 84-jährige italienische Regisseur Marco Bellocchio («I pugni in tasca», 1965) schafft es in seinem Film, das persönliche Leiden des Jungen sichtbar zu machen, der in eine tiefe Glaubenskrise stürzt.
«Rapito» wirft einen detailliert-kritischen Blick auf die damaligen Machtverhältnisse der katholischen Kirche in Italien und entlarvt die Gewalt, die im Namen der Religion oder unter ihrem Deckmantel – gestern wie heute verübt wurde. In aufwendigen Bildern wird das ganze Ausmass dieses Schicksals aufgezeigt, das letztendlich eine Familie für immer entzweite.
Papst Clemens VIII. liess 1593 alle Juden aus dem Kirchenstaat vertreiben. Nur in Rom, Avignon und Ancona durften sie wohnhaft bleiben, allerdings in sogenannten jüdischen Ghettos. Diese päpstliche Verordnung betraf auch die jüdische Gemeinde von Bologna, die sich daraufhin im Herzogtum Modena niederliess. Von dort stammte auch die Familie Mortara, die ein kleines Geschäft betrieb. Um dieses zu vergrössern, entschied sich die Familie 1850 nach Bologna umzusiedeln.
In Bologna bestand für Juden seit der Verbannung durch Clemens VIII. noch bis zum Jahr 1800 das Niederlassungsverbot. Die jüdische Gemeinde kam erst zögerlich zurück. 1858 lebten etwa zweihundert Juden in der Stadt, von denen die meisten Kaufleute waren.
Sie verfügten weder über eine Synagoge noch über einen Rabbiner, sondern waren der religiösen Obhut des Rabbis von Cento unterstellt. Dafür waren die Juden in Bologna, der nach Rom grössten Stadt des Kirchenstaates, nicht ghettoisiert wie noch in den meisten kirchenstaatlichen Städten jener Zeit.
Allerdings regelte der «Editto sopra gli Ebrei» (Erlass über die Juden) aus dem Jahre 1775 eindeutig, dass die Juden des Kirchenstaates keine christlichen Dienstboten anstellen durften. Diese spezifische Regelung wurde jedoch nicht systematisch überwacht.
So beschäftigten auch die Mortaras christliche Dienstmädchen. Dass die Familie damit grundsätzlich gegen kirchliches Recht verstiess, kann möglicherweise einen Einfluss darauf gehabt haben, dass ihr später im Falle der Entführung ihres Sohnes die rechtliche Handhabe fehlte.
Der Fall Mortara brachte das Volk gegen einen autokratischen Papst auf, der sich mit seinem Kurswechsel von tolerant zu konservativ schon zuvor unbeliebt gemacht hatte. Heute gilt die Entführung als einer der Faktoren, die den Untergang des Kirchenstaates einläuteten, der sich zu dieser Zeit noch über ganz Mittelitalien erstreckte.
Damals war die Stadt Bologna noch Teil dieses Kirchenstaates, dem der Papst als Oberhaupt vorstand. Das weltlich-politische Herrschaftsgebiet der römisch-katholischen Kirche bestand von 756 bis 1870 und soll durch die Pippinsche Schenkung entstanden sein. Pippin war von 781 bis 810 König von Italien.
754 übergab dieser dem damaligen Papst Stephan II. (752–757) offenbar grossherzig das Dukat Rom, das Exarchat Ravenna – zu dem Bologna gehörte – mitsamt der Pentapolis, Tuszien (Toskana), Venetien, Istrien (gehört heute zu Kroatien und Slowenien) und die Herzogtümer Spoleto und Benevent als kirchliche Territorien. Dies soll in der sogenannten Urkunde von Quierzy festgehalten sein.
Da diese Schenkungsurkunde aber die Zeit nicht überdauert hat, wird die Echtheit von Historikerinnen und Historikern angezweifelt. Eine weitere Schenkung – die Konstantinische – erwies sich später ebenfalls als Fälschung. Angeblich soll sie um 315 vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt worden sein, tatsächlich wird sie aber auf das Jahr 800 datiert.
Trotzdem blieb sie jahrhundertelang Grundlage für den päpstlichen Herrschaftsanspruch in Italien. Und machte die jeweiligen Päpste damit zu den grössten Grossgrundbesitzern des Landes. Das angeeignete Land wurde als Patrimonium Petri bezeichnet – «Vermögen des Petrus».
Doch die Französische Revolution und die Herrschaft Napoleons liessen den Kirchenstaat an Gebiet und Einfluss verlieren. Im Zuge der europäischen Revolutionsbewegung von 1848/1849 forderten die Liberalen immer stärker die Trennung von Kirche und Staat.
Obwohl es im Kirchenstaat schon vorher ähnliche «vatikanische Entführungsfälle» wie den von Edgardo Mortara gegeben hatte, löste keiner von ihnen solches Aufsehen aus. Das war das emotionale Argument, welches das Fass zum Überlaufen brachte und 1861 der Gründung eines neuen Staates, des Königreichs Italien, Vorschub leistete. Dieses annektierte 1870 den Kirchenstaat vollständig.
Papst Pius IX. betrachtete sich bis zu seinem Tod acht Jahre später als «Gefangener im Vatikan». Erst im Jahr 1929 wurde die Frage nach der Stellung des Papstes und seines Verhältnisses zu Italien in den Lateranverträgen geregelt. Diese sicherten dem Vatikan als Nachfolger des Kirchenstaates die volle Souveränität über das päpstliche Territorium (Vatikanstadt) zu.
Bellocchio selbst sagte in einem Interview in der «Jüdischen Allgemeinen», dass er mit seinem Film die Idee der Hoffnung aufgreifen wolle, «sich gegenseitig anzuerkennen und besser zu verstehen». Das gelte für viele Themen, mit denen wir gerade konfrontiert würden, beispielsweise der Tragödie in Israel, aber auch bei Fragen der Migration. Diese Toleranz hätte es in der Geschichte damals nicht gegeben, «aber sie würde der Menschheit heute sehr wohltun».
Der Film «Rapito – die Bologna Entführung» läuft derzeit in den Schweizer Kinos.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant